Wirtschaft

«Es wird mehr kommen müssen»

Interview: Olivia Kühni. Aktualisiert am 06.09.2011 82 Kommentare

Die Intervention der Nationalbank zeige, wie ernst die Lage sei, sagt der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Er zieht einen Vergleich mit 1978 und erwartet weitere Schritte.

Es braucht noch mehr Devisenkäufe: Euro und Schweizer Franken.

Es braucht noch mehr Devisenkäufe: Euro und Schweizer Franken.

Tobias Straumann (44) ist Wirtschaftshistoriker und Privatdozent an der Universität Zürich. Seit zehn Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Finanzkrisen und der Geschichte des Schweizer Finanzplatzes. Ausserdem schreibt er als Autor für den Wirtschaftsblog von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Was bedeutet es, dass die Nationalbank nun diesen Schritt gewagt hat?
Der Entscheid zeigt, wie ernst die Lage ist. Was die SNB heute getan hat, ist wirklich die letzte Massnahme, die eine Nationalbank ergreifen kann. Sie tut das nur, wenn alle anderen Massnahmen nicht ausreichen.

Ein historischer Entscheid, kommentieren Medien weltweit. Teilen Sie diese Ansicht?
Absolut. Die Nationalbank hat erst einmal eine Untergrenze für eine Währung festgesetzt, das war 1978 gegenüber der Deutschen Mark.

Ist die Situation heute vergleichbar mit jener 1978?
Meines Erachtens ist sie ähnlich, ja. Darum gab es auch verschiedene Stimmen, die gefordert haben, dass man erneut eine Untergrenze festsetzt. Damals war der Dollar seit längerer Zeit schwach, man wusste nicht, wie lange noch, und die wichtigste Währung aus Schweizer Sicht, die D-Mark, ist abgesackt. Die Situation war sehr schwierig. Sie war vielleicht noch schwieriger als heute, weil es eine völlig neue Erfahrung war, dass man gegen eine starke Währung ankämpfen muss. Man wusste nicht, ob der Schritt wirkt.

Und hat er gewirkt?
Der Effekt war gut. Der Franken hat sich zur Mark innerhalb von drei Wochen um 20 Prozent abgewertet.

Um den jetzt angekündigten Kurs zu stützen, muss die SNB Devisen kaufen und so Geld in den Markt pumpen. Das schürt Inflationsängste. Wie war das nach der Intervention 1978?
Tatsächlich kam es mit einer Verzögerung von drei Jahren zu einer Inflation. 1981 betrug sie 7,5 Prozent. Doch es gibt heute noch einen Streit darüber, ob sich das nicht hätte verhindern lassen, hätte man die Liquidität rechtzeitig aus dem Markt gezogen. Aber selbst wenn nicht, war der Preis nicht hoch: Nach einem Jahr sank die Inflation wieder auf moderate 1,5 Prozent.

Die Angst ist also unbegründet?
Es ist sicher unbegründet, wenn man glaubt, Inflation an sich bringe uns in Teufels Küche. Aber man muss sicher damit rechnen, dass die Preise vorübergehend steigen werden.

Reicht das Bekenntnis zu einem Eurokurs von 1.20 Franken?
Es wird mehr kommen müssen. Erstens kommt der grosse Test noch, die Eurozone wird noch unruhiger. Zweitens wird der Kurs langfristig auf über 1.30 steigen müssen. Ich halte es darum für wahrscheinlich – wenn dieser erste Schritt gut läuft – dass noch eine höhere Untergrenze kommuniziert wird.

Warum hat die SNB die Grenze nicht gleich bei 1.35 gesetzt?
Das wäre schlicht nicht zu stemmen gewesen. 1978 hat man die Massnahme in einem Schritt umsetzen können. Wenn man es jetzt in zwei Schritten tut, ist das etwas noch nie Dagewesenes. Ich vermute, dass es nötig sein wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.09.2011, 17:06 Uhr

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82 Kommentare

Daniel Riediker

06.09.2011, 17:07 Uhr
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Die sogenannten Experten werden alle flasch liegen. Die Devisenmärkte heute sind unter keinem Titel vergleichbar mit jenen von 1976. Bereits Ende September werden sich die SNB Devisenreserven zu einem Betrag aufgetürmt haben, den niemand mehr verantworten können wird. Bald wird man es einsehen und Verluste tragen müssen, die den Bau der NEAT um das x-fache übersteigen. Guet Nacht Schweiz! Antworten


Santiago Mestre

06.09.2011, 16:50 Uhr
Melden 47 Empfehlung

Hatte Europa auch solche Probleme 1978? Ich denke eher nicht. Naja wiederholen wir in diesem Fall den "Reinfall" mit Gold verkaufen. Weshalb sollen in der SNB intelligentere Leute sitzen als in den anderen Banken.
Machen wir uns auf einen heissen Herbst bereit. Wir sind jetzt voll integriert in der Abwärtsspirale der EU. Na dann los!!
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