Wirtschaft
Die Zuversicht der SNB als neue Gefahr
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 17.06.2010
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Deflationsgefahr
Deflation ist das Gegenteil von Inflation und bedeutet, dass das Preisniveau insgesamt immer mehr einbricht. Das ist ein sehr gefährlicher wirtschaftlicher Zustand. Denn in dieser Situation warten die Konsumenten noch tiefere Preise ab. Dadurch bricht der Konsum ein, aber auch die Produktion, die Investitionen, die Einkommen und die Löhne der verbliebenen Beschäftigten. Die Wirtschaft gerät in einen Abwärtsstrudel. Durch den Preiszerfall erhöht sich ausserdem der reale Wert von Schulden, was zusätzlich zu Konkursen führt und den Abwärtsstrudel noch verstärkt.
Eine Notenbank fürchtet sich auch deshalb vor einer Deflation, weil diese ihr wichtigstes Instrument – die Zinspolitik – ausser Gefecht setzt. Selbst bei Zinsen von 0 Prozent steigen die Realzinsen bei einer Deflation an.
Vor einer Deflation hat sich die Nationalbank in den letzten Monaten gefürchtet, weil die Konjunkturlage in der Schweiz bereits schwach war und die Leitzinsen nur noch wenig über null lagen, was auch für die Inflation zutrifft. Die Aufwertung des Frankens hat wegen der dadurch tieferen Importpreise das Preisniveau weiter gedrückt, ausserdem hätten einbrechende Exporte die Konjunkturlage zusätzlich geschwächt.
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In ihren Verlautbarungen von heute Morgen zeigte sich die Schweizerische Nationalbank für die hiesige Wirtschaft SNB (SNBN 1089 2.06%) so zuversichtlich, wie schon lange nicht mehr. Angesichts der jüngsten «erfreulichen Entwicklungen ist in der Schweiz das Deflationsrisiko weitgehend verschwunden», schreibt die SNB. Eine Deflation ist der schlimmstmögliche Zustand für eine Volkswirtschaft (siehe Box).
Bisher war die Angst vor einer Deflation stets die Begründung der SNB, den Aufwärtstrend des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro am Devisenmarkt mit Milliardenkäufen der Gemeinschaftswährung zu bremsen. Ende Mai sass sie auf Devisenreserven von umgerechnet 230 Milliarden Franken. Noch vor fünf Monaten, Ende 2009, waren es erst 95 Milliarden Franken. Schon im letzten Jahr hat die Nationalbank massiv Euro aufgekauft. Trotz der eingesetzten Riesensummen konnte die SNB den Aufwärtstrend des Schweizer Frankens, beziehungsweise den Zerfall des Euros gegenüber der Schweizer Währung nicht aufhalten: Im Dezember musste man für einen Euro noch 1.50 Franken bezahlen, aktuell weniger als 1.38 Franken.
Die Hilfe des stärkeren Dollars
Die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro konnte die Schweizer Wirtschaft trotzdem relativ gut wegstecken, weil sich die Schweizer Währung gleichzeitig gegenüber dem Dollar deutlich abgeschwächt hat. Noch Anfang Dezember kostete ein Dollar gleich viel wie ein Franken, gestern lag der Dollarpreis bei 1.13 Franken. Der Dollar ist nicht nur für die Exporte in die USA wichtig, sondern auch für jene nach China und andere für die Schweiz wichtige asiatische Länder, da diese ihre Währung fest an die US-Währung gebunden haben. Wie SNB-Präsident Philipp Hildebrand heute betonte, hat sich der Schweizer Franken nur leicht aufgewertet – gemessen in allen Währungen und gewichtet nach der Bedeutung der Handelspartner. Die Aufwertung sei schliesslich auch deshalb nicht allzu problematisch, weil die Schweizer Exporte mehr von der sich aufhellenden Konjunkturlage auf den Absatzmärkten profitieren, als sie unter dem teuren Franken leiden.
Die gelassene Haltung, die die SNB heute zur Schau gestellt hat, könnte ihr jetzt zum Verhängnis werden. «Die Nationalbank öffnet der Aufwärtsspekulation auf den Schweizer Franken wieder Tür und Tor», sagt Thomas Flury, Leiter Fremdwährungsresearch bei der UBS. Denn auf den Währungsmärkten können ihre Aussagen so interpretiert werden, dass sie nicht mehr bereit ist, sich mit aller Kraft – das heisst unter Einsatz weiterer Milliardenkäufe von Euro gegen Franken – gegen eine weitere Frankenaufwertung zu stemmen. Dieser Eindruck kann umso mehr entstehen, als die Mitglieder des SNB-Direktoriums deutlich auf die Risiken der bereits bestehenden hohen Devisenreserven hingewiesen haben.
Jetzt legt der Franken auch gegenüber dem Dollar zu
Auf den Märkten hat man heute offenbar die Botschaft genau so verstanden. Kaum hat die Nationalbank heute ihre Meinung publiziert, ist der Euro gegenüber dem Franken innert Kürze von knapp 1.39 auf unter 1.38 abgestürzt. Besonders beunruhigend für die SNB: Zeitgleich hat auch der Dollar gegenüber der Schweizer Währung kräftig an Wert verloren: Um 9 Uhr kostete die US-Währung noch 1.1328, aktuell notiert der Dollar bei 1.1137. Damit besteht die Gefahr, dass die relative Ruhe, die an den Devisenmärkten seit dem 9. Juni herrscht, zu Ende ist. Denn seither hat der Euro sogar ohne Interventionen der Nationalbank gegenüber dem Franken zugelegt. Allerdings weit weniger deutlich als gegenüber dem Dollar.
Hält der Wertzerfall sowohl des Euros, wie des Dollars gegenüber dem Franken an, muss die Nationalbank erneut mit grossen Summen intervenieren. Denn eine schnelle Verteuerung des Frankens ist nicht nur Gift für die Exporteure, sie würde auch erneut die Deflationsgefahr erhöhen. Gleichzeitig geriete die SNB auch durch weitere milliardenschwere Eurokäufe in Teufels Küche. Auf die Gefahren hat sie selbst hingewiesen: Das Währungsrisiko in ihrer Bilanz würde weiter zunehmen, ebenso die Frankengelder bei den Banken. Schon jetzt befindet sich deshalb das Zinsniveau in der Schweiz auf einem rekordtiefen Niveau. Das wiederum kann zu gefährlichen Übertreibungen auf den Immobilienmärkten führen. Ein Anstieg des Leitzinses kann sich die SNB aber nicht leisten, weil damit der Aufwärtsdruck auf den Franken noch zunehmen würde. Einziger Trost der SNB: Trotz der Geldschwemme droht keine breite Inflation. Der teure Euro und damit die tiefen Importpreise verhindern das. Die Aufwertung des Frankens wirkt hier gleich wie ein höherer Leitzins. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.06.2010, 14:55 Uhr
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