Die historische Kehrtwende des IWF

Einst war der Internationale Währungsfonds Hüter der reinen neoliberalen Lehre. Heute stösst er sie um.

Die treibenden Kräfte hinter der Revolution an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF): Chefökonom Olivier Blanchard (links), Leitender Direktor Dominique Strauss-Kahn (rechts).

Die treibenden Kräfte hinter der Revolution an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF): Chefökonom Olivier Blanchard (links), Leitender Direktor Dominique Strauss-Kahn (rechts). Bild: Keystone

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Noch in den 1990er-Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends galt der Internationale Währungsfonds (IWF) weltweit als wichtigster Wächter über die gängigen ökonomischen Dogmen. Vor allem durch seinen Einsatz für möglichst unregulierte und freie länderübergreifende Kapitalströme ist er allerdings auch immer mehr in die Kritik geraten. Einen wesentlichen Einfluss hatte dabei die Asienkrise von 1998, die durch rasch abfliessende spekulative Gelder die wirtschaftliche Lage gerade in jenen Ländern am meisten verschlimmert hat, die dem Rat des IWF am getreusten gefolgt sind. Der wohl bekannteste Kritiker des Fonds war damals Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger der Ökonomie, einst Chefökonom der Schwesterorganisation Weltbank und Chefökonom der Clinton-Administration.

Im Laufe des neuen Jahrtausends hat der Fonds einen fundamentalen Wandel durchgemacht. Jetzt ist er nicht mehr die wichtigste Bastion der alten ökonomischen Dogmen, sondern gerade umgekehrt die wichtigste Institution, die diese Dogmen öffentlich infrage stellt. Ein Grund dafür ist das Scheitern einiger seiner einstigen Politikempfehlungen, ein anderer sind die aktuellen Leute an seiner Spitze: Der französische Sozialist Dominique Strauss-Kahn amtet als Präsident, sein Landsmann Olivier Blanchard als Chefökonom. Vor allem seit der Finanzkrise hat sich der Fonds schon mit öffentlichen Überlegungen hervorgetan, die selbst bei europäischen Zentralbanken für rote Köpfe gesorgt haben. Anfangs März 2010 haben Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand und Axel Weber von der deutschen Bundesbank im «Wall Street Journal» einen Text veröffentlicht, in dem sie den Vorschlag von IWF-Chefökonom Blanchard scharf zurückgewiesen haben, eine leicht grössere Flexibilität bei der Inflation mit einer höheren maximalen Rate von 4 Prozent zu akzeptieren.

Gemeinsame Sache mit dem einstigen Kritiker

Jetzt geht der Fonds noch einen Schritt weiter und hat gestern gleich zu einer Fachkonferenz geladen, an der führende Ökonomen sich mit der Frage befassen sollen, warum diese Wissenschaft darin versagt hat, die jüngste Finanzkrise vorauszusehen oder zumindest ihre dramatischen Auswirkungen zu verhindern. Geleitet wird die Veranstaltung einerseits vom IWF-Chefökonomen Blanchard selbst, neben ihm aber auch vom Starökonomen David Romer und den beiden Nobelpreisträgern des Fachs Michael Spence und Joseph Stiglitz – demselben Stiglitz der vor mehr als einem Jahrzehnt noch der wichtigste Kritiker des Fonds gewesen war. Schon in einem Blogbeitrag auf der IWF-Website macht Olivier Blanchard klar, wo er die grössten Schwächen der vorherrschenden ökonomischen Modelle sieht (siehe Link). Die «Mainstream»-Makroökonomen hätten die Wirtschaft in einem Rahmen gesehen, der «elegant und konzeptuell einfach war», der aber zentrale Bereiche der realen wirtschaftlichen Prozesse weitestgehend unbeachtet liess, vor allem jene im Finanzsektor.

Folgende Kritikpunkte listet Blanchard neben anderen als Schwächen in den bisher vorherrschenden ökonomischen Betrachtungen auf:

Die wichtigsten Diskussionspunkte der Konferenz

  • Man hat geglaubt, es reiche aus, wenn die Zentralbanken bloss für eine stabile Inflationsrate sorgen, damit müsste laut den vorherrschenden Theorien auch die wirtschaftliche Entwicklung stabil sein. Das hat sich als ungenügend herausgestellt. Insbesondere fanden Übertreibungen an den Märkten von Aktien oder Immobilien und die finanzielle Verschuldungslage von Unternehmen, Haushalten und Banken viel zu wenig Beachtung – auch die Bedeutung von Regulierungen in diesen Bereichen wurde unterschätzt.
  • Die wichtigste Grösse für die Konjunkturpolitik war der Leitzins der Zentralbanken. Doch wenn dieser wie in der Krise vielerorts auf null fällt, stellt das die Zentralbanken vor grössere Probleme, mit denen sich die Ökonomen in den letzten Jahrzehnten wenig auseinandergesetzt haben. Jetzt aber sind diese Probleme von grösster Bedeutung, wie die heftig umstrittene Geldpolitik vor allem in den USA zeigt. Blanchard wirft unter anderem erneut die Frage auf, ob eine leicht höhere maximal tolerierbare Inflationsrate nicht doch von Vorteil wäre: Denn das würde die Flexibilität der Zentralbank erhöhen, weil damit auch die von ihr steuerbaren Nominalzinsen höher liegen würden.
  • Fiskalpolitisch – vor allem die staatliche Wirtschaftsankurbelung per «Deficit Spending» – galt in den letzten Jahrzehnten in Ökonomenkreisen mehrheitlich als die schlechteste Variante von Konjunkturpolitik. Blanchard stellt aber fest, dass auf diese Politik in der Krise überall zurückgegriffen werden musste, als die Möglichkeiten der Zentralbanken ausgeschöpft waren. Die Ökonomen müssten sich daher wieder diesem bis zur Krise gemiedenen Thema annehmen und die Möglichkeiten und Grenzen dieser Politik aufzeichnen. Gleichzeitig gelte es aber auch, die Frage der Staatsverschuldung genauer zu erforschen: Immerhin sei die Verschuldung in vielen Ländern vor allem als Folge der Krise – durch sinkende Steuereinnahmen – angestiegen und nicht durch Stimulierungsmassnahmen. Dennoch müsse untersucht werden, welche Ausmasse noch tragbar sind und welche ins Verderben führen.
  • Eine weitere Auseinandersetzung fordert Blanchard auch mit den internationalen Kapitalströmen. Durch ihren plötzlichen massiven Zufluss können sie zu spekulativen Übertreibungen führen (wie aktuell in vielen aufstrebenden Volkswirtschaften), ihr plötzlicher Abfluss kann schwere Währungskrisen und Konjunktureinbrüche auslösen (wie sich in der Asienkrise gezeigt hat). Damit stellt Blanchard das alte Dogma infrage, dass freie Kapitalflüsse stets für alle von Vorteil sind.

Die Debatten zu diesen und weiteren Themen macht der IWF auch öffentlich, indem er sie per Video aufzeichnet und sie auf der eigenen Website zugänglich macht (siehe Link). Die Debatte soll im Anschluss an die Veranstaltung auch über eine spezielle Diskussionsseite auf dem Netz weitergeführt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.03.2011, 15:45 Uhr)

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