Wirtschaft

Die Wohneigentumsnot der Gutverdienenden

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 28.10.2011 168 Kommentare

Die Immobilien-Preise in Zürich sind derart hoch, dass selbst Leute mit 150'000 Franken Jahreseinkommen kaum mehr eine Chance auf dem Markt haben. Das verändert die Stadt.

1/8 2,2 Millionen Franken: Der Preis für eine 4,5-Zimmer-Wohnung in Altstetten, 145 m².

   

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Stefan Weber* geht es finanziell gut. Er und seine Frau haben beide geerbt, als Verkaufsleiter verdient Weber um die 150'000 Franken im Jahr. Trotzdem hat er vor wenigen Wochen einen unangenehmen Anruf machen müssen: Mit der Wohnung, sagte er dem Makler, werde es leider nichts. 2,1 Millionen Franken – das sei einfach zu viel. Es wäre eine schöne Wohnung gewesen, 5 Zimmer, 165 m², genug Platz für das Paar und die gemeinsame Tochter. «Der Entscheid ist mir sehr schwergefallen», sagt Weber. «Ich frage mich: Wer kann das eigentlich noch bezahlen?»

Weber ist mit seinen Erfahrungen nicht alleine. Viele Stadtzürcher stellen in den letzten Jahren fest, dass sie selbst mit einem weit überdurchschnittlichen Einkommen keine Chance auf eine Eigentumswohnung haben. Gut 1 Million Franken Eigenkapital haben Weber und seine Frau, mit 150'000 Einkommen gehört Weber zu den bestverdienenden 15 Prozent in Zürich. Und trotzdem: Es reicht nicht.

Banken kalkulieren bei der Hypothekenberatung mit einem langfristigen Zins von 4,5 Prozent. Für eine Hypothek von 1,1 Millionen Franken, die Weber hätte aufnehmen müssen, berechnet man ihm entsprechend monatlich gut 4000 Franken. Rechnet man die Amortisation von 800 Franken und Unterhaltskosten von 1000 Franken hinzu, ergibt das eine hypothetische monatliche Belastung von 5800 Franken – zu viel für einen Bruttolohn von monatlich 11'500 Franken. Will der Familienvater noch genug Luft zum Leben haben, könnte er nicht mehr als 3800 Franken bezahlen. Das bedeutet: Er bekommt eine Hypothek in der Höhe von 600'000 Franken, bei hohen erwarteten Unterhaltskosten sogar noch weniger.

«Sie schaffen es knapp, im Rennen zu bleiben»

Doch mit diesem Betrag hat man im Raum Zürich einen schwierigen Start im Rennen um ein eigenes Zuhause. Eine gewöhnliche 4-Zimmer-Eigentumswohnung mit 150 m² kostet im Jahr 2011 zwischen 900'000 und 2,4 Millionen Franken, wie das Immo-Monitoring von Wüest und Partner zeigt. Die meisten Objekte wechselten für 1,2 bis 1,8 Millionen Franken die Hand. Weber, wenn er Erspartes, Vorsorgekapital und Erbe einschiesst, könnte vielleicht mitbieten. Viele andere Gutverdienende nicht.

«Wer in Zürich heute eine Eigentumswohnung kaufen will, muss sehr, sehr viel Eigenkapital mitbringen», sagt Hypotheken-Experte Adrian Wenger vom Vermögenszentrum. Selbst Leute mit einem Einkommen von monatlich 20'000 Franken kämen da an ihre Grenzen. «Sie schaffen es knapp, im Rennen zu bleiben, indem sie sämtliche Vorsorgegelder und alles Ersparte zusammenkratzen.» Aus Risikosicht sei das hoch gefährlich. «Aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig.»

Laut Wengers Erfahrung sind es vor allem kinderlose Doppelverdiener mit sehr hohem Einkommen, die sich in der Stadt noch Eigentumswohnungen leisten können. Viele von ihnen hätten teuer gelebt und wenig Geld auf die Seite gelegt – doch wegen ihres extremen Verdienstes kämen sie trotzdem an eine Hypothek. Die Entwicklung sei heikel, so der Experte: Wenn die Wirtschaftslage drehe und solche Käufer ihre Stelle verlören, seien sie zum Verkauf gezwungen und verursachten damit einen negativen Preistrend. «Und am Schluss leiden darunter auch jene, die jahrzehntelang gespart haben.»

Was bleibt, sind Erben und Grossverdiener

Mehr als verdoppelt haben sich die Preise für Eigentumswohnungen in den letzten zehn Jahren. Alleine von 2010 auf 2011 stiegen sie um durchschnittlich 5,9 Prozent. Jetzt prognostiziert Wüest und Partner eine «Verschnaufpause». Im Gegensatz zu den Preisen für Einfamilienhäuser in den Agglomerationen, die erst jetzt kräftig anziehen (siehe «Der unerfüllbare Traum vom eigenen Haus»), steigen jene für Eigentumswohnungen in der Stadt jetzt moderater: 1,2 Prozent dürfte die Teuerung in den nächsten zwölf Monaten betragen, schätzen die Experten.

Dies liegt vor allem daran, dass seit einigen Monaten so viele Eigentumswohnungen gebaut werden wie lange nicht mehr: Bis im nächsten Sommer werden landesweit 45'800 neue Wohnungen stehen. Einige davon finden sich auch in der Stadt Zürich, etwa rund um die Weststrasse oder in Altstetten. Vor allem aber beginnt der Markt zu spielen: Die Preise hätten inzwischen ein «stolzes Niveau» erreicht, bilanzieren die Experten. «In der Konsequenz reduziert sich nun die Anzahl potenzieller Nachfrager, die sich vorderhand eine Eigentumswohnung leisten können.» Mit anderen Worten: Familien aus der oberen Mittelschicht und gutverdienende Einzelpersonen schaffen den Sprung über die Klippe nicht mehr. Was bleibt, sind Erben und Grossverdiener.

* Name geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.10.2011, 15:59 Uhr

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168 Kommentare

Michi Meili

28.10.2011, 17:59 Uhr
Melden 81 Empfehlung

Wer heutzutage immer noch nicht wahrhaben will, dass die immense Einwanderungsflut aus der EU zwangsläufig zu höheren Mieten und gleichzeitig zu tieferen Löhnen führt, hat wohl den ökonomischen Kausalzusammenhang zwischen Angebot und Nachfrage noch immer nicht begriffen! Antworten


Hans Etter

28.10.2011, 18:59 Uhr
Melden 65 Empfehlung

Wer sich kein Eigenheim mehr leisten kann, gehört eigentlich nicht zur Mittelschicht. Sprich: In Zürich gibt's keine Mittelschicht mehr! Wozu solche Entwicklungen langfristig geführt haben, hat uns die Geschichte ja genügend gezeigt! Irgendwann holt sich das Volk, was ihm gehört! Antworten



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