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Die «brutale Wahrheit» von Wittenberge

Es ist eine einzigartige Langzeitstudie: 20 Forscher haben über Jahre das Leben der Einwohner der Kleinstadt Wittenberge untersucht. Das Fazit ist düster. Ob die Bürger die Wahrheit ertragen?

Das Steintor in Wittenberge: Die Stadt liegt im Nordwesten Brandenburgs.

Das Steintor in Wittenberge: Die Stadt liegt im Nordwesten Brandenburgs.

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Die ostdeutsche Kleinstadt Wittenberge auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg versetzt den Soziologen Heinz Bude in Erstaunen. «Wir haben die stillen Erfinder eigener Wege entdeckt», erklärte der Professor. Denn dort folgte auf die grossen Erwartungen, die mit dem Mauerfall verbunden waren, das ewige Warten der Wendezeit. Jetzt aber seien die Menschen realistisch. Sie wüssten: «Wer es bisher nicht geschafft hat, wird es auch in Zukunft nicht mehr schaffen.» Das «harte Gesetz der Wahrscheinlichkeit» greife.

Unter Leitung Budes hat fast drei Jahre lang ein Forscherteam aus 20 Soziologen und Ethnologen sowie acht Doktoranden von fünf verschiedenen deutschen Forschungseinrichtungen von Anfang 2007 bis Ende 2009 das Leben der Einwohner untersucht. Finanziert wurde das Projekt mit 1,7 Millionen Euro aus dem Bundesforschungsministerium. Zentrale Ergebnisse, die in dieser Woche im «Zeit»-Magazin veröffentlicht werden, stellte Bude am Dienstag in Berlin vor.

Wittenberge wurde wegen seiner historischen Bedeutung ausgewählt. Früher stand dort das modernste Nähmaschinenwerk der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es erst von der US-Firma Singer betrieben. Zu DDR-Zeiten hiess das Werk Veritas. Einst war das Wittenberger Nähmaschinenwerk das modernste der Welt. Doch nach der Wende traf die Deindustrialisierung die Stadt. Und 20 Jahre später ist die Einwohnerzahl von 40'000 auf 19'000 geschrumpft.

«Die spürbare Anwesenheit des Abwesenden»

Noch immer schrumpft die vergreiste Stadt. Im Stadtkern wohnen die Armen, unzählige Häuser stehen leer. «Die spürbare Anwesenheit des Abwesenden schlägt dem Besucher an jeder Strassenecke entgegen», formulierte es Doktorand André Schönewolf.

Ethnologin Anna Eckert untersuchte den Alltag von Arbeitslosen. «Die Zeit wird so weit wie möglich gedehnt, Tätigkeiten werden erfunden oder bis ins Kleinste zerstückelt, damit Struktur in den Tag kommt.»

Die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler ist: Vom einstigen sozialistischen «Wir» ist in Wittenberge nichts mehr zu spüren. Gewinner und Verlierer der Wende, Unternehmer, Rentner und Arbeitslose stehen wie Säulen nebeneinander. Sie alle haben nichts mehr miteinander zu tun und grenzen sich stark nach aussen ab.

In dem Städtchen an der Elbe gibt es heute Strassen, die nur aus eingefallenen Häusern bestehen. Ein Unternehmer vermarktet leere, verfallene Stadtteile als Nachkriegskulisse an die Filmindustrie. Die Hälfte der Erwerbstätigen pendelt.

Wissenswertes über Wittenberge: Vor der Sparkasse im Stadtzentrum bilden sich vor dem Bankautomaten an jedem letzten Werktag des Monats lange Schlangen, «Hartz-IV-Partys» genannt. Wenn beim Discounter die Kartoffeln im Angebot sind, trifft man sich in der Schlange zum Reden. Ein-Euro-Jobber finden auf der Strasse so wenig Müll, dass sie ihn von zu Hause mitbringen.

Wittenberge als postindustrielles Labor

Für den Soziologen Bude ist «unklar, ob Wittenberge nicht ein postindustrielles Labor darstellt». Für ihn existiert Ostdeutschland eigentlich gar nicht mehr. Orte der Deindustrialisierung gebe es auch in Portugal, in Wales, in Belgien. «Ist Wittenberge die Zukunft von Ludwigsburg?», fragte der Forscher.

Dann würde es bald auch in anderen Städten eine «doppelt paradoxe Struktur» geben: «Die Eltern sagen den Kindern, haut ab und bleibt hier.» Die Kinder forderten die Eltern auf, sich nicht hängenzulassen, und räumten ein, es bleibe ihnen doch gar nichts anderes übrig.

«Wir haben uns oft überlegt, wie viel Wahrheit, wie viel brutale Wahrheit werden die Menschen hier wohl vertragen», erklärte Bude. Zunächst hätten die Einwohner von Wittenberge den Forschern auch skeptisch gegenüber gestanden. Doch jetzt sei klar: «Sie wollen die harte und brutale Wahrheit».

Deshalb riet Bude auch Kanzlerin Angela Merkel, einmal nach Wittenberge zu fahren. Denn dort könne man «die Wahrheitszumutung annehmen». (bru/ddp/Vera Fröhlich)

Erstellt: 03.03.2010, 11:43 Uhr

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20 Kommentare

mary Hartmann

09.03.2010, 13:25 Uhr
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Traurig, traurig ! Ach wie schade, da muss etwas getan werden ! Antworten


Georg Klein

03.03.2010, 21:16 Uhr
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@Thomi Horath: Wertlose Dollars? Weil der Kurs 15% gesunken ist? Nur im Journalistenjargon sind die dann "wertlos". Jetzt steigt der $-Kurs wieder, jetzt ist der Euro bald "wertlos". China hat von beiden genug und wird es schaffen, den Gegenwert zu bekommen. Wenn nicht anders, dann kaufen sie Boeing, IBM, HP und die US-Rüstungsindustrie für $ und Airbus, VW, BMW etc. für EUR. Antworten


peter steiner

03.03.2010, 19:03 Uhr
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@ salomon: es wäre nicht schlecht, wenn sie nicht nur einseitig mit ehemaligen ddr- sondern auch mit westbürgern sprechen. da hört man ganz anderes... die vielen milliarden an öffentlichen und privaten investitionen, die in den osten flossen können eher als mit dem füllhorn hingepustet als mit staubsauger weggeblasen bezeichnet werden. sozialismus lähmt leider für generationen... auch bei uns! Antworten


Mario F. Salomon

03.03.2010, 16:35 Uhr
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Aus Gespräche mit ehemaligen DDR Bürger begriff ich das nach der Wende die Manager aus dem Westen wie Heuschrecken einfielen und den Rest der DDR wie ein Staubsauger aufgesaugt haben. Mit diesem Profit auf Kosten der DDR Bürger gingen Sie dann wieder in den Westen retur, und liessen die Ossis sitzen. Ich hoffe das sind nicht die selbigen BRD Manager die nun in der Schweiz sind! Antworten


Christian Vontobel

03.03.2010, 15:24 Uhr
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Ist Wittenberg die Zukunft der Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten? So könnte man das Fazit dieses "postindustriellen Labortests" auch formulieren. Mit der "Generation Praktikum" sind wir Alle endgültig ins "Zeitalter des globalen Labortests" eingetreten. Alles ist machbar, verschiebbar, kontrollierbar, reduzierbar, manipulierbar und unüberblickbar geworden. Wehe wer auf der Strecke bleibt! Antworten


Thomi Horath

03.03.2010, 12:34 Uhr
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@ Georg Klein: China könnte schon heute die halbe Welt aus der Westentasche kaufen? Etwa mit den wertlosen Dollars, die China gehortet hat? Ich denke eher, China versucht seine Dollars los zu werden, bevor die anderen auch merken, dass sie wertlos sind.... Antworten


Lars Düster

03.03.2010, 11:42 Uhr
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1. Wen interessiert diese Stadt? 2. Ist das was diese Forscher nach Jahren herausfanden nicht vorher schon klar gewesen? Also mir ist bekannt dass ABM (Arbeitsbeschaffungsmassnahmen) getroffen werden um Arbeit zu schaffen (logo) 3. Wurde das nicht vorhergesagt? DOCH! Wieso forschen wenns klar ist Antworten


Gianin May

03.03.2010, 11:18 Uhr
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Und wir haben doch immer noch das Gefühl, dass es in 20-30 Jahren Europaweit (mit dem techn. Vortschritt) noch immer genügend Jobs für Jedermann geben wird und unter dieser Blindheit wird das Evangelium der Wirtschaft und des Gewinnstrebens in der ganzen Welt gepredit, dabei sehen wir Europaweit wo dies hinführt. Der Selbstbetrug ist schon fast perfekt... -> Aufwachen Welt!! Antworten


Hugo Reichmuth

03.03.2010, 10:46 Uhr
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Wenn jemand im "Wir" untergehen will, darf er gerne in Kuba oder Nordkorea die Praxis des "Wir"-Gefühls auskosten. Iran bietet sich auch an. Komisch, dass alle Sozialromantiker es vorziehen, im kapitalistischen Westen Sozialhilfe zu beziehen anstatt in Kuba, Nordkorea oder im Iran das "Wir"-Gefühl aktiv zu kultivieren... Antworten


Martin Bürlimann

03.03.2010, 10:41 Uhr
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Wenn Wittenberge das Steuermodell vom Kanton Obwalden einführt, geht es zehn Tage bis eine Firma dort mehrere hundert Arbeitsplätze schafft. Wenn Deutschland die Mehrwertsteuer für privat finanzierte Handwerksarbeiten am selbst bewohnten Haus abschafft, entstehen innert Wochen ein Million Arbeitsplätze in Deutschland. Antworten


Daniel Graf

03.03.2010, 09:31 Uhr
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Vom einstigen sozialistischen «Wir» ist in Wittenberge nichts mehr zu spüren..... «Wir haben uns oft überlegt, wie viel Wahrheit, wie viel brutale Wahrheit werden die Menschen hier wohl vertragen»... Ja Ja, wie schön war doch die DDR-Diktatur mit ihren politischen Gefangenen und Ermordeten. PS: Merkel als ehemalige DDR-Partei-Apparatschnik kennt die Region übrigends sicher sehr gut.... Antworten


Christian Schenk

03.03.2010, 09:30 Uhr
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Korrekt, Stefan Meier, und wenn dann in China eines Tages die Löhne steigen heissts Schach-Matt :-) oder besser :-( Antworten


Georg Klein

03.03.2010, 09:11 Uhr
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@Tommy Rasmussen: Ihre Verschwörungstheorie ist gar nicht zu Ende gedacht: wenn mal die gesamte Produktion in China gelandet ist, was glauben Sie, wer dann die "totale Weltkontrolle" haben wird??? Kleiner Tip: Schon heute könnte China die halbe Welt aus der Westentasche kaufen. Und Chinas Führung weiss das bestens und sie wissen auch, was sie machen und was sie wollen. Antworten


Detlev Küntzel

03.03.2010, 09:04 Uhr
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@ riet Bude auch Kanzlerin Angela Merkel +++ Die Wahrheit dürfte bekannt sein: mit der S-Bahn in Berlin vom Regierungsbezirk aus durch alle Stadteile und Vororte fahren. Bei Sat1 gab es vor Jahren die TV-Sendung "Endstation Elend" über riesige graue Plattenbau-Siedlungen der Region Leipzig, wo ein Mann HartzIV-Beratungen durchgeführt hat; er wollte von den Mietern die Miete kassieren. Antworten


Thomi Horath

03.03.2010, 09:01 Uhr
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Eine gesunde Landwirtschaft ist die Basis jedes wirtschaftlichen Aufschwungs. Ohne Brot kein Ford... Antworten


Bruno Neidhart

03.03.2010, 08:56 Uhr
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Auch Arbon, Winterthur, Genf, usw. sind tüchtig de-industrialisiert worden(Saurer, Sulzer, Charmilles, Séchéron u.a.) - wohl auf höherem Niveau: Die Städte haben sich umstrukturieren können. Im ehemals sozialistischen Osten Deutschlands ist das nicht ganz so einfach. Man könnte aber auch "Boomenderes" zeigen: Leipzig, Dresden, usw., gar - swisslike - die Uhrenindustrie in Glashütte/Erzgebirge. Antworten


Stefan Meier

03.03.2010, 08:51 Uhr
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Lösung ist in Sicht: Wenn wir erst alle Arbeitsplätze nach China verscheuert haben, können wir viel billiger die Produkte des täglichen Bedarfs kaufen. Dann haben wir auch viel mehr Zeit, um zu konsumieren. Und da gespartes Geld = verdientes Geld ist, ist auch das Problem der Finanzierung gelöst. Antworten


Tommy Rasmussen

03.03.2010, 08:36 Uhr
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Wittenberge und überall: Geld aus dem nicht für neue Stattsschulden, aber keine Krediten für die Wirtschaft. Sonst könnte man die durch Staatsverschuldung kreierte Geldnachfrage nicht in platzbare Blasen lenken. Die Hochfinanz will somit "socialverträglich" die Staaten durch hyperinflation ruinieren, um das Ziel zu erreichen: Totale Weltkontrolle durch ein einheitliches privates Weltwährungssystem Antworten


Franz Brunner

03.03.2010, 08:23 Uhr
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und das ist erst der anfang! Antworten


Paul Christ

03.03.2010, 00:36 Uhr
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Wer das Buch von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld ("Die Arbeitslosen von Marienthal") aus den 1930er-Jahren kennt, kann sich vielleicht ansatzweise ein Bild von der beklemmenden Situation der Betroffenen machen. Dabei handelte es sich über eine Langzeitstudie über einen einst reichen Industrieort in Österreich unmittelbar während der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Heute: Modernisierungsverlierer?? Antworten



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