Eine Lektion in português

Aus dem Nichts rauschten gestern die Börsenkurse in die Tiefe. Schuld war eine – für die Weltwirtschaft relativ unwichtige – Meldung aus Portugal. Aber aufgepasst: Das war eine Warnung!

Eine Bank sorgt für Turbulenzen an den Märkten: Banker in Lissabon vor der Banco Espirito Santo. (Archivbild)

Eine Bank sorgt für Turbulenzen an den Märkten: Banker in Lissabon vor der Banco Espirito Santo. (Archivbild) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Meldungen um mögliche Zahlungsprobleme der portugiesischen Banco Espírito Santo haben am Donnerstag wie ein Sommersturm die weltweiten Kapitalmärkte erfasst: Die Aktienbörsen von Europa über die USA bis nach Asien sind getaucht – mit den grössten Verlusten überall bei den Banken. Aber auch die Krisenwährung Gold hat zugelegt, ebenso die Kurse von Staatsanleihen sogenannt sicherer Häfen wie der Schweiz, Deutschlands und der USA. Jene der Europeripherieländer dagegen mussten Kursverluste verbuchen. Kurz: Das Bild an den Märkten glich beängstigend dem, was man in der heissen Phase der Eurokrise so oft gesehen hat.

Wie er gekommen ist, so hat sich der Sturm zwischenzeitlich weitgehend wieder verzogen. Am Freitagmorgen eröffneten die meisten Börsen im Plus – darunter auch diejenige der Schweiz und selbst diejenige von Portugal. Auch der Goldpreis hat wieder etwas nachgegeben.

Dennoch wäre es unklug, die Episode rasch abzuhaken. Denn sie hält zwei wichtige Lektionen bereit.

1. Die Probleme der Eurozone sind nicht gelöst, und die Krise kann sich deshalb tatsächlich jederzeit wieder verschärfen.

2. An den Kapitalmärkten (sowohl jenen für Aktien wie auch für Anleihen) weltweit herrscht eine gefährliche Sorglosigkeit vor. In dieser Situation kann ein Funken reichen, um einen Flächenbrand auszulösen.

1. Die schwelende Eurokrise

Seit der heissen Phase der Krise sind die Probleme der Eurozone etwas aus den Schlagzeilen verschwunden. Immerhin muss nicht mehr – wie damals – fast täglich befürchtet werden, dass sie auseinanderfällt, weil ein Land wie Griechenland, Spanien oder Portugal seine Schulden nicht mehr bedienen kann, auch weil die Renditen seiner Staatsanleihen (und damit seine Zinskosten) ins Unermessliche steigen und am Ende nur noch die Aufgabe des Euro bleibt. Diese Gefahr haben die Rettungsschirme der Euroländer und vor allem die vielfältigen Massnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) gebannt. Die grösste Bedeutung hatte das Versprechen der EZB, notfalls unter Bedingungen unbeschränkt Staatsanleihen eines gefährdeten Landes aufzukaufen.

Die realwirtschaftlichen Bedingungen haben sich dagegen nicht entsprechend verbessert. Positiv ist, dass der Absturz gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIZ) gebremst wurde und die Wirtschaft der Eurozone wieder wächst. Aber dieses Wachstum ist viel zu gering, um dem Elend zu entkommen, in das vor allem die Krisenländer wirtschaftlich gestürzt sind: Im Vergleich zum Vorquartal lag es im ersten Quartal 2014 bei 0,2 Prozent und gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal bei 0,9 Prozent. Und selbst diese Zahlen ergeben sich hauptsächlich durch das starke Wachstum des mit Abstand grössten Mitglieds Deutschland, das gegenüber dem Vorjahr um 2,3 Prozent zugelegt hat. Griechenlands Wirtschaft ist sogar weiter geschrumpft.

Besonders deutlich zeigen sich die anhaltenden realwirtschaftlichen Probleme an der Arbeitslosigkeit, die sich kaum zurückbildet. Noch immer befindet sie sich in der ganzen Eurozone bei 11,6 Prozent. Wobei auch hier die Zahl dank der beneidenswerten Lage von Deutschland mit einer Arbeitslosenquote von 5,1 Prozent ein zu positives Bild zeigt. In den Peripherieländern liegt sie deutlich höher – in Spanien zum Beispiel bei 25 Prozent.

Die anhaltende wirtschaftliche Schwäche der Eurozone hat ihre Ursache vor allem in der grossen privaten und staatlichen Verschuldung. Beide sind insgesamt auch als Folge der Krise noch weiter gestiegen. Wie der renommierte Makroökonom und Schuldenexperte Kenneth Rogoff schreibt, wird die Eurozone ohne deutliche Schuldenabschreiber nie aus der Krise finden. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist Rogoff vor allem durch sein mit der Ökonomin Carmen Reinhart gemeinsam verfasstes Werk über die Geschichte von Schuldenkrisen, «Dieses Mal ist alles anders».

Die grosse Verschuldung ist auch für die anhaltende Schwäche der Banken in der Eurozone verantwortlich. Vor allem weil niemand weiss, wie gefährdet die Institute wirklich sind, reichen wenige Hinweise auf eine Schwäche aus, um gleich Panikattacken auszulösen, wie das Beispiel der Banco Espírito Santo eben gezeigt hat.

Die EZB will diese Unsicherheit zwar durch ein gründliches Durchleuchten der Banken klären, doch das erhöht die Sorge um die Banken noch zusätzlich. In den letzten Tagen haben diese davor gewarnt, dass das schlechte Abschneiden einzelner Institute – vor allem wenn das zu schnell oder zu unvorsichtig kommuniziert wird – allein schon eine neue Panik auslösen könnte.

2. Zu sorglose Kapitalmärkte

Die Europäischen Börsen (inklusive derjenigen der Schweiz) bewegen sich seit Sommer 2011, jene der USA seit März 2009 nur noch nach oben. Die zwischenzeitlichen Taucher wurden rasch ausgebügelt. Lang anhaltende Entwicklungen solcher Art führen an den Märkten zur Erwartungshaltung, die realen Gefahren locker ignorieren zu können.

Diese Sorglosigkeit zeigt sich auch an einer Reihe von Indikatoren: Die grösste Bedeutung hat hier die sogenannte Volatilität, damit sind die erwarteten Marktschwankungen gemeint, die sich aus den Preisen gehandelter Optionen herausrechnen lassen. Volatilitätsindizes, wie etwa der amerikanische VIX oder der Schweizer VSMI, gelten als Sorgenbarometer der Aktienmärkte. Eine tiefe Volatilität gilt als Hinweis für Sorglosigkeit, eine hohe für grosse Ängste. Tatsächlich liegen diese Indizes im Mehrjahresvergleich auf Rekordtiefs. Auch sie sind allerdings gestern etwas angestiegen.

Einen weiteren Hinweis für die Sorglosigkeit und den Glauben, es könne an den Märkten bloss noch aufwärtsgehen, liefert der Umstand, dass auch die Wetten auf sinkende Kurse auf den Kapitalmärkten auf den tiefsten Stand seit der Zeit vor der Finanzkrise gefallen sind. Solche Wetten sind durch das Verkaufen von ausgeliehenen Wertpapieren möglich, die dann – wenn die Kurse tatsächlich gefallen sind – zu einem kleineren Preis zurückgekauft werden können.

Ein Hinweis für überschäumenden Optimismus ist schliesslich auch der Umstand, dass die Prämien für Risiken auf sehr tiefe Niveaus gesunken sind. Das zeigt sich etwa am Unterschied der Renditen von Hochrisikoanleihen gegenüber weniger riskanten, der ebenfalls auf ein historisches Tief gefallen ist. Es zeigt sich aber nicht zuletzt auch bei den Anleihen von Peripheriestaaten der Eurozone. Dass etwa Anleihen des spanischen Staates zwischenzeitlich tiefer rentiert haben als jene der USA, liefert angesichts der beschriebenen Probleme der Iberer sicher keinen Hinweis auf deren wirtschaftliche Überlegenheit gegenüber den USA. Es ist nur ein krasses Zeichen für die gegenwärtige Risikoblindheit der Märkte. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie die Sorglosigkeit der Märkte einen wichtigen Indikator zur Lage der Eurozone ins Positive verzerrt.

So wie sich hier ein ungerechtfertigter Optimismus in Marktdaten niederschlagen konnte, die diese Weltsicht zu rechtfertigen scheinen und den Optimismus gleich weiter schüren, so kann dieser Rückkoppelungsmechanismus leicht auch drehen. Die Gefahr ist, wie aktuell, besonders gross, wenn die Vorsicht am geringsten ist. Denn dann können selbst für die Weltwirtschaft und die internationalen Kapitalmärkte relativ unbedeutende Ereignisse – wie es für die Meldungen über den Zustand der Banco Espírito Santo zutrifft – wie ein Weckruf wirken: ein Weckruf, der an die anhaltenden Probleme Europas gemahnt, und ein Weckruf, der die (damit auch zusammenhängenden) Risiken an den Kapitalmärkten schockartig wieder bewusst macht.

Welche Folgen ein solcher Weckruf haben kann, haben die Marktbewegungen am Donnerstag eindrücklich demonstriert. Vorerst scheint der Optimismus erneut die Oberhand zu gewinnen. Wenn sich die Wahrnehmung der Gefahren wenigstens etwas verschiebt, dann war der gestrige Schock heilsam. Wenn nicht, werden die Folgen beim nächsten Mal und bei einem bedeutenderen Auslöser deutlich dramatischer sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.07.2014, 12:56 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Portugal versetzt Börsen in Aufruhr

Spekulationen um Zahlungsprobleme bei einer portugiesischen Bank wirken sich heute deutlich auf die Kurse an den Aktienmärkten aus. Mehr...

Ruhe an den Märkten – zu ruhig?

Mit ihrer Politik, die Zinssätze langfristig auf Tiefständen zu halten, haben die Notenbanken die Kursausschläge bei Aktien und Anleihen auf ein Minimum reduziert. Ein Risiko. Mehr...

Das Übel des Euro in acht Minuten

Never Mind the Markets Never Mind the Markets Was hat Mario Draghi mit Salvatore Ferragamo zu tun? Worum geht es eigentlich in der Eurokrise? Und wie wird das Kapitel dereinst enden? «Punk»-Ökonom David McWilliams hat die Antworten. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bald platzen sie: Ein Junge bläst am Strand von Colombo (Sri Lanka) Seifenblasen in die Luft (8. Dezember 2016).
(Bild: Dinuka Liyanawatte) Mehr...