Wirtschaft

«Die deutsche Regierung will nicht einsehen, dass ihr wirkliches Problem die Banken sind»

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 01.02.2011

Der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson kritisiert das europäische Krisenmanagement.

«Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land der Eurozone den Rücken kehrt. Das wäre höchst gefährlich»: Niall Ferguson. (Bild: Reuters )

Niall Ferguson

Der Brite, 1964 in Glasgow geboren, zählt weltweit zu den gefragtesten, aber auch streitbarsten Wirtschaftshistorikern. Ferguson lehrt als Professor an der Harvard-Universität wie auch an der Harvard Business School. Daneben forscht er regelmässig am Jesus College der Universität von Oxford sowie an der Hoover Institution der Stanford-Universität. Ferguson hat zahlreiche Bücher verfasst, darunter ein Standardwerk zur Geschichte des Geldes, und schreibt für die «Financial Times».

Rückenwind aus China

Intensiv ist am Davoser World Economic Forum über die Verschiebung des weltwirtschaftlichen Gravitationszentrums von West nach Ost diskutiert worden. Was heisst dies für die Schweiz, die im Zentrum jenes Kontinents liegt, der in den nächsten Jahren besonders an ökonomischem Gewicht und Einfluss verlieren wird? Niall Ferguson sieht dies gelassen. Die geografische Lage eines Landes sei heute nicht mehr so wichtig wie in früheren Zeiten, meinte der britische Wirtschaftshistoriker, der am Montag in Zürich als Redner bei der Julius Baer Investment Conference auftrat.

«Wenn Sie Europa aus der Perspektive Chinas betrachten», sagte Ferguson am Rande der Veranstaltung, «gibt es zwei Gruppen von interessanten Ländern: einerseits jene mit Rohstoff- und Ölvorkommen und anderseits solche mit hohem technologischem Knowhow und spezialisierter Produktpalette.» Zu ersterer Gruppe gehöre etwa Norwegen, zu letzterer Deutschland und die Schweiz.

Die Dynamik der asiatischen Volkswirtschaften könnte nach Fergusons Einschätzung zu einem «zweiten System eines Europas der zwei Geschwindigkeiten» führen. Dieses zweite System differenziert nicht nach unterschiedlichem Tempo bei der politischen Integration der EU, sondern nach dem Umfang des Güter- und Kapitalaustausches mit China und seinen fernöstlichen Nachbarn. «Jene Länder mit intensiven Wirtschaftsbeziehungen zu China sind in einer ungleich stärkeren Position als die anderen, die nichts anzubieten haben», sagte Ferguson.

Zur zweiten schwächeren Gruppe gehöre beispielsweise Italien. Für die Chinesen, so der 46-jährige Brite, sei es über kurz oder lang recht einfach, diejenigen Produkte nachzufertigen, die zu den italienischen Stärken auf den Weltmärkten gehörten, wie hochwertige Möbel oder Mode. Demgegenüber bekunde die inzwischen zweitgrösste Wirtschaftsmacht der Welt weitaus grössere Schwierigkeiten, in jene Märkte oder Marktnischen vorzudringen, die zu den Exportdomänen der Schweiz und Deutschlands zählten, seien dies nun Pharmazeutika, Präzisionsinstrumente oder komplexe Produktionsanlagen.

Von welchem der drei Szenarien geht das grösste Gefahrenpotenzial für die Weltwirtschaft aus: dass die Inflation im Zuge steigender Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise zurückkehrt, dass die chinesischen Behörden auf die Bremse treten, um ein Überhitzen der Wirtschaft zu vermeiden, oder dass ein Euroland in Zahlungsverzug gerät und die Eurozone auseinanderbricht?
Alle drei Szenarien sind mit erheblichen Risiken verbunden. Das grösste Risiko sehe ich gegenwärtig in einem Comeback der Inflation, weil sie Länder, ja sogar ganze Regionen zu destabilisieren vermag. Wir können das gerade in Ägypten beobachten, wo die soziale Unrast mit dem Problem steigender Rohstoffpreise eng verknüpft ist. Die chinesische Wirtschaft wird in diesem Jahr an Tempo verlieren, was zweifellos auf die Weltwirtschaft zurückschlagen wird. Interessant wird dann zu beobachten sein, wie die Rohstoffpreise darauf reagieren werden. Gut möglich, dass Ihr Szenario zwei hilft, Szenario eins abzumildern.

Und wie beurteilen Sie die von der Eurozone ausgehenden Gefahren?
Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion halte ich derzeit für unwahrscheinlich. Aber wir werden etwas erleben, was einem Zahlungsverzug sehr nahe kommt, sei das in Griechenland oder Irland. Die grosse Frage wird sein – und darauf wissen wir noch keine Antwort –, ob die Deutschen am Ende die Rechnung bezahlen werden. Ich persönlich denke, dass sie in den sauren Apfel beissen werden, weil es für sie noch teurer kommt, die Eurozone zu verlieren.

Dennoch haben Sie letzte Woche in Davos einen eher düsteren Ausblick für die Eurozone gezeichnet. Worauf gründet Ihre tiefsitzende Skepsis?
Deutschland wird zwar, wie gesagt, handeln, um die Eurozone zu stabilisieren. Aber das wird wohl erst spät und vor allem auf wenig wirkungsvolle Weise geschehen. Der Grund dafür ist, dass die deutsche Regierung nicht einsehen will – Gleiches gilt für die französische –, dass ihr wirkliches Problem die Banken sind. In der Eurozone gibt es eine ganze Reihe insolventer Banken, angefangen von den Landesbanken in Deutschland bis hin zu den regionalen Sparkassen in Spanien, den Cajas. Hier liegt das weitaus gravierendere Problem als bei den Staatsschulden.

Also müsste man die Anstrengungen eher auf die Banken als auf die überschuldeten Staaten richten.
Wenn die Banken zu frischem Kapital kämen, liessen sich die Staatsschulden viel einfacher restrukturieren, wozu wohl auch ein Verzicht der Gläubiger auf 30–40 Prozent ihrer Forderungen gehört. Meine Zweifel hinsichtlich des Fortgangs der Schuldenkrise nähren sich aus dem Unvermögen Deutschlands: Es will nicht erkennen, dass das Problem in Wahrheit auch ein deutsches Problem ist und nicht nur ein solches der bedrängten Peripherieländer. Solange dem so ist, wird es in der Eurozone weiterhin chaotisch zu- und hergehen und nur langsam Fortschritte geben.

Zu welchen Reformen müsste sich die Währungsunion durchringen, um ein stabileres Fundament zu bekommen?
Vor allem zwei Dinge müssten geschehen: Zum einen müssten die Euroländer eine Art Transferunion ins Leben rufen. Also ein übergreifendes Steuer- und Finanzsystem, das einen automatischen Transfer von den reichen Deutschen zu den armen Griechen erlauben würde. Zum andern müssten die nationalen Arbeitsmärkte der Euroländer durchlässiger werden, was mit vermehrten Wanderbewegungen und einer stärkeren Annäherung der Lohnstückkosten verbunden wäre. Da hat sich überhaupt nichts bewegt, im Gegenteil: Die Unterschiede zwischen den reicheren und den ärmeren Ländern in der Eurozone sind heute sogar noch ausgeprägter als 1999 bei der Gründung der Währungsunion.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?
Die Eurozone wird zwar überleben, aber geschwächt aus der Krise hervorgehen. Auch besteht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land der Eurozone schliesslich den Rücken kehren wird. Das allerdings wäre höchst gefährlich: Denn wenn ein Land austritt, stellt sich sofort die Frage, wer wohl als nächstes vor dem Absprung steht. Daher werden die Politiker alles in ihrer Macht stehende versuchen, um sämtliche Euromitglieder bei der Stange zu halten. Ein einfaches Unterfangen wird dies aber nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2011, 21:21 Uhr

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