Wirtschaft
Eine politisch explosive IWF-Einschätzung zum Franken
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 29.03.2011 49 Kommentare
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Die gehässig geführte Auseinandersetzung um die Eurokäufe der Schweizerischen Nationalbank im Jahr 2009 und in der ersten Jahreshälfte 2010 ist um einen Beitrag reicher. Im regelmässig stattfindenden Länderexamen des Internationalen Währungsfonds IWF – der sogenannten «Artikel IV-Konsultation» – kamen die Ökonomen des Fonds zu einer Einschätzung, die der SNB-Spitze unter Philipp Hildebrand wenig behagt: Der Franken sei nicht deutlich überbewertet.
In der öffentlichen Diskussion werden die Eurokäufe der Nationalbank vor allem von der SVP und der ihr nahestehenden «Weltwoche» kritisiert. Angriffspunkt der Kritik ist die gewaltige Aufblähung der Euro-Währungsreserven in den letzten beiden Jahren in der SNB-Bilanz im Zuge dieser Interventionen. Auf ihren damit angehäuften Devisenreserven musste die Notenbank im vergangenen Jahr Verluste im Umfang von 32,7 Milliarden Franken verbuchen.
Futter für die Hildebrand-Kritiker
Wenn nun der Franken selbst heute nicht überbewertet ist, dann könnte man oberflächlich betrachtet daraus schliessen, dass er es schon vor einem oder zwei Jahren nicht war, als der Franken gegenüber dem Euro und auch handelsgewichtet gegenüber allen Währungen noch deutlich schwächer war. Die Folgerung daraus könnte somit lauten, dass die Interventionen der SNB (SNBN 1089 2.06%) ihr nicht nur Verluste eingebracht haben, sondern dass sie auch noch vollkommen überflüssig waren.
Diese Schlussfolgerung hätte zwar Sprengkraft, ist aber unzulässig. Die SNB selbst bestreitet die Einschätzung des IWF zur Bewertung des Schweizer Frankens, wie ihr Vertreter Thomas Moser bereits an der Pressekonferenz gestern klargemacht hat, als die IWF-Vertreterin Claire Waysand den Bericht zur Schweiz in Bern vorgestellt hatte. Angesichts der möglichen Schlussfolgerung ist das zwar wenig überraschend. Dennoch kommt die Nationalbank besser weg, als es die Behauptung des IWF vermuten lassen könnte.
Warum die Aussagekraft der IWF-Einschätzung beschränkt bleibt
Erstens ist die Einschätzung von fairen Werten einer Währung eine äusserst umstrittene Übung. Auch die Modelle, mit denen der IWF zu seinem Resultat gekommen ist, weichen in den Resultaten voneinander ab, eines bestätigt sogar eine Überbewertung.
Zweitens lassen sich aus den momentanen Umständen nicht leichtfertig Schlüsse über die Vergangenheit ziehen. Das heisst, selbst wenn der Franken heute nicht überbewertet wäre, kann man daraus nicht auf seine korrekte Bewertung in der Vergangenheit schliessen. Sonst müsste das zum Beispiel bedeuten, dass er etwa 2010 mit einem Kurs gegenüber dem Euro von rund 1.50 bereits viel zu schwach war. Diese Position lässt sich nur schwer vertreten.
Schliesslich lag der wichtigste Grund für die Eurokäufe der Nationalbank gar nicht darin, ein bestimmtes Wechselkursziel zu etablieren. Diesen Punkt hat sie bei jeder Gelegenheit betont. Vor einigen Tagen auch wieder ihr Präsidiumsmitglied Jean-Pierre Danthine. Seit dem Januar 2009 liegen die Leitzinsen der Schweizerischen Nationalbank praktisch bei null Prozent. Das heisst, ihr wichtigstes Instrument, um die Konjunktur zu stimulieren, ist stumpf geworden. Käufe von Fremdwährungen boten eine Möglichkeit, die Wirtschaft in dem Moment mit Frischgeld zu versorgen, als kurz nach dem Höhepunkt der Finanzkrise die Weltkonjunktur sich im freien Fall befand.
Krisenverhinderung im Fokus
Argumentiert hat die Notenbank damals nicht mit dem Wechselkurs, den es zu schwächen gelte, sondern mit der Preisstabilität: Konkret mit einer drohenden Deflationsgefahr mit anhaltend sinkendem Preisniveau. So war es zu Beginn des Jahres 2009 gerade der IWF, der für die darauffolgenden zwei Jahre eine Deflationsphase prognostiziert hatte. Dieses Szenario wäre für die Zentralbank verheerend gewesen, gerade weil sie ihre Zinsen nicht mehr weiter senken konnte, denn eine Deflation erhöht das reale Zinsniveau und bremst damit Investitionen und Konsumausgaben. Ende 2009 hielt dann allerdings die SNB die Gefahr angesichts einer wieder anziehenden Schweizer Wirtschaft für gebannt – was auch ihren Eingriffen zu verdanken war.
Die Interventionen im ersten Halbjahr 2010 waren schliesslich eine Folge der Eurokrise, die zu einem dramatischen Anstieg des Aussenwerts des Frankens geführt hatte. Hier versuchte die Notenbank erneut Gegensteuer zu geben. Der Franken notierte noch zu Beginn dieses Jahres bei einem Kurs von 1.48 Franken zum Euro, ein halbes Jahr später kostete der Euro nur noch 1.32 Franken – trotz der Interventionen. Es ist schwer einzuschätzen, was mit dem Kurs passiert wäre, hätte die Nationalbank gar nichts getan. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wäre die SNB in diesem Fall unter enormen politischen Druck von Seiten der Exportindustrie und der Gewerkschaften geraten. Eine IWF-Einschätzung, die dem Franken damals bei 1.48 eine massive Unterbewertung attestiert hätte, wäre mit Sicherheit als äusserst unglaubwürdig taxiert worden. Doch genauso unglaubwürdig wäre es, aus einer heute umstrittenen Einschätzung zum korrekten Wert des Frankens Schlüsse über die vergangene SNB-Politik zu ziehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.03.2011, 14:33 Uhr
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49 Kommentare
Es wäre vielleicht gut, wenn einige der SNB-Kritiker bei Köppel einen Grammatikkurs nehmen würden, bevor sie ihre Tiraden loslassen. Ich erinnere mich nicht, bei Ospel ähnliche Kritik gehört zu haben. Und jetzt will der Herr Dr. iur. CHB die Grossbanken erneut schonen. Darum hat sein Leiborgan das Geschützrohr auch gedreht und auf die Feuerwehr statt die Brandstifter gerichtet. Sehr durchsichtig. Antworten
Die Gehässigkeiten gegen Herrn Hildebrand hat wiederum Herr C. Blocher. Kein Wunder, dass diesem Universalgenie alle Journalisten eine Plattform bieten, wenn sie sonst nichts zu schreiben haben. Dies, obschon er sie als allesamt verschworene Linke taxiert. Mit Ausnahme des Chefredaktors der WW, seines Parteiorgans. Antworten
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