«Die Welt brennt. Wann helft ihr?»

Deutschland müsste heute in Europa einen modernen Marshallplan lancieren. Doch Berlin bleibt stur und gefährdet damit auch das Wohl der Weltwirtschaft.

Müsste einen neuen Marshallplan für Europa lancieren: Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.), Feiern zu 50 Jahren Marshallplan in Rotterdam.

Müsste einen neuen Marshallplan für Europa lancieren: Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.), Feiern zu 50 Jahren Marshallplan in Rotterdam. Bild: Reuters

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«Sprich sanft, aber trag einen dicken Knüppel mit dir», sagte einst der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt. Die Aussage ist zu einer der bekanntesten Maximen der US-Aussenpolitik geworden. In der globalisierten Welt der 1990er-Jahre wurde sie leicht modifiziert. «Sprich sanft, aber trag einen dicken Geldbeutel mit dir», sagten nun die Spötter. Tatsächlich hat das Trio Alan Greenspan, Robert Rubin und Larry Summers – bekannt auch als «Komitee zur Rettung der Welt» – mit dieser Methode zuerst die Mexiko-Krise entschärft, dann die asiatische Grippe besiegt und schliesslich Russland vor dem Staatsbankrott bewahrt.

Verelendungsspirale in Europa

Damals waren die Vereinigten Staaten die unbestrittene Supermacht, die US-Wirtschaft erlebte den längsten Boom ihrer Geschichte, und in den Staatskassen stapelten sich die Überschüsse. Die USA mussten ihren dicken Geldbeutel gar nie zücken. Sie mussten der Welt bloss glaubhaft versichern, dass sie es, falls nötig, auch tun würden. Das reichte bereits, um die aufkommende Panik wieder in den Griff zu bekommen und die Krisen zu bewältigen.

Heute zeichnet sich in Europa eine wirklich bedrohliche Verelendungsspirale ab. In Griechenland, Portugal und Irland wird ein Staatsbankrott immer wahrscheinlicher. Jetzt frisst sich die Krise ins Herz von Europa. Italien und Spanien sind bereits von der Finanzseuche erfasst. Frankreich, Belgien und Österreich sind wahrscheinlich angesteckt. Die jüngsten Herabstufungen der Ratingagenturen könnten wieder sehr unruhige Wochen auf den internationalen Finanzmärkten zur Folge haben.

Ohne Marshallplan kein Wirtschaftswunder

In der «Financial Times» erinnert Gideon Rachman an Europa im Jahr 1947. Damals war Griechenland wie heute am Rande einer Staatspleite und eines Bürgerkrieges. Die USA reagierten prompt. Sie lancierten wenige Wochen später den legendären Marshallplan, der heute noch als wirtschaftspolitischer Geniestreich gefeiert wird. Ohne Marshallplan wäre das europäische Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre nicht möglich gewesen.

Auf eine solche wundersame Hilfe aus Übersee zu hoffen, ist heute illusorisch. Der Geldbeutel der Amerikaner ist leer, und die Chinesen sind noch weit davon entfernt, die Rolle des reichen Onkels zu spielen. Nur Deutschland hätte derzeit die Möglichkeit, die Verelendungsspirale zu stoppen. Es verfügt über beides, das internationale Prestige und die ökonomische Potenz.

Der italienische Premierminister hat sich deshalb erneut in einem Appell an Berlin gewandt. Deutschland habe die ökonomische Diskussion gewonnen, sagte er. Alle würden jetzt einsehen, dass mehr Disziplin beim Sparen wichtig sei. Doch diese Bemühungen müssten jetzt auch von Deutschland honoriert werden. «Wenn die ernsthaften Bemühungen nicht anerkannt werden und eine gewisse Annäherung in finanziellen Angelegenheiten erfolgt, dann wird es einen gewaltigen Rückschlag in den Ländern geben, die jetzt einer harten Disziplin unterworfen werden.»

Die erblich bedingte Inflationshysterie überwinden

Mit «gewissen Annäherungen in finanziellen Angelegenheiten» spielt Monti klar auf Eurobonds und die Rolle der Europäischen Zentralbank als Kreditgeberin in letzter Instanz an. Beides wird von Angela Merkel bisher vehement abgelehnt.

Wenn heute Deutschland mit sanfter Stimme vernünftig sprechen würde, dann müsste es seinen dicken Geldbeutel wahrscheinlich gar nicht zücken. Es müsste bloss seine erblich bedingte Inflationshysterie überwinden und eine zeitgemässe Wirtschaftspolitik anstreben. Dazu scheinen Angela Merkel und Co. nicht in der Lage zu sein. Rachman zitierte einen frustrierten hohen Beamten des Pentagons wie folgt: «Ich habe meinen deutschen Kollegen kürzlich gefragt: ‹Die Welt brennt. Wann helft ihr?› Er hat bloss mit den Achseln gezuckt.»

(Erstellt: 17.01.2012, 16:19 Uhr)

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