Wirtschaft

«Es gäbe eine Flucht von serbelnden zu soliden Pensionskassen»

Die Krise hat die Risikofähigkeit der Pensionskassen dramatisch gesenkt. 2012 droht ein weiterer Engpass. Avenir-Suisse-Direktor Held plädiert für eine Anpassung der versprochenen Leistungen.

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Zur Person

Thomas Held ist seit 2001 Direktor von Avenir Suisse, einer von 13 grossen Firmen und 70 Gönnern finanzierten Denkfabrik.

Mit Thomas Held* sprach Andreas Valda

Sind Sie über den Grad der Unterdeckung der eigenen Kasse informiert?
Als kleiner Betrieb sind wir einer Sammelstiftung angeschlossen. Sie war Anfang 2008 knapp ausgeglichen. Wir hatten Ende Jahr einen Deckungsgrad von ungefähr 90 Prozent. Vielleicht auch weniger.

Ihre Pensionskasse ist also ein Kandidat für Sanierungsmassnahmen. Ist es zu rechtfertigen, dass Ihren Mitarbeitern ein Zins gutgeschrieben wird?
Das Gesetz schreibt eine Mindestverzinsung vor. Die einzige Frage, die sich theoretisch stellt, ist, ob der überobligatorische Teil verzinst werden sollte, was fast alle Mitarbeiter treffen würde.

Letztes Jahr verzeichneten Pensionskassen Einbussen von 10 bis 30 Prozent. Jetzt werden von Gesetzes wegen Gutschriften gemacht. Ist eine solche Bestimmung generell haltbar?
Das Problem der zweiten Säule ist ja nicht nur der Mindestzins. Noch schwieriger sind die Rentenzahlungen, die weiterlaufen. Bei einer Vielzahl von Kassen reisst das Umlageverfahren ein, wie es die AHV praktiziert: Das vom Arbeitnehmer und Arbeitgeber einbezahlte Geld fliesst gleich weiter, um die Renten zu begleichen. Zwar bleiben die Kassen zahlungsfähig, verlieren aber ihre Chance, die Unterdeckung auszugleichen. Die Schwankungsreserven sind weg.

Dabei sollte die 2. Säule Kapital ansparen.
Wir hatten bisher schon Elemente eines Umlageverfahrens bei der versicherten Invaliditätsrente. Jetzt rutschen wir auch beim Alterssparen in ein AHV-System. Und dies unabhängig von der Krise. Selbst kerngesunde Kassen zahlen zu hohe Renten.

Das Parlament will den Renten-Umwandlungssatz herabzusetzen.
Damit wäre nur ein Teilproblem gelöst. Parallel dazu wirkt ja noch der technische Zins, der Renten jährlich 3,5 bis 4,5 Prozent gutschreibt. Das ist viel zu viel. Der Gesetzgeber müsste auch den technischen Zins korrigieren. Es braucht jemand, der sagt, dass eine Krisenanpassung nötig ist. Ansonsten werden die Versicherten des mittleren Alters unhaltbar stark belastet. Man kann es Krisenanpassung nennen, aber letztlich wäre es eine nötige Systemanpassung.

Die Branche argumentiert mit dem langfristigen Horizont von 40 Jahren.
Doch das stimmt nicht mehr. Ab den Pensionsjahrgängen 2011, 2012 nimmt die Zahl der Rentner stark zu. Das ist der berühmte Babyboomer-Knick in der Bevölkerungspyramide. Ab dann wird der Geldbedarf der Kassen stark steigen. Bis dahin wird die Börse es nicht schaffen, die finanziellen Lücken zu decken, die jetzt entstanden sind. Die Risikofähigkeit der Kassen ist nicht mehr gegeben. Um das in vier Jahren aufzuholen, müsste das Kapital der jüngeren Jahrgänge mit einem unhaltbar hohen Risiko investiert werden. Die Politik sollte Klartext reden, nämlich «leider hat der dritte Beitragszahler 2008 ausgesetzt. Jetzt müssen wir diesen Ausfall verteilen.»

Dabei kennt man das demografische Problem seit Jahren.
Nehmen wir an, wir hätten bereits heute einen Umwandlungssatz von, sagen wir, fünf Prozent. Dann sähe die Welt anders aus. Man wäre für eine Finanzkrise dieser Ausmasse vorbereitet. Man hat die Demografie aber ignoriert. Das rächt sich jetzt.

Anlageberater werden monieren, dass eines schlechten Börsenjahrs wegen nicht gleich die Strategie über den Haufen geworfen werden soll. In den letzten 80 Jahren haben Aktien jährlich um sieben bis neun Prozent rentiert - trotz Krisen im Ausmass der heutigen.
Dazu müssten aber Schwankungsreserven vorhanden sein. Wenn diese nicht vorhanden sind, darf man Renten der kommenden Generationen nicht aufs Spiel setzen. Deshalb ist die Situation wirklich historisch. Die fundamentalen Aussichten sind schlecht: Eine schrumpfende Gesellschaft ohne neue Beitragszahler. Die finanzielle Lücke kann nicht mehr geschlossen werden.

Wie hoch wäre ein realistischer Zinssatz für die Renten?
Das Vernünftigste wäre gar keine Vorgabe. Man müsste jedes Mal schauen, was der Kapitalmarkt hergibt. Das heisst nicht, dass es nicht Vergleichsmassstäbe gäbe. Es sollte aber keine nackten Zinsversprechungen mehr im Gesetz geben. Vielerorts ist das schon heute nicht möglich. Mit den Sanierungsmassnahmen werden temporär kürzere Mindestzinse beschlossen werden. Zwar gäbe es die Möglichkeit, eine Sanierung über Sonderbeiträge zu lösen. Aber im jetzigen konjunkturellen Umfeld wird damit die finanzielle Lage vieler Firmen in Frage gestellt. Diese Möglichkeit gibt es nicht. Faktisch ist das Gesetz ausser Kraft gesetzt.

Warum bleibt die Senkung des hohen Rentenzinssatzes tabu?
Die grosse Schwierigkeit ist der Rechtsanspruch auf Renten. Er gilt individuell und kann nicht hinterfragt werden. Sollte die Politik diesen Anspruch infrage stellen, käme sie in die Situation einer Enteignung. Es ist unzulässig, etwas rückwirkend wegzunehmen.

Ab jetzt aber schon.
Ab heute wäre eine Krisenanpassung möglich. Wichtig wäre, dass man die Auszahlungen schnell reduzieren kann, damit die Kassen wieder zu Reserven kommen. Mit einer Null- oder Negativverzinsung, die dem Ergebnis auf dem Kapitalmarkt entspricht, könnte der Rentenanspruch gesenkt werden.

Die gesetzlich vorgesehenen Zinsversprechen sind eine Minimalvorgabe, damit sich die Pensionskassenchefs anstrengen. Wenn solche Versprechen wegfallen, welchen Ansporn hätten Kassen noch, gut zu arbeiten?
Da steht die Frage der freien Pensionskassenwahl an. Sie wäre wichtig, vielleicht wichtiger als die der freien Krankenkassenwahl. Die freie Wahl in der beruflichen Vorsorge wäre ein Ansporn, eine Pensionskasse gut zu führen. Doch in der jetzigen Situation würde ein solcher Umbau viele Kassen destabilisieren. Es gäbe eine Flucht von serbelnden zu soliden Kassen.

Als Versicherter versteht man kaum, was im Innern einer Pensionskasse geschieht. Man weiss nicht, ob die Kasse sparsam und effizient ist. Bei einer Strassenumfrage würden 99 von 100 Leuten die Unterdeckung ihrer Kasse nicht nennen können. Stimmt die Kontrolle, wie sie ausgeübt wird?
Erstens, die Struktur ist sehr teuer . . .

. . . für Experten, Geschäftsführer, Verwalter, Berater, Broker, Vermögensverwalter, Controller und so weiter. Sie kosten geschätzt drei bis vier Milliarden Franken Durchführungskosten, zehnmal mehr als die AHV . . .
. . . und trotzdem. Um die Beratungs- und Analyseleistung kommt man nicht herum. Die Frage ist, ob diese Kosten in einem vernünftigen Verhältnis zu den verwalteten Vermögen stehen. Ich sage Nein. Bei 2600 Kassen ist diese Struktur viel zu gross. Es gibt auch nicht so viele Leute in diesem Land, die die zweite Säule wirklich verstehen. Die Transparenz ist heute besser als vor vier, fünf Jahren. Da sehe ich Fortschritte. So ist der Druck auf die Verantwortlichen gewachsen. Was fehlt, sind Vergleiche unter Kassen, die der Versicherte versteht. Etwa, dass ein Kosten- und Performancevergleich direkt auf dem Versichertenauszug publiziert wäre.

Dieser Text erschien im Fachheft Schweizer Pensions- und Investmentnachrichten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2009, 08:23 Uhr

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