Wirtschaft
Die berechtigte Angst vor dem Absturz
«Im Fall der Fälle kann die laxe Fiskalpolitik fortgeführt werden»: Jan A. Poser, Chefökonom und Leiter Research der Bank Sarasin.
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Die makroökonomischen Daten haben sich in den letzten Monaten merklich verschlechtert. Insbesondere aus den USA und China gibt es nun deutliche Anzeichen, dass die zyklischen Indikatoren ihren Zenit im ersten Halbjahr erreicht haben. Den Investoren wird immer mehr bewusst, dass der starke zyklische Aufschwung, der Mitte 2009 begann, ausläuft und die Weltwirtschaft wieder auf eine Verlangsamungsphase zusteuert. Weil die Erinnerung an die tiefste Rezession seit 80 Jahren noch frisch ist, steigt die Sorge vor einem erneuten Konjunkturrückschlag (im Englischen «double dip» genannt). Wie berechtigt ist sie?
Es bleibt nur die Referenz an die Rezessionen
Folgt man der rigiden Definition einer Rezession als zwei aufeinander folgende Quartale negativen Wachstums, kann man Doppelrezessionen in der US-Wirtschaftsgeschichte kaum ausmachen. Bei genauerer Betrachtung war die Rezession 2001 gar keine (das Wachstum war nur im ersten und dritten Quartal 2001 negativ), und die Rezession 1990/91 dauerte lediglich zwei Quartale.
Der einzige Double Dip der jüngeren Geschichte fand zu Beginn Achtzigerjahre statt. Das US-BIP-Wachstum war 1980 zwei Quartale negativ und schrumpfte erneut im Winterhalbjahr 1981/82. Für Wirtschaftshistoriker bleibt nur die Referenz an die Rezessionen 1889 und 1913, die sich ebenfalls als Double Dips qualifizieren lassen. Sind W-Formationen der Konjunktur wirklich so selten?
Schweiz der beste Massstab
Bei einer solchen Analyse besteht die Gefahr, dass man die Risiken wegdefiniert. Erweitert man die Definition des Double Dip und zieht anstatt des Bruttoinlandprodukts (BIP) die Industriedaten zurate, differenziert sich das Bild. Neben dem Double Dip 1980/82 schrumpfte die US-Industrieproduktion auch zu Beginn der Neunzigerjahre mit kurzer Unterbrechung zwei mal zwei Quartale in Folge. Hingegen folgte auf die heftige Industrierezession 2001 Anfang 2003 lediglich ein kurzer Produktionsrückgang, der nicht als zweite Industrierezession qualifiziert.
Öffnet man jedoch den Fokus von der US-Wirtschaft auf den gesamten OECD-Raum, dann wird deutlich, dass alle drei Rezessionen W-förmige Konjunkturverläufe waren. Die Schweiz stellt dafür als kleine offene Volkswirtschaft den besten Massstab dar. Weil sie dem Welthandel besonders stark ausgesetzt ist, hat sie sowohl 1991 und 1993 als auch 2001 und 2003 eine doppelte Rezession durchlebt. Aus globaler Sicht folgte auf die drei letzten Weltrezessionen jeweils auch ein Rückfall in eine Rezession.
Wird es also auch diesmal zwangsläufig zu einem Double Dip kommen? Bei eingehender Analyse der Gründe für die konjunkturellen Rückfälle wird deutlich, dass sie eines gemeinsam haben: Ihnen ging ein Politikfehler voraus. Nach einer ersten Rezession ist der Aufschwung zumeist noch nicht nachhaltig, so dass ein durch eine politische Fehlentscheidung ausgelöster Schock das zarte Pflänzchen Konjunktur rasch absterben lassen kann.
Kriegsangst und Rohstoffpreisanstieg
Die erste Rezession 1980 wurde durch eine abrupte Konsumabschwächung ausgelöst. Die Invasion Afghanistans durch sowjetische Truppen führte zu einem Ölpreisanstieg und erhöhte die Kriegsangst. Durch die Ölschocks und die laxe Geldpolitik der Siebzigerjahre war jedoch die Teuerung zuvor weltweit ausser Kontrolle geraten. Nach der Erfahrung der Stagflation machte es sich der neue Fed-Chef Paul Volcker zum Ziel, die Inflationsspirale zu durchbrechen. Obwohl sich die Wirtschaft kaum von der Rezession 1980 erholt hatte, hob er die Leitzinsen von 11 auf 19% Mitte 1981 und setzte Kreditbeschränkungen für Banken durch. Die Folgen waren ein globaler Double Dip und die lateinamerikanische Schuldenkrise.
Auch die US-Rezession 1991 wurde durch eine Kombination aus Kriegsangst und Rohstoffpreisanstiegen im Gefolge der irakischen Invasion Kuwaits ausgelöst. Während der Konsum in den USA und anderswo einbrach, erfreute sich Zentraleuropa noch einer Sonderkonjunktur, die durch die deutsche Vereinigung ausgelöst worden war.
Doch als der zu hohe Umrechnungskurs der Ost-Mark die deutsche Inflation auf über 6% steigen liess, erhöhte die Bundesbank den Diskontsatz im Jahr 1992 auf 8,75%. Aufgrund der Dominanz der D-Mark im Europäischen Währungssystem mussten die umliegenden Länder die Zinsen ebenfalls heben. Es kam zu einer Rezession in Europa im Jahr 1993, die sich global als Double Dip auswirkte.
Es ist zu früh
Die Rezession 2001 war eine Reaktion auf die übermässige Investitionstätigkeit während der Technologieblase. Doch zu Beginn des Jahres 2002 waren die Exzesse ausgewachsen und die globale Konjunktur hatte sich erholt. Als jedoch Mitte des Jahres deutlich wurde, dass die US-Politik unaufhaltsam auf einen erneuten Krieg mit dem Irak zusteuerte, kam es zu einem abrupten Absacken der Konsumentenstimmung und des Geschäftsklimas in den USA, was einen erneuten Konjunkturrückfall im Winter 2002/2003 erzeugte.
Man kann sagen, dass jeder der letzten drei Konjunkturrückfälle durch einen Politikfehler ausgelöst worden ist. 1982 war es das übermässig resolute Handeln von Paul Volcker, 1993 die deutschlandzentrierte Zinserhöhung der Bundesbank, 2003 wiederum die Kriegspläne der Regierung Bush. Könnte auch heute ein Politikfehler einen Double Dip auslösen?
Die grossen Zentralbanken scheinen kaum zu einer Zinserhöhung bereit zu sein. Angesichts der Abschwächung der US-Konjunktur hat das Fed schon erklärt, dass es gegebenenfalls für stimulierende Massnahmen bereitstünde. Die Schweizer Nationalbank drohte, dass sie im Falle erneuter Deflationsrisiken weitere Deviseninterventionen machen würde. Selbst die Europäische Zentralbank liess durchblicken, dass es zu früh wäre, den Sieg über die Finanzkrise zu erklären.
Fragile Verfassung
Kritischer sieht es bei der Fiskalpolitik aus. Einige Staaten werden von den Bondmärkten zum Sparen gezwungen. Insbesondere Südeuropa, Irland und Grossbritannien stehen mit dem Rücken zur Wand. Zwar haben auch einige nordeuropäische Länder eine Rückkehr zu einem ausgeglichenen Staatshaushalt angekündigt. Bei genauerer Betrachtung liegt das Gros der Sparmassnahmen jedoch in den Jahren 2012/13. Von hier droht keine Gefahr. Im Gegenteil: Trotz hoher Verschuldung können und müssen im Fall der Fälle die USA, die Kernstaaten Europas und die Schweiz ihre laxe Fiskalpolitik fortführen.
Double Dips sind nicht so selten wie es zunächst scheint und das mit Grund: Nachdem der erste zyklische Aufschwung nach einer Rezession ausläuft, ist die Wirtschaft immer noch fragil. Bis sich der Arbeitsmarkt erholt hat, kann ein externer Schock sie aus dem Gleichgewicht bringen. Typischerweise werden diese Schocks durch Politikfehler ausgelöst. Im Moment sind jedoch keine Auslöser in Sicht, doch die grösste Gefahr droht der Wirtschaft von einer übermässigen Sparpolitik.
Dr. Jan A. Poser ist Chefökonom und Leiter Research der Bank Sarasin. (Finanz und Wirtschaft)
Erstellt: 24.08.2010, 10:24 Uhr
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