El Niño lässt Börsen zittern

Erstmals nach fünf Jahren erwarten Meteorologen die Herausbildung des berüchtigten Wetterphänomens. In früheren Perioden reagierte der Preis von Nickel besonders stark.

El Niño hat 2009 zu Ernteausfällen in Asien geführt: Reisfeld ausserhalb der chinesischen Stadt Chongqing. Foto: Reuters

El Niño hat 2009 zu Ernteausfällen in Asien geführt: Reisfeld ausserhalb der chinesischen Stadt Chongqing. Foto: Reuters

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Fachleute glauben, dass das Wetterphänomen El Niño dieses Jahr verstärkt auftreten wird. Es hat weltweite Auswirkungen, wenngleich sie in Europa vergleichsweise gering sind. Für Hunderte Millionen Menschen sind die Folgen verheerend. Sie leiden in dieser Ausnahmezeit unter Trockenheit und Dürren, so etwa in Südostasien, China, Indien und Australien. Andernorts, zum Beispiel auf dem amerikanischen Kontinent, steigen die Niederschlagsmengen; dies kann dem dürregeplagten Kalifornien zu etwas Linderung verhelfen – falls nicht sintflutartige Regenfälle zu Überschwemmungen führen wie unlängst in Texas. Ausserdem mehren sich weltweit Taifune und Tornados.

Wetten auf steigende Preise

In Mitleidenschaft gezogen werden ausserdem die Ernten bei landwirtschaftlichen Produkte sowie die Gewinnung gewisser Metalle, was Preissteigerungen auf breiter Front, vor allem aber bei Lebensmitteln, nach sich zieht. Deshalb wird den Prognosen betreffend El Niño auch von den Akteuren an den internationalen Rohwarenbörsen starke Beachtung geschenkt.

Besonders folgenschwer war das Wetterphänomen 1997/98. Die damals von ihm ausgelösten Naturkatastrophen kosteten rund 24'000 Menschen das Leben, und der wirtschaftliche Verlust belief sich auf 34 Milliarden Dollar, wie die ­US-Wetter- und -Ozeanografiebehörde NOAA ermittelte.

Wenn also die Wetter-, Klima- und Ozeanforscher zuerst in den USA und inzwischen auch in Australien und Japan die Entstehung des El-Niño-Phänomens bestätigen, wird das unweigerlich zu einem brennenden Thema – nicht zuletzt an den Märkten. Für spekulativ orientierte Investoren erscheinen dann Wetten auf steigende Preise für Kaffee, Zucker oder Getreide lohnenswert. Umgekehrt sind Firmen, die diese Produkte zur Weiterverarbeitung einkaufen, bestrebt, sich durch Termingeschäfte vor unkalkulierbaren, abrupten Preissprüngen zu schützen.

Die Experten hatten allerdings schon im letzten Frühling einen El Niño vorhergesagt, was sich dann jedoch als Fehlalarm entpuppte. Marktteilnehmer, die sich entsprechend positioniert hatten, mussten zum Teil herbe Verluste einstecken, von denen sich einige bis heute nicht restlos erholt haben. Und selbst jetzt sind sich die Fachleute nicht restlos sicher, ob das Wetterphänomen – das letztmals 2009/10 aufgetreten ist – wieder richtig zum Tragen kommt. Das Phänomen weist stark unterschiedliche Ausprägungen auf und kann lediglich ein halbes Jahr oder im anderen Extremfall bis zu zwei Jahre dauern. Der jetzt bevorstehende El Niño wird von den staatlichen australischen Meteorologen bislang als mittelmässig bis stark eingestuft.

Die französische Bank Société Géné-rale untersuchte im Auftrag eines Kunden Datenreihen bis Anfang der 1990er-Jahre zurück, um herauszufinden, welche Rohwaren und Produkte als Folge von El-Niño-Perioden die heftigsten Preisausschläge verzeichneten. Dabei befinden sich, wenig überraschend, unter den elf schwankungsanfälligsten insgesamt acht Agrarerzeugnisse: Kakao, Kaffee, Baumwolle, Sojabohnen, -mehl und -öl sowie Zucker und Weizen.

Die höchste Preissensibilität weist allerdings keines dieser Produkte auf. Das gilt vielmehr für Nickel, ein Metall, das Eisen und Stahl zur Verstärkung beigemengt wird. Die Nickelnotierungen legten in El-Niño-Phasen um durchschnittlich knapp 14 Prozent zu – verglichen mit einer mittleren Preissteigerung von 3,2 Prozent bei allen elf beobachteten Produkten. Wie kommt das? El Niño führt eben auch in Indonesien, dem weltweit grössten Nickelproduzenten, zu Trockenheit. Dadurch wird die dortige Erzgewinnung in doppelter Weise beeinträchtigt: Erstens fehlt es an Elektrizität, die vorwiegend mithilfe von Wasserkraft erzeugt wird, und zweitens lassen die tiefen Wasserstände der Flüsse nur ein beschränktes Transportvolumen auf Schiffen zu.

USA vor guter Getreideernte

Extreme Verteuerungen – von 60 bis über 100 Prozent in einzelnen El-Niño-Phasen – sind ausserdem bei Kaffee, Kakao und Baumwolle zu beobachten gewesen. Meist trug das Wetterphänomen bei diesen Agrarprodukten dazu bei, bereits bestehende Knappheiten noch zusätzlich zu verschärfen.

Das lässt sich gegenwärtig beim ­Kakao beobachten. In Westafrika, der bedeutendsten Anbauregion, führt El Niño erfahrungsgemäss zu Trockenheit, was die Ernten beeinträchtigt. Die Produktion des Schokoladenrohstoffs fällt in diesen Perioden um durchschnittlich 2,4 Prozent geringer aus, wie die Internationale Kakao-Organisation ermittelt hat. Dabei hat der Kakaopreis an den Rohwarenmärkten aufgrund eines Angebotsdefizits im bisherigen Jahresverlauf bereits um rund 9 Prozent zugelegt.

Ganz anders liegen die Verhältnisse bei Getreide. Nach Angaben von US-Terminbörsen haben Hedgefonds in einem nicht da gewesenen Ausmass Wetten auf sinkende Preise für Mais, Sojabohnen und Weizen abgeschlossen. Der Grund: Im mittleren Westen der USA, dem Getreidegürtel des Landes, herrschen nahezu ideale Wetterbedingungen, die Rekordernten erwarten lassen. Zum günstigen Klima trägt nicht zuletzt El Niño bei, der für ausreichende Regenfälle und angenehme Temperaturen sorgt. Das Christkind hat also durchaus auch seine sanfteren und angenehmeren Seiten.


Warnung vor dem «Christkind»

Von Martin Läubli

Kein Wetterphänomen beeinflusst das globale Klimasystem stärker als El Niño, das Christkind. Peruanische Fischer erdachten den Namen, weil El Niño jeweils in der Weihnachtszeit besonders stark auftritt. Den Fischern bringt das «Christkind» allerdings kein Heil. Im Gegenteil. Unter dem Einfluss des Wetterphänomens erwärmt sich das Oberflächenwasser an der peruanischen Pazifikküste stärker als sonst, was verhindert, dass nährstoffreiches, kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche fliesst. Das hat für die Fischer Folgen: Der Bestand der Anchovisfische bricht in dieser Zeit grösstenteils zusammen – und damit auch das Einkommen der Fischer.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Konstellation in diesem Jahr eintreffen kann. Jedenfalls warnen die US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA und andere Wetterdienste weltweit. Sie gehen davon aus, dass der kommende Sommer und auch der Rest des Jahres mit grosser Wahrscheinlichkeit unter dem Einfluss des «Christkinds» stehen werden. Die Temperaturmessungen des Meerwassers im äquatorialen Pazifik liegen ein bis zwei Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Anfang Mai, so heisst es in einem NOAA-Bericht, hätten sich die Bedingungen von einem schwachen zu einem moderaten El Niño entwickelt. Mit dem Risiko eines kräftigen Ereignisses. Wie stark das «Christkind» sein wird, lässt sich aber noch nicht mit Sicherheit sagen.

El Niño ist ein weltweites Phänomen und tritt episodisch auf, alle 3 bis 5 Jahre. Historische Aufzeichnungen zeigen sogar einen Rhythmus von 2 bis 7 Jahren. Dabei trifft es nicht nur Peru. El Niño kann Dürren in Australien und auf den Philippinen bringen oder Überschwemmungen in Südbrasilien und Südkalifornien. Der indische Wetterdienst befürchtet dieses Jahr in Südostasien einen schwächeren Monsun. Bis heute ist die wirkliche Ursache des Wetterphänomens nicht verstanden. Was die Wissenschaftler beobachten, ist eine Abnormität der atmosphärischen und ozeanischen Zirkulation. Das heisst: Das Hochdruckgebiet über Südamerika wird schwächer. Dadurch erniedrigt sich der Druckunterschied zwischen dem Hoch im Ost- und dem Tief im Westpazifik. Mit der Konsequenz, dass die Passatwinde erschlaffen und nicht wie üblich den Äquatorialstrom von Osten nach Westen treiben.

Die Richtung der Wassermassen wird umgekehrt. Warmes Wasser wird von Indonesien in Richtung Osten bis zur südamerikanischen Küste getrieben. Über den Warmzonen steigt die Luft auf, es bilden sich Wolken, und es kann zu in sintflutartigen Regenfällen kommen. Vor Mexiko konnte sich vermutlich 1997 mithilfe von El Niño der gewaltige Hurrikan Pauline entwickeln, Stürme treten aber auch an der nordamerikanischen Küste auf. Die Störung über dem Pazifik hat selbst Auswirkungen auf den afrikanischen Kontinent. Kenia oder Somalia müssen mit starken Regenfällen rechnen. Europa kommt ungeschoren davon.

Der natürliche El-Niño-Effekt beeinflusst auch die Klimastatistik. Fünf der zehn wärmsten Jahre zwischen 1950 und 2013 waren durch das Wetterphänomen geprägt. Wie sich El Niño dieses Jahr zeigt, wird laut dem britischen Wetterdienst erst in wenigen Monaten gewiss sein. Im letzten Jahr gab es auch Anzeichen im tropischen Pazifik. Es wurde ein normales Jahr.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.06.2015, 00:26 Uhr)

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