Die andere Zeitbombe

Die Kapitalflucht aus den Schwellenländern wird zur Gefahr für die Weltwirtschaft. Indien sitzt in der Währungsfalle, Brasilien und Indonesien mussten die Leitzinsen erhöhen. Droht eine Wiederholung der Asienkrise der 1990er-Jahre?

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Syrien ist das politische Schwerpunktthema am kommenden G-20-Gipfel in St. Petersburg. Doch auch an der ökonomischen Front tickt eine Zeitbombe: Die Kapitalflucht aus den Schwellenländern wird zu einer Gefahr für die Weltwirtschaft. Brasilien und Indonesien mussten bereits die Leitzinsen deutlich erhöhen, Indien sitzt in der Währungsfalle. Droht gar eine Wiederholung der Asienkrise der 1990er-Jahre?

Zur Ausgangslage: Die US-Notenbank, das Fed, hat mit der monetären Lockerung (Quantitative Easing) für billiges Geld und tiefe Zinsen gesorgt und damit verhindert, dass die amerikanische Wirtschaft abgesackt ist. Das Finanzsystem ist nicht zusammengekracht und die Immobilienpreise haben wieder Boden gefunden. Andere Zentralbanken haben die unkonventionelle Geldpolitik des Fed kopiert, etwa die Bank of England und teilweise auch die Europäische Zentralbank.

Das Vertrauen in Währungen schwindet

Ben Bernanke und Co. haben so eine weltweite Depression verhindert. Es ist ihnen aber nicht gelungen, damit eine nachhaltige Erholung der realen Wirtschaft zu bewerkstelligen. Zudem hat die unkonventionelle Geldpolitik ihren Preis. Die damit verbundene Geldflut gefährdet das Vertrauen der Menschen in die Währungen. Obwohl es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Teuerung ansteigt, nimmt die Angst vor Inflation zu. Der politische Druck auf die Notenbanken, die Geldschleusen wieder zu schliessen, ist daher sehr gross geworden.

Das Fed hat schon im Juli ein sogenanntes Tapering angekündigt, einen Ausstieg aus dem Quantitative Easing in kleinen Schritten. Um die Zinsen der lang laufenden Staatsanleihen tief zu halten, kauft die US-Notenbank derzeit noch jeden Monat Wertpapiere im Umfang von 85 Milliarden Dollar auf. Nun sollen diese Käufe zurückgefahren werden. Begründet wird dies mit den jüngsten Zahlen der US-Wirtschaft, die besser als erwartet ausgefallen sind.

Die gefährliche Rückkehr zur Normalität

Das Tapering ist ein Schritt zurück in die Normalität. Es führt dazu, dass die Zinsen für langfristige US-Staatsanleihen allmählich wieder ein übliches Niveau erreichen. Das wiederum verändert das Verhalten der Investoren. Die sogenannten Currency Carry Trades mit den Schwellenländern – billiges Geld in den Industrieländern aufnehmen und in den Schwellenländern investieren – werden unattraktiv. Die Kapitalflüsse machen eine Kehrtwende, und zwar abrupt. Man spricht von einem Sudden Stop, wenn bis vor kurzem mit billigem Geld überflutete Schwellenländer über Nacht im Trockenen stehen.

Der Sudden Stop hat für die Schwellenländer äusserst unangenehme Folgen. Um eine rasche Abwertung zu verhindern, müssen sie ihre Leitzinsen erhöhen, wie dies Brasilien und Indonesien in den letzten Tagen erneut getan haben. Sie gefährden damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit ihrer Exportindustrie. Besonders prekär wird die Lage für Länder mit einem grossen Leistungsbilanzdefizit, will heissen: für Länder, die viel mehr importieren als exportieren. Dazu gehört beispielsweise Indien.

Die Wirtschaft wird noch weiter geschwächt

Im Zuge der Brics-Länder-Euphorie wurde Indien bereits als das nächste China gefeiert, als Milliardenland mit ungeheurem Wachstumspotenzial. Derzeit braut sich jedoch über Indien ein Sturm zusammen. Seit Jahresbeginn ist die Rupie um 16 Prozent abgewertet worden. Die indische Volkswirtschaft profitiert davon kaum, zu klein ist der Anteil der Exportwirtschaft. Dafür werden die Importe, vor allem Öl, für die Inder immer teurer. Das Land ist in der Zwickmühle: Wenn es dringend benötigtes fremdes Kapital anlocken will, muss es die Leitzinsen erhöhen. Damit aber wird die ohnehin schwächliche Wirtschaft noch weiter geschwächt. Verliert umgekehrt die Rupie weiter an Wert, dann werden die ohnehin schon teueren Ölimporte noch teurer, ebenfalls mit schlimmen Folgen. Indien steht somit vor der Wahl zwischen Pest und Cholera.

Alle Schwellenländer leiden derzeit unter dem weltweiten Zinsanstieg, wenn auch nicht alle in gleichem Masse wie Indien. Die G-20 müssen daher Lösungen diskutieren. Im Vordergrund stehen dabei Regeln für ein geordnetes Wiedereinführen von Kapitalkontrollen. Das liegt auf der Hand. Inzwischen sind selbst konservative Ökonomen zur Einsicht gekommen, dass abrupte Wechsel der Kapitalflüsse mehr Schaden anrichten, als Nutzen stiften.

Der Aufruf an die G-20

Das gilt auch für die Banken der Industrieländer. Viele von ihnen verfügen über eine viel zu dünne Eigenkapitaldecke. Wenn sie sich verzocken – beispielsweise mit Carry Trades –, müssen sie vom Steuerzahler gerettet werden. Dieses sattsam bekannte «Too big to fail»-Problem wollen jedoch die Stimmbürger nicht mehr hinnehmen. Es existieren genügend Vorschläge, wie das Eigenkapital der Banken erhöht werden soll. Mark Carney, neuer Gouverneur der Bank of England und Vorsitzender des Financial Stability Board, dem internationalen Finanzwachhund, fordert daher von den G-20-Staatsoberhäuptern endlich Taten. «Wir haben einen vielversprechenden Start hingelegt», sagt Carney. «Jetzt geht es darum, die Pläne umzusetzen.»

(Erstellt: 03.09.2013, 20:07 Uhr)

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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