Wirtschaft

«Es gibt immer Leute, die unbedingt auf die Reichstenliste wollen»

Interview: Olivia Kühni. Aktualisiert am 02.12.2011 6 Kommentare

Stefan Lüscher ist bei der «Bilanz» verantwortlich für die Liste der 300 Reichsten im Land. Er erzählt, wie er recherchiert, wovor sich Reiche fürchten und warum seine Arbeit dieses Jahr besonders harzig war.

1/6 Jedes Jahr präsentiert die «Bilanz» 300 Reichste der Schweiz. (Bild: Turf in St. Moritz)

   

«Da machen wir nicht mit»: «Bilanz»-Redakteur Stefan Lüscher.

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Herr Lüscher, Sie stellen für das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» die Liste mit den 300 Reichsten im Land zusammen. Wie schätzen Sie eigentlich die Vermögen?
Auf ganz unterschiedlichen Pfaden. Am einfachsten ist es, wenn jemand an einem börsenkotierten Unternehmen beteiligt ist. Dann ist der Wert bekannt. Familienunternehmen vergleichen wir mit ähnlich gelagerten kotierten Unternehmen. Bei Immobilien arbeiten wir oft mit Spezialisten zusammen, die für uns schätzen. Am schwierigsten ist es mit Kunst. Manchmal ist der Wert einer Sammlung im Kunstmarkt bekannt, oft müssen wir auch hier Spezialisten befragen. Da ist alles sehr viel Arbeit: 34 Journalisten arbeiten während zwei Monaten an der Liste, mit der Produktion fallen total rund eineinhalb Mannjahre an Arbeit an.

Reden Sie auch mit den Reichen selber?
Wir versuchen, mit allen zu reden. Wir legen ihnen die Schätzung und das Porträt vor. Wenn sie plausibel begründen können, dass der Wert falsch ist, ändern wir das. Dieses Jahr hatten wir mit über 200 Porträtierten direkt Kontakt. Das war früher ganz anders – da haben nahezu alle jeweils das Gespräch verweigert.

Sie stossen auf Widerstände?
Ja, früher noch mehr als heute. Als wir 1989 mit der Liste angefangen haben, sorgte das in der Schweiz für Aufruhr. Das kannte man nicht, über Geld redete man nicht. Wir haben auch heute noch jedes Jahr mehrere Klagedrohungen. Am schwierigsten ist es mit jenen, die wir neu auf die Liste nehmen.

Warum?
Viele von ihnen sind aus dem Ausland zugezogen. Sie wissen noch nicht, dass einem in der Schweiz nicht das Haus gestürmt wird, wenn man reich ist. Dass man nicht belästigt wird. Darum fürchten sie sich. Das war dieses Jahr übrigens noch schlimmer als sonst.

Wieso das?
Einige der Reichen haben mir gesagt, dass wir Verständnis haben müssten für ihre Unruhe. Man wisse nicht, was komme, ob Europa auseinanderfalle, ob die Wirtschaft zusammenbreche und der Neid grösser werde. Dann gibt es natürlich auch immer Leute, die haben Angst vor dem Steueramt. Ich kenne drei Fälle, bei denen direkt nach der Publikation der goldenen Ausgabe das Steueramt bei den Reichen an die Tür geklopft hat. Aber wir nehmen niemanden von der Liste, nur weil es ihm nicht passt.

Die Liste umfasst ja immer genau 300 Leute, auch wenn es mehr Reiche gibt. Sie treffen also eine Auswahl?
Ja. Wenn wir alle mit einem Vermögen von über 100 Millionen Franken aufnehmen würden, kämen wir auf weit mehr als 400 Personen. Wenn wir die Liste beschränken wollen, müssen zwangsweise immer ein paar rausfallen, wenn Neue dazukommen.

Wie entscheiden Sie, wen Sie streichen?
Manche versterben, andere verarmen oder ziehen aus der Schweiz weg. In Extremfällen haben wir auch schon auf die Namen von Familien verzichtet, deren Angst um die Kinder gross war. Einmal haben wir eine alte Dame aus der Liste gestrichen, deren langjährige Haushälterin offenbar kein Auge mehr zutat. Wozu wir aber nicht Hand bieten: Wenn Männer wegen einer anstehenden Scheidung aus der Liste wollen, um ihren Frauen eine kleinere Abfindung zahlen zu müssen. Das gab es in den letzten Jahren immer wieder. Da machen wir nicht mit.

Gibt es umgekehrt auch Reiche, die sich selber aufdrängen?
Es gibt immer Leute, die unbedingt auf die Liste wollen. Das sind vor allem solche, die in den letzten Jahren viel Geld gemacht haben und das zeigen wollen. Einer hat uns mal einen Steuerausweis geschickt, von dem ich bis heute nicht weiss, ob er echt war. Ein anderer lieferte die Bestätigung eines Controllers. Generell sind wir sehr vorsichtig, wenn sich jemand von sich aus meldet.

Sie sammeln alle ihre Informationen in einer Datenbank, die mittlerweile sehr gross ist. Verkaufen Sie diese Daten eigentlich?
Nein, auf keinen Fall. Obwohl wir immer wieder Interessenten haben. Vor allem Banken wären bereit, viel dafür zu bezahlen. Doch wir müssen ganz sorgfältig auf den Personenschutz achten. Wenn wir einmal Daten herausgeben, dann ist das Projekt tot. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2011, 15:52 Uhr

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6 Kommentare

Matthias Stemmler

02.12.2011, 17:54 Uhr
Melden 45 Empfehlung

Man könnte ja auch mal eine Liste der 300 Aermsten machen. Da hätte man bei der Zusammenstellung nicht soviel Arbeit. Antworten


Dan Horber

02.12.2011, 19:04 Uhr
Melden 25 Empfehlung

Also ich wäre auch gerne auf der Liste. Leider fehlen mir die Argumente bzw. Millionen...
Doch ich arbeite daran!
Antworten



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