Wirtschaft
Eine 25-Stunden-Woche würde reichen
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 24.06.2009 108 Kommentare
Weniger Arbeiten würde auch mehr Freizeit für Hobbys bedeuten: Wanderer vor dem Aletschgletscher. (Bild: Keystone)
In Grossbritannien gehen Unternehmen wie die Luftfahrtsgesellschaft British Airways, die Treuhandfirma KPMG oder die Zeitung «Financial Times» in die Offensive und fordern ihre Mitarbeiter dazu auf, weniger zu arbeiten oder beispielsweise eine halbjährige Auszeit zu nehmen. Die Verlängerung der Kurzarbeit wird in Deutschland und auch bei uns zu einem zentralen, sozialpolitischen Thema. Das verwundert: Die Finanzkrise ist zu einer Krise der realen Wirtschaft geworden: Fast täglich wird ein neuer Stellenabbau bekannt gegeben wie heute zum Beispiel bei Sulzer. Das Winterthurer High-Tech-Unternehmen will 1400 Stellen streichen.
Auch für die Zukunft sieht der Trend alles andere als rosig aus. Für die Schweiz wird noch dieses Jahr eine Arbeitslosenquote von über fünf Prozent erwartet. Wir sind damit noch sehr gut bedient. In anderen europäischen Ländern wie Spanien ist die Zehn-Prozent-Schwelle bereits überschritten worden. Besserung ist nicht zu erwarten. «Die Folgen des Schocks werden noch lange wirksam bleiben», sagt Anton Brender, Chefökonom von Deixa Asset Management im «Tages-Anzeiger». «Selbst unter der optimistischen Annahme, dass die US-Wirtschaft um 4 Prozent wächst, wird die Arbeitslosigkeit mittelfristig hoch bleiben.»
Produktivität steigt weiter an
Die Krise beginnt immer stärker unser traditionelles Arbeitsmodell in Frage zu stellen. Dieses geht davon aus, dass ein normaler Erwerbstätiger plus minus 40 Stunden in der Woche arbeitet und dass auf dem Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung herrscht. Dieses Modell stösst jedoch immer offensichtlicher an seine Grenzen. Schuld daran ist die steigende Produktivität der Wirtschaft. In den modernen Staaten hat sich deshalb die Anzahl der Güter und Dienstleistungen seit den 70er Jahren mehr als verdoppelt. Und der Trend geht weiter. In der Schweiz liegt die Steigerung der Produktivität nach wie vor bei durchschnittlich 1,5 Prozent pro Jahr.
Steigende Produktivität ist grundsätzlich eine segensreiche Sache. Sie hat es möglich gemacht, dass die Arbeitszeit seit dem Zweiten Weltkrieg sukzessiv verkürzt werden konnte: 1950 lag die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf in den Industrieländern bei 1018 Stunden, 2006 war sie auf 679 Stunden gesunken. Die Verkürzung der Arbeitszeit ist jedoch zum Stillstand gekommen, ja teilweise wieder rückgängig gemacht worden. Die Wirtschaft wird aber produktiver. Das kann nicht ewig so weitergehen, irgendwann wird offensichtlich, dass sich bei gleich bleibender Arbeitszeit Vollbeschäftigung und Produktivitätswachstum nicht mehr unter einen Hut bringen lassen.
25 Stühle für 40 Teilnehmer
Bereits vor Ausbruch der Krise wurden die Grenzen der Vollbeschäftigung sichtbar. Werner Vontobel und der Schreibende haben im Buch «Arbeitswut» überschlagsmässig ausgerechnet, dass in der Schweiz eine 25-Stunden-Woche reichen würde, um alle Güter und Dienstleistungen zu produzieren, die wir derzeit produzieren, wenn die Arbeit auf alle Erwerbstätigen verteilt werden würde. Das geschieht aber nicht, deshalb kommt es auf dem Arbeitsmarkt zu einem Sesseltanz, wie bei dem bekannten Spiel: Es gibt 40 Teilnehmer, aber bloss 25 Stühle. 15 Teilnehmer scheiden aus, wenn die Musik aufhört zu spielen. In der Krise hat die Musik aufgehört zu spielen, der Sesseltanz ist in vollem Gang. Nicht nur schlecht ausgebildete Arbeitnehmer sind davon betroffen. Es zeigt sich nun, dass wir auch zu viele Ärzte, Juristen, Piloten und Journalisten haben.
Die Wirtschaftskrise wird immer wieder als Chance für einen «New Green Deal» bezeichnet, für einen ökologischen Umbau der Gesellschaft. Analog dazu kann diese Krise auch als Chance gesehen werden, unser traditionelles Arbeitszeitmodell zu reformieren. Es ist nicht zwingend, dass eine an sich segensreiche Entwicklung wie die Steigerung der Produktivität zu einem entwürdigenden Sesseltanz um Arbeitsplätze verkommt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.06.2009, 13:13 Uhr
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108 Kommentare
Schöner Vergleich mit dem Sesseltanz. In der Realität ist es aber so, dass von den 40 Teilnehmern 7 zu blöd sind zum Sitzen, 3 zu faul sind zum Sitzen und lieber liegen und nur 5 tatsächlich in Konkurrenz zu den bereits Sitzenden stehen. Diese 5 werden aber innert nützlicher Frist dank Engagement eine neue Runde mit freien Stühlen finden. Antworten
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