Wirtschaft
Die Tragödie des glaubwürdigen Experten
Von Martin Kolmar. Aktualisiert am 07.07.2010 2 Kommentare
«Die derzeitigen düsteren Szenarien Paul Krugmans und anderer sind aber ein Spiel mit dem Feuer, wenn sie sich häufen»: Wirtschaftsprofessor Martin Kolmar
Martin Kolmar
Martin Kolmar, 43, ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen. Er ist dort auch Direktor des Instituts für Finanzwissenschaft und Finanzrecht. Kolmar ist Autor zahlreicher Fachpublikationen, darunter das soeben in 3. Auflage veröffentliche Lehrbuch «Grundlagen der Wirtschaftspolitik» (zusammen mit Friedrich Breyer).
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«Ach! ach! wie schwer ist Wissen, wo es unnütz Dem Wissenden. Denn weil ich wohl es weiss, Bin ich verloren; nicht wär ich gekommen!» Sophokles, König Ödipus
Vor langer Zeit lebte in einem fernen Land ein weiser Mann. Das Volk hielt seine Weisheit für so gross, dass jeder ihm unbesehen glaubte, was er zu Philosophie, Politik, Wirtschaft und was sonst noch von sich gab. Eines Tages aber prophezeite der weise Mann, dass ein Fluch über dem Volk liege, dass es aufgrund fehlgeleiteter Politik und Hybris in der Zukunft eine grosse Verelendung geben würde, dass der Wohlstand seines Volkes eine Illusion sei, auf falschen Hoffnungen gebaut. Die Herzen der Bürgerinnen und Bürger füllten sich mit Furcht, und jeder versuchte so gut es ging, sich auf die düstere Zukunft vorzubereiten. So gingen die Menschen zu den Banken, um ihr Geld abzuheben, weil sie dafür Vorräte kaufen wollten. Und da alle Menschen auf einmal kamen, hatten die Banken nicht genug Geld, um es auszuzahlen. Eine Bank nach der anderen wurde insolvent, und das Geldsystem brach zusammen. Niemand konnte mehr sparen oder sich Geld borgen, Unternehmen konnten ihre Investitionen nicht mehr finanzieren, was aber auch nicht mehr wichtig war, denn niemand wollte mehr investieren. Und auch kein anderes Land lieh dem Volk mehr auch nur einen Krug. So versank das Volk in einem beispiellosen Strudel der Verelendung. Nur der Ruhm des weisen Mannes strahlte heller denn je.
Die Schwarzmalerei der Experten
Nach einer erstaunlich schnellen Erholung von der Finanzkrise ist die Öffentlichkeit derzeit wieder mit einer Vielzahl von bedrohlichen Nachrichten über die zukünftige Entwicklung der Ökonomie konfrontiert. Das Konsumentenvertrauen in z. B. den USA im Juni um 10 Prozentpunkte gefallen. Wenn daher innerhalb weniger Tage Ökonomen wie Arthur Laffer, eine wichtige Stimme an der Wall Street, vor einem ökonomischen Kollaps im Jahre 2011 warnt, der Nobelpreisträger Paul Krugman anstatt Licht eine Depression am Ende des Tunnels sieht, wenn die für die Weltwirtschaft zentralen Staaten an ihrer Sparpolitik festhielten, und Ken Rogoff das Platzen einer Immobilienblase in China erwartet, stellt sich die Frage, welche Folgen diese Informationen für die Entwicklung der Wirtschaft haben.
Dies ist eine äusserst delikate Frage, da die Öffentlichkeit zum einen verlangen kann, von den weltweit führenden Experten korrekt unterrichtet zu werden, zum anderen aber solche Nachrichten das Verhalten der Menschen ändern. Anders als Atome, die sich herzlich wenig um die Theorien scheren, die Menschen über sie haben, reagieren Menschen auf solche Nachrichten. Das nach William Thomas benannte Thomas-Theorem besagt: «Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.» Diese Vorstellung ist in Ihrer Absolutheit sicher überzeichnet, da die Wirklichkeit einer völlig freien Konstruktion ihrer selbst mehr oder weniger Widerstand leistet, doch ist sie gerade bezüglich unserer Ideen von der Zukunft für längere Zeiträume weitgehend zutreffend. Da bezüglich der Zukunft nur die Unsicherheit sicher ist, eignet sie sich prächtig, um mit unseren Wünschen und Ängsten aufgeladen zu werden. Diese Beobachtung hat Folgen für die Funktionsweise unserer Wirtschaft. Der Preis eines Wertpapiers sollte eigentlich seinem auf die Gegenwart bezogenen zukünftigen Zahlungsflüssen entsprechen. Diese kennt niemand mit Sicherheit. Daher werden auf Finanzmärkten unterschiedlich optimistische Zukunftserwartungen gehandelt. Anders als auf einem Markt für – sagen wir – Tomaten sind die Käufer und Verkäufer auf Finanzmärkten in Ihrer Bewertung der Produkte aber häufig nicht autonom. Ihre Einschätzung des Werts eines Wertpapiers hängt vom grundlegenden Vertrauen in die Zukunft und den Einschätzungen der anderen Marktteilnehmer ab. Daher können sich Erwartungen nach oben und auch nach unten schaukeln, Finanzmärkte sind inhärent instabil und spiegeln die Psychologie der Marktteilnehmer wieder, das Thomas-Theorem besitzt Gültigkeit.
Das Risiko der selbsterfüllenden Prophezeiung
In einem solchen Umfeld kommen Experten und den Medien als «Erwartungsanker» eine wichtige Rolle zu: verbreitet sich beispielsweise eine Nachricht über die Probleme eines Finanzinstituts oder ein Landes, kann diese schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden, im Extremfall selbst dann, wenn sie ursprünglich frei erfunden war. Und auch, wenn sie einen rationalen Kern hatte, kann erst der Hinweis durch anerkannte Experten den Todesstoss bedeuten.
Daher stellt sich die Frage nach der Rolle von negativen Nachrichten und Einschätzungen, wie sie in den vergangenen Tagen in die Welt gesetzt und dann von diversen Medien verbreitet wurden. Paul Krugman würde vielleicht darauf hinweisen, dass gerade der Irrglaube bezüglich der richtigen Politik das Problem ist. Dann weist er seinen dunklen Prognosen nicht die Rolle einer selbsterfüllenden sondern einer selbstzerstörenden Prophezeiung zu. Durch die Verbreitung der Nachricht verändert sich das Verhalten der relevanten Akteure so, dass das Eintreten der Prognose unwahrscheinlicher wird. Der Überbringer einer selbstzerstörenden Prophezeiung hat dabei immer etwas von einem tragischen Helden, scheint er sich doch rückblickend geirrt zu haben, wenn seine Strategie aufgeht. Was wollte er denn, die Katastrophe fand ja gar nicht statt? Die derzeitigen düsteren Szenarien Paul Krugmans und anderer sind aber ein Spiel mit dem Feuer, wenn sie sich häufen. Sie haben nur dann das Potenzial zu einer selbstzerstörenden Prophezeiung, wenn die relevanten Regierungen Einsicht zeigen und auf den jeweils für richtig erachteten Kurs einschwenken. Tritt dies nicht ein, so erhöht das ständige Reden über die Gefahren einer Depression die Wahrscheinlichkeit, dass diese eintritt. Wie in einem Spiegelsaal können sich diese Nachrichten verstärken, sie werden «in ihren Konsequenzen wirklich.»
Das problematsiche Selbstverständnis von Experten und Medien
Hier zeigt sich ein Dilemma: Was bedeutet die Möglichkeit selbsterfüllender Prophezeiungen für das Selbstverständnis von Experten und den Medien bezüglich ihrer öffentlichen Rolle? Sollten Sie ihre Überzeugungen für sich behalten, wenn die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung besteht? Sollte man im Wettbewerb um Aufmerksamkeit auf einen fahrenden Zug nicht aufspringen, weil man weiss, dass am Ende Hysterie und nicht sachliche Aufklärung steht? Oder handelt es sich um eine Selbstüberschätzung wenn man annimmt, dass solche Stimmen überhaupt einen Einfluss auf Erwartungen und Märkte haben? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.07.2010, 12:56 Uhr
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2 Kommentare
Darum sollte Wirtschaft nicht einer anonymen, unsichtbaren Hand überlassen bleiben. Was wir brauchen ist Nahrung, Kleidung, Obdach, Wasser, Energie, Kommunikation, Transport, Bildung, Pflege, etc. Diese Bedürfnisse können wir an Gemeinde- oder Quartierversammlungen besser artikulieren, als auf anonymen Märkten. Wirtschaft sollte direktdemokratisch organisiert werden (statt Konkurrenzfaustrecht). Antworten




Max Meier
Andererseits, sollten fundamentale Misswirtschaft im Hinblick auf eine schnelle Erholung einfach todgeschwiegen werden? Dies passiert hauptsächlich und vor allem durch staatlich angelehnte Experten, deren Statements vor allem Politiker kurzfristig schützen sollen. Das Motto nach mir die Sintflut durch Schönreden von heute und jetzt scheint mir auch nicht gerade eine Alternative zu sein. Antworten