Wirtschaft

Es riecht nach Geld und Mist

Von Erika Burri. Aktualisiert am 24.11.2010 23 Kommentare

Den Namen Pfäffikon kennen inzwischen auch schwerreiche Hedgefonds-Manager in London. Reportage aus dem Bauerndorf, das zum Nabel der Finanzwelt avancierte.

Finanzanlagen in Pfäffikon SZ: Den Anfang machte Man Investments.

Finanzanlagen in Pfäffikon SZ: Den Anfang machte Man Investments.
Bild: Nicola Pitaro

Das sind Hedgefonds

Hedgefonds sind alternative Geldanlagen. Alternativ nicht im Sinn von ökologisch. Hedgefonds machen sich alles zunutze, was Geld vermehrt. Im Gegensatz zu traditionellen Anlagefonds, die auf steigende Kurse und Wachstum setzen, spekulieren Hedgefonds auch darauf, dass Kurse sinken. Ein Dach-Hedgefonds wie Man Investments diversifiziert. Einerseits spürt ein Computer in London Trends auf, kauft und verkauft. Dahinter stecken viel Mathematik und «keine Emotionen», wie ein Sprecher sagt. Zudem investiert Man Milliarden in sogenannte Single-Manager, die sich auf Länder und Bereiche spezialisiert haben. Unter ihnen gibt es Stars, die Renditen bis zu 30 Prozent und manchmal noch viel mehr erwirtschaften.

20 Prozent ihres Gewinns streichen sie dann selber ein. Das ist in der Branche üblich.(ber)

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Zum Glück liegt das Dorf am Zürichsee. Denn ausser der Aussicht auf das klare Wasser und die Halbinsel Ufenau ist es hässlich, ein Strassendorf mit zersiedeltem Gesicht. Ortsmitte und Treffpunkt ist die Churerstrasse. Hier kreuzen 22 000 Fahrzeuge täglich, lassen mit 50 Stundenkilometern Gebäude mit Glasfassaden hinter sich. Vor ihnen stehen Tafeln, auf denen «Invest» zu lesen ist.

In Pfäffikon SZ, 7000 Einwohner, liest und hört man oft Englisch. Auch am Bahnhof, wo ein paar Männer in Anzügen und mit Rollkoffern die Nasen rümpfen. Es riecht nach Mist. Der war schon immer da, im ehemaligen Bauerndorf. Die Männer und Frauen in den Uniformen der Finanzindustrie hingegen sind relativ neu.

Glaubt man englischen Medien, kommen Hedgefonds-Manager zurzeit in Scharen von London nach Pfäffikon, um die Bonussteuer zu umgehen. Diese hatte die britische Regierung im letzten Dezember eingeführt. Sie wollte Geld zurück für die teure Rettung der Banken. Banker und Hedgefonds-Manager aber bezeichneten sie als Strafe und drohten, London den Rücken zu kehren und ins Steuerparadies auszuwandern. Etwa nach Pfäffikon, das zur Gemeinde Freienbach gehört.

Die Gemeinde wundert sich

Diese Drohung hörten auch die Wirtschaftsförderer aus dem Kanton Schwyz und zusammen mit Greater Zurich Area reisten sie im Februar nach London. Dort erklärten sie, wie ein Hedgefonds in der Schweiz strukturiert sein muss, damit der persönliche Gewinn am Ende maximal ist. Es tönt verlockend: Steuern für privaten Kapitalgewinn sind in der Schweiz fast null. In London müssten 20 Prozent des Gewinns dem Staat überwiesen werden.

Radio 4 der britischen BBC berichtete im Vorfeld über die Veranstaltung, andere Medien folgten. Inzwischen kennt man Pfäffikon in Londons Finanzindustrie. Britische Reporter waren vor Ort und beschrieben, wie eine Horde von Dienstleistern morgens um acht aus der S 2 steigt und am Abend Pfäffikon wieder mit der S-Bahn Richtung Zürich verlässt.

Steuerfuss gesenkt

Der Gemeindepräsident von Freienbach sagt, das sei ihm nicht unangenehm. Kurt Zurbuchen wundert sich dennoch, dass alle über Pfäffikon schreiben: «Die Gemeinde hat nichts dafür getan, dass die Hedgefonds nach Pfäffikon gekommen sind», sagt er. Klar, man habe die Steuern gesenkt. Anfang 2000 lag der Steuerfuss noch bei 45 Prozent absoluter Tiefstwert in der Schweiz. Dass die Hedgefonds nach Pfäffikon kamen, war Zufall – und ein Glücksfall für Freienbach. Die Autozulieferer, die hier verwurzelt waren, wanderten in den Osten Deutschlands ab. Dafür kam die Finanzindustrie.

Angefangen hatte alles 1990 mit dem Zuzug von Man Investments, dem weltweit grössten Hedgefonds. Er verwaltet rund 64 Milliarden Franken. Die britische Firma liess sich zuerst in Wollerau nieder. Hedgefonds waren etwas Neues und in der Schweiz erst seit kurzem zugelassen: Der Markt mit den vielen Privatbanken und den grossen Vermögen versprach Wachstum. Also schickte Man drei Männer an der Zürichsee. Aus drei wurden acht, dann zwölf. Bald reichte der Platz nicht mehr. 1995 zog die Schweizer Niederlassung in ein grösseres Büro. «Wir hatten damals noch gar keine so niedrigen Steuern», sagt der Gemeindepräsident. Sein Büro hat Zurbuchen in der Statthalterei des Klosters Einsiedeln, dem früheren Feriendomizil des Abts im Unterdorf. Im Turm nebenan lagerte das Kloster Getreide: den Zehnten der Bauern. 1995, als Man kam, betrug der Steuerfuss 155 Prozent, heute ist er weniger als halb so gross. Auch die Gewinnsteuern haben sich im Kanton Schwyz halbiert. Ab 2010 werden sie noch 2,25 Prozent betragen – ohne Progression.

«Alle profitieren davon»

Man Investment also wuchs. Heute arbeiten fast 500 Personen bei Man in Pfäffikon, rund 1000 sind es in Pfäffikons Finanzindustrie. Man war der erste, und es folgten andere Hedgefonds, auch solche, die sich Man einverleibte: 2002 jenen des in der Finanzbranche viel gelobten «Goldhändchens» Rainer-Marc Frey mit 150 Angestellten. 1,3 Milliarden bezahlte Man für RMF, wie Freys Fonds hiess. 400 Millionen gingen an Frey selber. Und ein Teil davon an die Gemeinde. Denn Frey wohnt in Freienbach. Auch Banken kamen. Der berühmteste war Martin Ebners BZ Bank. Sie hat ihren Sitz in Wilen, das wie Pfäffikon zur Gemeinde Freienbach gehört. Auch Ebner bezahlt privat in der Gemeinde Steuern.

So oft in Pfäffikon über Finanzanlagen gesprochen wird, so wenig wissen die Dorfbewohner davon. «Die Leute sind skeptisch», sagt Zurbuchen. Einige würden sich auch ärgern, dass die traditionelle Industrie wegzieht und die «Heuschrecken» sich im Dorf einnisten. Doch alle profitieren davon. Die Altersresidenz, in der die Finanzindustrie zu Mittag isst. Die Metzgerei, die Lunchs zum Mitnehmen anbietet, die Weinhandlung. Und auch die Gemeinde. Man soll zeitweise Steuern in zweistelliger Millionenhöhe bezahlt haben. Die Geschäfte liefen, die Gemeinde konnte immer weiter die Steuern senken. Und wurde somit noch attraktiver für Vermögens- und Einkommensmillionäre.

Von der Drohung britischer Manager, aus London wegzuziehen, sieht Kurt Zurbuchen aber noch nicht viel. Von 25 Neuzuzüger im Dienstleistungssektor dieses Jahr kann er nur von 3 sagen, dass es sich wahrscheinlich um Hedgefonds handelt. Wie viele Hedgefonds es am Zürichsee tatsächlich gibt, weiss niemand.

Gemeinde verlor 5 Millionen

Zurbuchen ist ein lockerer Typ. Fragt ihn jemand: «Erklären Sie mir doch, was ein Hedgefonds ist?», holt er tief Luft. Seine Definition will er aber nicht in der Zeitung lesen. Pfäffikon ist es recht, wenn noch ein paar Hedgefonds kommen. «Doch darf keine Abhängigkeit entstehen», warnt Zurbuchen. Wenn, wie im Krisenjahr 2008, wieder ein paar Hedgefonds eingehen, soll das die Gemeinde nicht allzu fest treffen. Man hat sich schon einmal die Finger verbrannt: Fünf Millionen Franken Eigenkapital hat die Gemeinde 2008 in eine alternative Anlage investiert. Die Gemeinderäte waren zuversichtlich. Bis die Krise im Herbst des gleichen Jahres auch 1,5 Millionen der Gemeinde Freienbach vernichtete. Die Einwohner verlangten den sofortigen Ausstieg. Noch einmal wird die Gemeinde dieses «lokaleGewerbe» nicht berücksichtigen, sagt Zurbuchen. Es reicht, dass die Hedgefonds einfach da sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2010, 22:18 Uhr

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23 Kommentare

Roland Strauss

24.11.2010, 10:28 Uhr
Melden

Das Ganze zeigt nur dass man Steuerschlupflöcher nicht nur schweizweit, sondern weltweit stopfen sollte, damit die 'Heuschrecken' ihre zweifelhaften Gewinne nicht so leicht ins Trockene kriegen. Antworten


Peter Herzog

25.11.2010, 08:08 Uhr
Melden

irene herzog vom "bürgerform freienbach" wäre auch eine interessante ansprechpartnerin gewesen in sachen pfäffikon/gemeinde freienbach...sie sieht das ganze mit den hedge fonds etwas kritischer als ihr gemeindepräsident. und nicht nur das. auch das die gemeinde an ihren bürgern (jenen, die sie noch hat) vorbeipolitisiert... Antworten



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