Die «brutale Wahrheit» von Wittenberge

Aktualisiert am 03.03.2010 20 Kommentare

Es ist eine einzigartige Langzeitstudie: 20 Forscher haben über Jahre das Leben der Einwohner der Kleinstadt Wittenberge untersucht. Das Fazit ist düster. Ob die Bürger die Wahrheit ertragen?

Das Steintor in Wittenberge: Die Stadt liegt im Nordwesten Brandenburgs.

Das Steintor in Wittenberge: Die Stadt liegt im Nordwesten Brandenburgs.

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Die ostdeutsche Kleinstadt Wittenberge auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg versetzt den Soziologen Heinz Bude in Erstaunen. «Wir haben die stillen Erfinder eigener Wege entdeckt», erklärte der Professor. Denn dort folgte auf die grossen Erwartungen, die mit dem Mauerfall verbunden waren, das ewige Warten der Wendezeit. Jetzt aber seien die Menschen realistisch. Sie wüssten: «Wer es bisher nicht geschafft hat, wird es auch in Zukunft nicht mehr schaffen.» Das «harte Gesetz der Wahrscheinlichkeit» greife.

Unter Leitung Budes hat fast drei Jahre lang ein Forscherteam aus 20 Soziologen und Ethnologen sowie acht Doktoranden von fünf verschiedenen deutschen Forschungseinrichtungen von Anfang 2007 bis Ende 2009 das Leben der Einwohner untersucht. Finanziert wurde das Projekt mit 1,7 Millionen Euro aus dem Bundesforschungsministerium. Zentrale Ergebnisse, die in dieser Woche im «Zeit»-Magazin veröffentlicht werden, stellte Bude am Dienstag in Berlin vor.

Wittenberge wurde wegen seiner historischen Bedeutung ausgewählt. Früher stand dort das modernste Nähmaschinenwerk der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es erst von der US-Firma Singer betrieben. Zu DDR-Zeiten hiess das Werk Veritas. Einst war das Wittenberger Nähmaschinenwerk das modernste der Welt. Doch nach der Wende traf die Deindustrialisierung die Stadt. Und 20 Jahre später ist die Einwohnerzahl von 40'000 auf 19'000 geschrumpft.

«Die spürbare Anwesenheit des Abwesenden»

Noch immer schrumpft die vergreiste Stadt. Im Stadtkern wohnen die Armen, unzählige Häuser stehen leer. «Die spürbare Anwesenheit des Abwesenden schlägt dem Besucher an jeder Strassenecke entgegen», formulierte es Doktorand André Schönewolf.

Ethnologin Anna Eckert untersuchte den Alltag von Arbeitslosen. «Die Zeit wird so weit wie möglich gedehnt, Tätigkeiten werden erfunden oder bis ins Kleinste zerstückelt, damit Struktur in den Tag kommt.»

Die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler ist: Vom einstigen sozialistischen «Wir» ist in Wittenberge nichts mehr zu spüren. Gewinner und Verlierer der Wende, Unternehmer, Rentner und Arbeitslose stehen wie Säulen nebeneinander. Sie alle haben nichts mehr miteinander zu tun und grenzen sich stark nach aussen ab.

In dem Städtchen an der Elbe gibt es heute Strassen, die nur aus eingefallenen Häusern bestehen. Ein Unternehmer vermarktet leere, verfallene Stadtteile als Nachkriegskulisse an die Filmindustrie. Die Hälfte der Erwerbstätigen pendelt.

Wissenswertes über Wittenberge: Vor der Sparkasse im Stadtzentrum bilden sich vor dem Bankautomaten an jedem letzten Werktag des Monats lange Schlangen, «Hartz-IV-Partys» genannt. Wenn beim Discounter die Kartoffeln im Angebot sind, trifft man sich in der Schlange zum Reden. Ein-Euro-Jobber finden auf der Strasse so wenig Müll, dass sie ihn von zu Hause mitbringen.

Wittenberge als postindustrielles Labor

Für den Soziologen Bude ist «unklar, ob Wittenberge nicht ein postindustrielles Labor darstellt». Für ihn existiert Ostdeutschland eigentlich gar nicht mehr. Orte der Deindustrialisierung gebe es auch in Portugal, in Wales, in Belgien. «Ist Wittenberge die Zukunft von Ludwigsburg?», fragte der Forscher.

Dann würde es bald auch in anderen Städten eine «doppelt paradoxe Struktur» geben: «Die Eltern sagen den Kindern, haut ab und bleibt hier.» Die Kinder forderten die Eltern auf, sich nicht hängenzulassen, und räumten ein, es bleibe ihnen doch gar nichts anderes übrig.

«Wir haben uns oft überlegt, wie viel Wahrheit, wie viel brutale Wahrheit werden die Menschen hier wohl vertragen», erklärte Bude. Zunächst hätten die Einwohner von Wittenberge den Forschern auch skeptisch gegenüber gestanden. Doch jetzt sei klar: «Sie wollen die harte und brutale Wahrheit».

Deshalb riet Bude auch Kanzlerin Angela Merkel, einmal nach Wittenberge zu fahren. Denn dort könne man «die Wahrheitszumutung annehmen». (bru/ddp/Vera Fröhlich)

Erstellt: 03.03.2010, 11:43 Uhr

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20 Kommentare

Bruno Neidhart

03.03.2010, 08:56 Uhr
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Auch Arbon, Winterthur, Genf, usw. sind tüchtig de-industrialisiert worden(Saurer, Sulzer, Charmilles, Séchéron u.a.) - wohl auf höherem Niveau: Die Städte haben sich umstrukturieren können. Im ehemals sozialistischen Osten Deutschlands ist das nicht ganz so einfach. Man könnte aber auch "Boomenderes" zeigen: Leipzig, Dresden, usw., gar - swisslike - die Uhrenindustrie in Glashütte/Erzgebirge. Antworten


Stefan Meier

03.03.2010, 08:51 Uhr
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Lösung ist in Sicht: Wenn wir erst alle Arbeitsplätze nach China verscheuert haben, können wir viel billiger die Produkte des täglichen Bedarfs kaufen. Dann haben wir auch viel mehr Zeit, um zu konsumieren. Und da gespartes Geld = verdientes Geld ist, ist auch das Problem der Finanzierung gelöst. Antworten



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