Wirtschaft
Die zwei Wege des «Gelddruckens»
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 04.08.2011 67 Kommentare
Zwei Möglichkeiten zur Geldvermehrung: Die Nationalbank erhöht die Geldmenge buchhalterisch oder kauft Fremdwährungen.
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Überraschend kam sie, die Botschaft der Schweizerischen Nationalbank (SNB), doch ihre Wirkung blieb begrenzt. Der Euro erholte sich zwar gestern Vormittag von unter 1.08 auf über 1.11 Franken, um dann im Nachmittagshandel jedoch wieder unter die Marke von 1.10 Franken abzurutschen. Für Aufsehen an den Märkten sorgte immerhin: Der Zinssatz dreimonatiger Frankendepositen drehte von +0,2 Prozent abrupt auf annähernd –0,2 Prozent. Für kurzfristige Anlagen in Franken sind also neuerdings Negativzinsen zu bezahlen – nicht wegen einer administrativen Verfügung, sondern als Ergebnis der Marktentwicklung.
Auslöser war das vor Börseneröffnung versandte Communiqué der SNB, (SNBN 1089 2.06%) in dem sie eine weitere Ausweitung der Geldmenge ankündigte. Per sofort verengt die Notenbank ihr Zielband für den Dreimonats-Libor von bisher 0 bis 0,75 Prozent auf 0 bis 0,25 Prozent, und innerhalb dieser Spanne strebt sie einen Libor «so nahe bei null wie möglich» an. In letzter Zeit bewegte sich dieser Zinssatz, zu welchem Banken untereinander Frankenkredite am Londoner Markt vergeben, um die 0,175 Prozent.
Noch keine Interventionen
Darüber hinaus stellt die SNB ebenfalls mit sofortiger Wirkung alle Geschäfte ein, mit denen sie bisher Liquidität auf dem Schweizer Geldmarkt abgeschöpft hat. Darunter fallen einerseits umgekehrte Repo-Geschäfte, mit denen die SNB den Banken Geld «absaugt» (in normalen Zeiten laufen Repo-Transaktionen umgekehrt, indem die SNB den Banken Liquidität gibt, für die sie Wertschriften als Sicherheiten erhält). Andererseits hat die Nationalbank eigene Schuldverschreibungen, sogenannte SNB Bills, herausgegeben, auch mit dem damaligen Zweck, Liquidität aus dem Markt abzuziehen. Nun wird die Ausgabe neuer SNB Bills gestoppt, und schon emittierte Papiere werden zurückgekauft.
Mit der Liquiditätsabschöpfung will die Nationalbank laut Mitteilung so lange zuwarten, bis die Giroguthaben der Banken bei der SNB von derzeit rund 30 Milliarden auf 80 Milliarden Franken gestiegen sind. Auf den SNB-Girokonti parken die Banken jene Mittel, für die sie keinen Verwendungszweck haben; die Giroguthaben sind mithin ein Mass für die im Geldmarkt bestehende Überschussliquidität. Zum Vergleich: Im Mai 2010 stiegen die Giroguthaben der Banken bis auf rund 100 Milliarden – eine Folge der seinerzeitigen Devisenkäufe durch die SNB, die eine massive Ausweitung der heimischen Geldmenge zur Folge hatten.
Bis zu einer Neuauflage der Devisenmarktinterventionen, wie sie die SNB von März 2009 bis Juni 2010 praktiziert hatte, geht das Noteninstitut mit den gestern bekannt gegebenen Massnahmen nicht – noch nicht. Denn wie die Nationalbank abschliessend festhielt, beobachte es die Entwicklung am Devisenmarkt sehr aufmerksam und werde «bei Bedarf weitere Massnahmen gegen die Frankenstärke ergreifen».
«In erster Linie Psychologie»
Und wie kommen die von der SNB jetzt ergriffenen Vorkehrungen gegen den starken Franken bei Experten an? «Sie sind Ausdruck dafür, dass die Nationalbank nicht viel Spielraum hat – angesichts der bereits minimen Zinssätze – und sie sehr vorsichtig agieren muss», so die Einschätzung von Christian Gattiker, Chefstratege der Bank Julius Bär. Die Kernbotschaft laute, dass das Geld hierzulande auf absehbare Zeit billig bleibe, ja zum Nulltarif zu haben sei.
«Die Schweiz befindet sich in einer privilegierten und zugleich schwierigen Lage», resümiert Gattiker mit Blick auf die Schuldenprobleme in den USA und Teilen Europas, die durch eine Wachstumsflaute noch verschärft würden. Nachdem die Politik dies- und jenseits des Atlantiks dafür keine tragfähigen Lösungen gefunden habe, sei die Fluchtbewegung in den Franken noch verstärkt worden. «Ironischerweise», so der Bär-Stratege, «wird der Höhenflug des Frankens erst dann zu stoppen sein, wenn sich die Schweizer Wirtschaft deutlich abschwächt und die Investoren realisieren: Wir können uns nicht abkoppeln.»
Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse, sieht in den Verlautbarungen der Nationalbank «in erster Linie Psychologie». Vor allem ihre Ansage, im Bedarfsfall weitere Massnahmen zu ergreifen, «ist als klarer Hinweis an die Märkte zu verstehen, ‹wir machen Ernst›». Ob die SNB den Libor tatsächlich gegen null zu senken vermag, hält Neff indes für zweifelhaft. Die Banken, so die Begründung, verlangten bei der Kreditvergabe untereinander bereits wieder eine «Angstprämie», zusätzlich zum Zinssatz, angesichts der angespannten Situation auf den Finanzmärkten.
Den Zeitpunkt für die verbale Intervention der SNB hält Neff für «geschickt gewählt». Der CS-Chefökonom ist überzeugt, dass zwischen 1.00 und 1.10 Franken je Euro «eine neue Bodenbildung einsetzt». Auf diesem Kursniveau seien alle schlimmen Nachrichten eingepreist – «ausser eine Rezession in den USA». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.08.2011, 06:58 Uhr
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67 Kommentare
Wie wäre es wenn die Nationalbank jedem Schweizer 5'000.- Franken zukommen lassen würde? So wäre auch mehr Geld im Umlauf und die Summe könnte als Gegenleistung für die vorhergehende Finanzkrise mit der Stützung der USB mit Staatsgeldern gesehen werden. Antworten
Wieso kann ich als Privatperson nicht direkt Kredite bei der Nationalbank für 0 - 0.25% aufnehmen? Wieso ist dies ein Privileg der Banken?
Und: Im Endeffekt ist jeder Herstellung von Geld nur durch die Vergabe von Krediten, sprich, Schuldmachung zu erreichen? Dank Zinsen muss die Geldmenge permanent steigen? Dadurch auch die Schulden?
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