Wirtschaft
Dringend gesucht: Ingenieure
Von Judith Wittwer. Aktualisiert am 07.08.2010 16 Kommentare
Noch nicht lange ist es her, da klagten die Unternehmen über fehlende Aufträge. Die Wirtschaftskrise machte ihnen zu schaffen. Tausende von Betrieben stellten in der ganzen Schweiz Gesuche für Kurzarbeit. Die Angestellten hatten weniger Arbeit und Lohn.
Heute zieht die Nachfrage wieder an; allen voran die klassischen Exporteure von der Uhrenbranche über Chemie/Pharma bis zur Maschinen- und Elektroindustrie spüren den Schub. Der Schweizer Aussenhandel hat den Einbruch des Vorjahreszeitraums im ersten Semester 2010 trotz Frankenstärke etwa zur Hälfte wettgemacht, und auch in Deutschland, dem wichtigsten Schweizer Handelspartner, läuft es für die Industrie wieder rund. Die Auftragsbücher füllen sich. Selbst die Autobauer starten durch. Sorgen machen sich die Unternehmen gleichwohl. Es fehlen ihnen die Spezialisten, allen voran die Ingenieure. In Deutschland schlagen Wirtschaft und Politik schon Alarm: Der Ingenieursverband spricht von einer aktuellen Lücke von 36 000 Leuten, und das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) rechnet vor, dass dem Land in vier Jahren 220 000 Ingenieure, Techniker und Naturwissenschafter fehlen werden.
ABB braucht 50 Ingenieure
Auch in der Schweiz suchen die Firmen überall nach Fachkräften. Allein ABB hat hierzulande derzeit über 50 Ingenieurstellen offen – dringend gebraucht werden Projektleiter und Spezialisten für Entwicklung, Verkauf und Forschung. Bei Siemens Schweiz sucht man gegen 100 zusätzliche Angestellte, auch da vor allem Ingenieure und Servicetechniker. Andere Industriefirmen wie Sulzer, Rieter, Sika, Geberit oder Georg Fischer bräuchten ebenfalls schnell bis zu 20 Fachkräfte.
Mit dem Aufschwung verschärft sich ein Problem, das die Konzerne bereits vor und während der Flaute beschäftigte: Wo finden wir für unsere sehr spezialisierte Arbeit hoch qualifiziertes Personal? «Wir brauchen Bau- und Chemieingenieure, die willens und fähig sind, für den Wissenstransfer auch mal für einige Jahre nach Brasilien, China oder Indien zu gehen», sagt zum Beispiel Sika-Personalleiter Peter Ziswiler. «Im Idealfall bringen die Bewerber bereits Berufserfahrung in Schwellenländern mit.»
Solche Anforderungsprofile lassen sich so leicht nicht erfüllen; erst recht nicht, wenn es der Wirtschaft wieder besser geht und der Kampf um die besten Talente zunimmt.
Offene Grenzen sind entscheidend
Anders als die Deutschen setzen die Betriebe in der Schweiz aber schon lange stark auf ausländische Fachkräfte. Durch die Personenfreizügigkeit mit der EU ist es für die Firmen leichter geworden, Spezialisten zu rekrutieren. «Die offenen Grenzen sind für unseren Wirtschaftsstandort entscheidend», so Swissmem-Direktor Peter Dietrich. «Die Schweiz mit ihrem kleinen Arbeitsmarkt ist darauf angewiesen, dass die Firmen hier selbst aus Nicht-EU-Ländern Fachkräfte anheuern können.» Vor kurzem klagten Konzerne wie Google oder IBM über gekürzte Ausländerkontingente; prompt machte der Bundesrat die Restriktionen grösstenteils rückgängig.
Während Deutschland derzeit intensiv über eine lockerere Zuwanderungspolitik und sogar ein Begrüssungsgeld für Gastarbeiter debattiert, um den Mangel an Profis zu beheben (TA vom Dienstag), ist die Schweiz längst zum Einwanderungsland für Spezialisten geworden. «Bekämen wir nicht viele Bewerbungen aus Deutschland, müssten wir wohl auch von einem Fachkräftemangel sprechen», heisst es bei Georg Fischer. So können Engpässe meist überwunden werden.
Hoffnung macht schliesslich auch der Nachwuchs: Lange stagnierte oder sank an der ETH wie an Fachhochschulen die Zahl der Studieneintritte in klassischen Ingenieursdisziplinen. «Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt deutlich eine Trendwende», bestätigt Swissmem-Direktor Dietrich. «Die Zahl der Studierenden hat insbesondere im Maschinenbau an der ETH Höchstwerte erreicht.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.08.2010, 20:09 Uhr
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16 Kommentare
Ingenieure werden gesucht, sowohl in D, wie in der CH.Warum haben dann die fertig ausgebildeten keinen Job + nur unterbezahlte Praktika? Sind ca 28 Jahre alt, stehen am Anfang ihrer Laufbahn, eigentlich 1 ganz normaler Vorgang. Da fehlt es wohl am Willen der Konzerne.Die grossen"Häuser" könnten auch Kinderhüte-Dienst organisieren, sodass Frauen + Männer m Kindern 1 gute Chance hätten. Antworten
BWLer und Juristen Studiengänge boomen, weil man dort mit weniger Leistung mehr Geld verdienen kann und erst noch das Sagen hat: In den Führungsgremien von Politik und Wirtschaft findet man fast keine Ingenieure. Diese müssen sich zudem ein Leben lang weiterbilden und froh sein, wenn man sie - wenn sie mal über 45 sind - überhaupt noch einstellt. Die volle Freizügigkeit hat das noch verschlimmert Antworten
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