«Es wäre sinnvoll, nur noch 15 Stunden pro Woche zu arbeiten»

Der tschechische Bestsellerautor Tomáš Sedláček bewundert die Sparpolitik von Angela Merkel. Und er glaubt an den Nutzen von Kurzarbeit, um die Flaute in der Wirtschaft zu überwinden.

«Ohne Kunst wären wir hart arbeitende Fachidioten»: Tomáš Sedlá?ek.

«Ohne Kunst wären wir hart arbeitende Fachidioten»: Tomáš Sedlá?ek. Bild: PD

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Ihr Buch «Gut und Böse» ist ein internationaler Bestseller. Wie fühlt es sich an, plötzlich ein Starökonom zu sein?
Seltsam. Als ich «Gut und Böse» geschrieben habe, wusste ich noch nicht einmal, ob es je ein Buch werden würde, und wenn, dann hätte ich allenfalls damit gerechnet, dass sich ein paar tschechische Intellektuelle dafür interessieren würden.

Stimmt es, dass die Karls-Universität in Prag das Werk als Doktorarbeit abgelehnt hat?
Leider ja.

Haben die Universitätsleiter jetzt ein Einsehen gehabt?
Leider nein. Wir sind immer noch am Verhandeln. Das ist eigenartig, denn drei andere akademische Schriften von mir haben sehr viel Anerkennung erhalten. Ich weiss nicht, was mit «Gut und Böse» schiefgelaufen ist.

Haben Sie mit der Wiederentdeckung der Moral ganz einfach den Zeitgeist getroffen?
Sicher habe ich den perfekten Zeitpunkt getroffen, obwohl ich das niemals so geplant habe. Ich habe zwölf Jahre gebraucht, um das Buch zu schreiben.

Was fasziniert die Menschen an Ihrem Buch?
Ökonomie macht den Menschen Angst, aber fasziniert sie gleichzeitig. Zudem durchläuft die Ökonomie als Wissenschaft eine Phase, in der sie in einem gewissen Sinn um Verzeihung bittet: Wir haben etwas falsch gemacht, obwohl wir selbst nicht genau wissen, was.

Sie profitieren also davon, dass Sie kein klassischer Ökonom sind.
Ich wollte nicht ein typisches Ökonomiebuch schreiben. Davon gibt es mehr als genug. Ich wollte auch die Aspekte von anderen Wissenschaften mit einbeziehen, Soziologie, Geschichte, Philosophie, Ethik. Religionswissenschaft, etc.

Zyniker spotten: Tomáš Sedláček hat ein Wunder vollbracht. Er hat einen Ökonomie-Bestseller geschrieben – ohne ökonomischen Inhalt. Ärgert Sie das?
Man kann den blinden Flecken im Auge nur erkennen, wenn man den Blick darauf nicht fokussiert. Das gilt auch für die Wissenschaft: Wenn man sich nur auf seine Disziplin konzentriert, übersieht man das Wesentliche.

Die klassischen Ökonomen haben also den Überblick verloren, weil sie sich zu stark auf ihre mathematischen Modelle konzentrieren?
Ökonomen nehmen oft Dinge als gegeben an, die in anderen Wissenschaften höchst umstritten sind. Menschen haben nicht immer einen freien Willen. Sie handeln nicht immer rational, und sie sind nicht immer egoistisch. Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass die weichen Aspekte der Ökonomie fast wichtiger werden als die harten.

Sie kritisieren die Ökonomie als Ökonome. Sind Sie nicht Verräter der eigenen Zunft?
Wenn ein Doktor realisiert, dass eine Medizin bei einem Patienten nicht wirkt, dann versucht er es mit einer andern. Dasselbe mache ich auch. Die klassische Ökonomie hat mit ihrem Modellen teilweise versagt. Ich möchte etwas wiederentdecken, das die Ökonomie verloren hat. Dabei ist es wichtig, darauf zu hören, was andere Sozialwissenschaftler zu sagen haben, anstatt sich auf fruchtlose Grabenkämpfe mit ihnen einzulassen. Auch Künstler können uns weiterhelfen.

Künstler?
Wo wären wir heute ohne Kunst? Wir wären hart arbeitende Fachidioten. Nur dank der Kunst können wir Distanz gewinnen und uns von anderen unterscheiden.

Ökonomie ist eine harte Wissenschaft, Ökonomen betonen immer wieder, dass ihre Massnahmen oft Schmerzen bereiten.
Die ethischen Fragen dürfen nicht ausgeklammert werden. Adam Smith, der Begründer der modernen Ökonomie, war Moralphilosoph. Auch Thomas von Aquin beschäftigte sich mit Fragen wie: Kann ich zwei Hemden besitzen, wenn mein Bruder keines hat? Aus dieser simplen Frage heraus entwickelte er die Theorie der Eigentumsrechte. In der klassischen Ökonomie gab es anfänglich sehr wenig Modell und Mathematik, dafür umso mehr Ethik und Moral.

Sind Sie eine Art «Kuschel»- Ökonom?
Mein Gott, nein. Ich bin ein ausgesprochener Kritiker der These, dass man mit Wachstum und mehr Schulden alle wirtschaftpolitischen Dummheiten ausbügeln kann. Ich mag es auch nicht, wenn die Menschen mit kurzfristigen Konsumvergnügen ruhiggestellt werden. Ich bin kein Feind, sondern ein Freund einer sinnvollen Austeritätspolitik und unterstütze etwa die Massnahmen von Angela Merkel. Wir können nicht ewig mit immer noch mehr Schulden weiterleben.

Gleichzeitig befürworten Sie einen Schuldenerlass für Griechenland. Wie passt dies zusammen?
Hier sind wir bei einem grundsätzlichen Rätsel des Christentums angelangt: Was ist wichtiger, das Gesetz oder die Gnade? Auf das moderne Griechenland bezogen heisst dies: Sollen wir die Griechen bestrafen, wie das Gesetz es verlangt, oder sollen wir ihnen verzeihen, wie die Moral es gebietet? Und wenn: Wie oft sollen wir verzeihen?

Wie lautet Ihre Antwort?
Solange es eine sinnvolle Hoffnung gibt, dass Griechenland einen Staatsbankrott vermeiden kann, sollten wir helfen. Vergessen wir nicht: Die Länder wechseln sich in der Rolle des «kranken Mannes von Europa» ab. Deutschland war vor 10 Jahren an der Reihe, England vor 20. Auch uns Tschechen ging es nach Ende des Kalten Krieges zunächst sehr schlecht, ebenso Iren und Finnen. Wenn man jedes Mal hart bleibt, bleibt bald gar nichts mehr von Europa übrig.

Viele wollen, dass Europa wieder auseinanderfällt. Wie halten Sie es mit der Europafrage?
Wir durchlaufen derzeit mit der Eurokrise einen sehr harten und grausamen Test. Wenn wir das überleben, werden wir alles überleben.

Und wenn wir ihn nicht bestehen?
Wenn wir Europa auseinanderbrechen lassen, werden wir es nie mehr zusammenkriegen.

Es gibt Ökonomen, die das befürworten, weil sie Euroland für eine Fehlgeburt halten.
Es gibt auch Anthropologen, die den Ackerbau für den Beginn des Unglücks der Menschheit halten. Aber ernsthaft: Mit 27 Währungen wäre Europa global nicht mehr wettbewerbsfähig. Es würde ganz einfach nicht mehr funktionieren. Europa ist eine riesige Fabrik geworden und braucht deshalb ein gewisses Mass an Vereinheitlichung. Wir haben bereits eine monetäre Union. Was wir jetzt brauchen, ist mehr politische Einheit.

John Maynard Keynes hat einst Ökonomen mit Zahnärzten verglichen, oder mit Schlossern. Sie brauchen keine Moral oder Weltanschauung, sondern sollten wie Handwerker einfach das tun, was nötig ist. Stimmen Sie dem zu?
Keynes meinte damit Folgendes: Wenn wir eine Wohlfahrtsgesellschaft haben, dann brauchen wir die Ökonomie als Religion nicht mehr. Die Menschen müssen dann nicht mehr täglich um ihr Überleben kämpfen, sondern haben Zeit für andere Dinge, für Kunst und Musse. Er träumte von einer Welt, in der die Ökonomie uns an einen Punkt bringen wird, an dem sie sich selbst überflüssig macht. Anders ausgedrückt: Die Ökonomen sind die Architekten, aber wenn das Haus gebaut ist, dann brauchen wir sie nicht mehr. Aber wollen wir, dass die Ökonomen unsere globale Welt bauen? Wird das eine reizvolle Welt werden, in der wir leben wollen?

Keynes prophezeite bereits in den 1930er-Jahren, dass Menschen dank der wachsenden Produktivität der Wirtschaft bald nur noch höchsten 15 Stunden in der Woche arbeiten würden. Wäre das sinnvoll?
Wenn wir mit einem Einkommen zufrieden wären, das den 1990er-Jahren entspricht, dann könnten wir dies dank der technologischen Entwicklung auch tun. Es wäre sinnvoll, schliesslich lautet das wichtigste Versprechen der Technik an die Menschen: Dank mir habt ihr mehr Zeit. Heute kann ein Arbeitnehmer dank Computer, Internet und Smartphone die Arbeit, für die jemand in der Vor-Computer-Ära eine Woche brauchte, vielleicht in einem Tag erledigen.

Warum arbeiten wir aber immer noch eine Woche?
Weil wir uns nicht für die Musse, sondern für mehr Wohlstand entschieden haben.

Wie lange kann dies noch gut gehen? Es zeichnet sich bereits jetzt eine neue Massenarbeitslosigkeit ab.
Deshalb bin ich ein Fan der Kurzarbeit, wie Deutschland sie während der Krise eingeführt hat. Ich halte nichts davon, die Wirtschaft mit künstlich erzeugter Nachfrage am Laufen zu halten. Das führt wie Sucht in eine Abhängigkeit. Die Wirtschaft braucht immer und immer wieder einen Kick.

Mit anderen Worten: Wir müssen die Arbeit neu verteilen und weniger arbeiten.
Ja. Die Wirtschaft ist wie ein Segelschiff. Solange der Wind bläst, ist alles okay. Wir müssen aber dafür sorgen, dass das Schiff auch bei einer Flaute nicht absäuft. Das können wir nicht, indem wir den Wind künstlich erzeugen. Wir brauchen ein Modell, das uns auch in der Flaute über Wasser hält. Die Kurzarbeit ist ein solches Modell.

Ökonomen kennen aber nur Wachstum. Die Rolle des Ökonomen besteht nicht darin, das Bruttosozialprodukt zu erhöhen. Die Stabilität des Wirtschaftssystems sollte seine erste Priorität sein. Das haben wir vergessen.

Heisst das: Kapitalismus ist sehr gut, wenn es darum geht, Wohlstand zu kreieren, aber sehr schlecht, wenn es darum geht, ihn zu geniessen?
Kapitalismus macht alles sehr effizient. Es ist ein bisschen wie beim König Midas, der alles in Gold verwandelte, was er berührte. Nicht alles in unserer Gesellschaft soll jedoch effizient sein. Das wäre grauenhaft. Deshalb braucht es jemanden, der die Wirtschaft daran hindert, alles zu berühren. Es ist wie der Central Park in New York. Rundherum herrscht Effizienz, aber im Park ist sie verboten. Der Park gehört der Musse und den Eichhörnchen.

Sind wir als Gesellschaft bereits zu effizient geworden?
Der Kapitalismus hat einen Teil seines Versprechens eingelöst. In Europa verhungern die Menschen nicht mehr, und sie können in Würde alt werden. Aber es gibt auch so etwas wie eine Wohlstands-Glasdecke. Mehr als zwei Autos oder iPads kann man nicht sinnvollerweise brauchen. Wir stossen an diese Glasdecke, doch eigenartigerweise sind wir damit nicht zufrieden. Wir freuen uns nicht und sagen: Super, Problem gelöst. Stattdessen grämen wir uns und fragen: Wie können wir weiter und schneller wachsen? Wir haben deshalb keine Krise des Kapitalismus, sondern eine Krise des Wachstumskapitalismus. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.12.2012, 10:30 Uhr)

Zur Person

Der 35-Jährige Tomáš Sedláček lehrt an der Prager Karls-Universität, ist Chefökonom der grössten tschechischen Bank und Mitglied des nationalen Wirtschaftsrats in Prag. Wahrend der Amtszeit des tschechischen Präsidenten Václav Havel war er als dessen Berater tätig. Sein Buch «Die Ökonomie von Gut und Böse» wurde mehrfach ausgezeichnet. Tomáš Sedlácek tritt am 10. Januar im Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in Rüschlikon auf. (TA)

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