Wirtschaft

«Die lange Reise zurück zur Normalität hat begonnen»

Aktualisiert am 19.02.2010

Die US-Notenbank legt nach der schwersten Finanzkrise seit Jahrzehnten überraschend früh den Rückwärtsgang ein und verteuert Notkredite für Banken. Ein Anlagestratege bezieht Stellung dazu.

Wenn hier etwas entschieden wird, hört die ganze Welt zu: US-Notenbank.

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Bild: Reuters

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Der Diskontsatz

Der jetzt um 0,25 Prozentpunkte auf 0,75 Prozent angehobene Diskontsatz ist eines der beiden wichtigsten geldpolitischen Instrumente der US-Zentralbank Fed. Zu diesem Satz können die Geschäftsbanken kurzfristig Geld bei der Federal Reserve leihen. Er kommt vor allem in schwierigen Zeiten zum Tragen, wenn die Banken Probleme haben, sich anderweitig zu refinanzieren. Auf dem Höhepunkt der Krise im Herbst 2008 lag das tägliche Ausleihvolumen zum Diskontsatz in den USA bei 110 Milliarden Dollar. Inzwischen ist es auf etwa 14,3 Milliarden Dollar gesunken.

Als wichtigster Leitzins in den Vereinigten Staaten wird die Fed Funds Rate angesehen. Sie beschreibt den Zinssatz für Leihgeschäfte der Finanzinstitute untereinander zur Deckung ihrer Mindestreserveverpflichtung bei der Zentralbank. Dieser Zins liegt seit Dezember 2008 zwischen 0,0 und 0,25 Prozent.

Auf die Verhältnisse des Euroraums übertragen entspricht der Diskontsatz dem Spitzenrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank (EZB) von derzeit 1,75 Prozent. Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz, der seit Mai 2009 bei 1 Prozent liegt. Daneben spielt noch der Einlagesatz eine Rolle in der europäischen Geldpolitik. Er liegt bei 0,25 Prozent. Zu diesem Satz können Geschäftsbanken nicht benötigte Liquidität kurzzeitig, meist über Nacht, bei der EZB «parken».

Die Federal Reserve (Fed) erhöhte am Donnerstag den Zinssatz für Übernachtkredite von 0,5 auf 0,75 Prozent. Zentralbank-Chef Ben Bernanke hatte den Schritt zwar kürzlich angekündigt, der frühe Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung seit Ausbruch der Krise im Jahr 2007 war aber unerwartet.

An ihrem eigentlichen Leitzins rüttelte die Fed nicht. Sie strebe nur eine Normalisierung ihrer Konditionen für die Liquiditätsversorgung des Finanzsystems an und noch keine geldpolitische Wende, hiess es.

Am Devisenmarkt sorgten Spekulationen auf weitere Zinserhöhungen dennoch für eine kräftige Aufwertung des Dollars. Die Börse in Tokio reagierte mit heftigen Abschlägen, in Europa hielten sich die Verluste in Grenzen. Da sich die Fed erst nach US-Handelsschluss zu Wort gemeldet hatte, rechneten Analysten mit erheblichen Kursverlusten am Freitag.

Aufbruchsignal

Analysten sprachen von einem Aufbruchsignal der Fed, das den Finanzmärkten und der Öffentlichkeit eine neue Phase in der Bewältigung der Krise anzeigen solle.

«Der Zyklus der Notversorgung begann mit einer Senkung des Diskontsatzes, als es vor allem darum ging, den Banken Liquidität so viel und so billig wie möglich zur Verfügung zu stellen,» sagte Robert Rennie, Anlagestratege bei Westpac in Sydney. «Die lange Reise zurück zur Normalität hat begonnen.»

Experten der Commerzbank betonten den symbolischen Wert der Aktion: Trotz gegenteiliger Beteuerungen ermögliche dieser Schritt es der Notenbank natürlich, in Zukunft auch das Zinsniveau zu normalisieren. Dabei sei nicht mehr entscheidend, ob die erste Anhebung des eigentlichen Leitzinses (Fed Funds Rate) im August, September oder November erfolge.

Abstand nimmt zu

Die Fed hatte wie andere Notenbanken auch in der Krise ihre Zinsen stark gesenkt und zusätzlich Unmengen an Wertpapieren angekauft, um die Bankenbilanzen zu entlasten und die Wirtschaft zu stützen. Der Leitzins steht aktuell bei 0 bis 0,25 Prozent - so niedrig wie noch nie.

Nach der Erhöhung des Diskontsatzes nimmt der Abstand zwischen dem Leitzins und dem Zins für Übernachtkredite zu. Vor Ausbruch der Finanzkrise hatte der Diskontsatz üblicherweise einen vollen Prozentpunkt über der Federal Funds Rate gelegen.

Bernanke muss am kommenden Mittwoch bei einer Anhörung im US- Kongress Rede und Antwort stehen. Dabei dürfte er auch dazu befragt werden, wie er den weiteren Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik gestalten will.

Drohende Inflation

Die Fed muss nach ihren Liquiditätsspritzen und dem Ankauf von Wertpapieren im Gesamtwert von mehr als einer Billion Dollar ihre Bilanz wieder bereinigen, wenn sie nicht auf mittlere Sicht einen Inflationsschub riskieren will.

Ende März enden deshalb mehrere in der Finanzkrise aufgelegte Ankaufprogramme, darunter der Plan für immobilienbesicherte Anleihen mit einem Volumen von 1,25 Billionen Dollar. Diese spielten 2007 beim Übergreifen der Krise vom US-Immobilienmarkt auf weitere Teile des Finanzsystems eine zentrale Rolle. (sam/sda)

Erstellt: 19.02.2010, 14:52 Uhr

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