Wirtschaft
Emissionshandel hat ein Leck
Am 16. November hackten unbekannte Täter sich in Rumäniens elektronisches Register für Emissionsrechte und stahlen 1,6 Millionen CO2-Zertifikate im Wert von 24 Millionen Euro, die Holcims (HOLN 53.45 -0.56%) Landesgesellschaft in Rumänien gehören. Eine Million Zertifikate verschoben die Gauner elektronisch auf ein Konto in Liechtenstein, die übrigen in eine Gesellschaft in Italien. Rund 600'000 Zertifikate konnte Holcim inzwischen sicherstellen. Ob Holcim den Rest je zurückerhält, ist ungewiss. Es fehlen immer noch Zertifikate im Wert von rund 15 Millionen Euro, bestätigte Holcim-Sprecher Peter Gysel auf Anfrage. Die Spuren führen nach Grossbritannien, Frankreich und Tschechien. In Rumänien läuft eine Strafuntersuchung, in die auch andere Länder einbezogen sind.
Falscher Bombenalarm als Trick
Eine neue Welle von Zertifikatsdiebstählen hat Brüssel nun derart aufgeschreckt, dass die EU-Kommission den Emissionshandel in 27 Mitgliedsstaaten sowie in Norwegen, Island und Liechtenstein mindestens bis nächsten Mittwoch weitgehend gesperrt hat.
Anfang Januar kamen Österreichs staatlicher Handelsstelle Zertifikate für 7,5 Millionen Euro abhanden. Besonders raffiniert verschafften Betrüger sich letzten Dienstag in Prag Zugriff auf Zertifikate. Sie schickten eine Bombendrohung an Prags Polizei, die das Gebäude räumen liess, in dem die Rechner der tschechischen Handelsplattform stehen. Darauf hackten sich die Täter in die nicht beaufsichtigten Rechner ein und verschoben innert Minuten 470'000 CO2-Zertifikate, darunter auch 13'000 Zertifikate von Holcim. Die Spur verliert sich in Estland. Innert fünf Tagen wurden laut der EU-Kommission bis zu zwei Millionen Emissionszertifikate für rund 28 Millionen Euro geklaut.
90-Milliarden-Handel in Gefahr
Erste Diebstähle trafen letztes Jahr Firmen in Dänemark und Deutschland. Die EU reagiert nun, um das 2005 lancierte europäische System des Emissionshandels zu schützen, über das letztes Jahr Zertifikate für 90 Milliarden Euro gehandelt wurden. Das System funktioniert in Grundzügen so: Um das Klima zu schützen, hat die Politik den Ausstoss von CO2 mit einem Preis belegt. Unternehmen, die CO2 in die Atmosphäre ablassen, müssen dafür Zertifikate kaufen, die handelbar sind. Ein EU-Zertifikat kostet derzeit rund 14 Euro.
Die Hackerangriffe konzentrieren sich auf Länder mit laschen Sicherheitsvorschriften im Emissionshandel, darunter auch Polen und Griechenland. In 14 der 27 EU-Länder, so die EU-Kommission, sei die Sicherheit des Emissionshandels ungenügend und müsse verbessert werden. Während in Deutschland für Transaktionen neben einem Passwort eine zusätzliche Autorisierung per SMS nötig ist, war es in anderen Ländern offenbar ohne grosse Probleme möglich, die Passwörter auszuspähen. Ermittler schliessen nicht aus, dass in einzelnen Ländern gar Mitarbeiter der Handelsplattformen in die Machenschaften verwickelt sind.
«Schweiz nicht direkt betroffen»
Die EU will das System «reparieren». Der deutschen Emissionshandelsstelle in Berlin geht das zu wenig weit. Sie fordert europaweit strengere Regeln. Der deutsche Energiekonzern RWE – einer der grössten Käufer von Zertifikaten – will eine Angleichung der Regeln an deutsche Standards, wenn die Systeme 2012 europaweit zusammengeführt werden.
Die Schweiz betreibt einen von der EU unabhängigen Emissionshandel und ist darum «von den Vorfällen nicht direkt betroffen», sagt Susanne Riedener vom Bundesamt für Umwelt in Bern: «Unser Register bleibt online, wir beobachten aber die Situation laufend.» Als Vorsichtsmassnahme sind Transaktionen ausserhalb der Bürozeiten vorerst nicht möglich. Hinweise auf Hackerangriffe in der Schweiz gebe es keine. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.01.2011, 07:26 Uhr
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