Wirtschaft
Eurokurs von 50 Rappen? In der Schweiz steigt die Nervosität
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 20.12.2010 137 Kommentare
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Wie die Reaktionen der Märkte zeigen, ist auch der jüngste Gipfel der Staats- und Regierungschef damit gescheitert, die Krise um den Euro abzudämpfen. Gegenüber dem Schweizer Franken ist die Gemeinschaftswährung heute Morgen mit 1.2716 auf ein neues Allzeittief gefallen. Kein Wunder: Die Staatsoberhäupter haben letzte Woche in Brüssel nichts beschlossen, das nicht ohnehin schon bekannt war, da die Finanzminister die Pläne schon im Vorfeld verkündet hatten. Konkret wurde abgesegnet, dass im Jahr 2013 der aktuelle Rettungsfonds durch einen neuen abgelöst werden soll, wobei alle Details dazu fehlen oder vage bleiben. Echte Lösungsansätze, um den tieferen Ursachen der Krise zu begegnen, stehen selbst für die Zukunft aus.
Das sorgt zunehmend auch in der Schweiz für Nervosität. Beunruhigt nimmt man hierzulande zur Kenntnis, dass der Zerfall des Euro gegenüber dem Franken keine Grenzen mehr kennt. Die Angst wächst, dass das Schlimmste noch kommen könnte. Die «Weltwoche» berichtet, dass der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) Philipp Hildebrand in einer Sitzung mit dem Bundesrat selbst das Horrorszenario eines Eurokurses von 50 Rappen an die Wand gemalt haben soll. Hildebrand wollte den Bundesrat gemäss dem Bericht aufschrecken, damit er einen zusätzlichen Beitrag der Nationalbank an den Internationalen Währungsfonds (IWF) im Umfang von 16,5 Milliarden Dollar rasch durch das Parlament peitscht. Ein Teil des bereitstehenden Euro-Rettungsfonds besteht schon jetzt aus IWF-Geldern (250 von 750 Milliarden Euro). Laut der Zeitung «Sonntag» ist man bei der Nationalbank empört darüber, dass Aussagen von Hildebrand aus der Sitzung mit dem Bundesrat an die Öffentlichkeit geraten sind. Vertrauliche Gespräche wolle die Zentralbank aber nicht kommentieren.
Schlüsselrolle der Schweiz?
Hildebrand soll laut der «Weltwoche» sogar erklärt haben, der Ausgang der Krise hänge von der Schweizerischen Zahlung an den IWF ab. Diese Position wäre nicht zu rechtfertigen. Schon der bisherige Krisenverlauf zeigt, dass die bereitgestellten gigantischen Rettungspakete die Krise nicht aufzuhalten vermögen. Das ist auch wenig verwunderlich, da sie nicht auf vorübergehende Finanzierungsprobleme zurückgeht, sondern auf tiefer liegende strukturelle Probleme der Währungsunion. Der SNB-Präsident hat allerdings gute Gründe, die Politik mit möglichst dramatischen Szenarien aufzuschrecken. Allein, weil seine eigene Institution bei einer Eurokrise bald selbst politisch stark unter Druck geraten könnte. Ein weiterer Euro-Absturz könnte die 2,5 Milliarden schwere Gewinnausschüttung der SNB (SNBN 1089 2.06%) an Bund und Kantone gefährden. SNB-Vize-Thomas Jordan hat deshalb am letzten Donnerstag schon vorsorglich erklärt, dass diese «Ausschüttung langfristig nicht als gesichert zu betrachten ist».
Die Eurorisiken zeigen sich tatsächlich überdeutlich in der SNB-Bilanz: Seit 2007 hat sich diese auf 280 Milliarden Franken mehr als verdoppelt, mit mehr als 200 Milliarden machen die Devisenanlagen den Grossteil des Bestandes und der Zunahme aus: 2007 hatte die Zentralbank noch Devisenreserven von rund 50 Milliarden Franken. Besonders beunruhigend für den Fall eines weiteren Eurosturzes: Noch immer lauten 56 Prozent dieser Devisenanlagen auf die Gemeinschaftswährung, im zweiten Quartal 2010 waren es allerdings noch 70 Prozent. Schon für die ersten neun Monate des laufenden Jahres musste die SNB einen Verlust von 14,7 Milliarden Franken wegen Devisenverlusten vermelden, der – dank Gewinnen bei anderen Anlagen – zu einem Gesamtverlust von 8,5 Milliarden Franken geführt hat. Den grössten Anteil am schlechten Ergebnis hatte der Kursverlust auf dem Euro.
Hoffen auf politische Wunder
Die Eurokrise verunmöglicht der Nationalbank auch eine angemessene Geldpolitik. Zinserhöhungen, die sich etwa wegen der Lage auf den Immobilienmärkten oder einer steigenden Inflationsgefahr generell aufdrängen können, würden den Euro gegenüber dem Franken noch zusätzlich schwächen. Das grösste Risiko eines weiteren Eurozerfalls ist allerdings eine drastische Eintrübung der Schweizer Wirtschaftsaussichten. Das zeigt sich nicht nur in den entsprechenden Warnhinweisen bei der Prognose der SNB, sondern auch bei jener des Seco. Beide Institute rechnen ansonsten für die Schweizer Wirtschaft im Jahr 2011 – trotz einer leichten Abschwächung im Vergleich zu 2010 – noch mit einem Wachstum von 1,5 Prozent. Konkrete Szenarien für den Fall eines weiteren Eurozerfalls haben weder die SNB noch das Seco veröffentlicht. Doch im Text der Bundesökonomen ist die Sorge deutlich spürbar:
«Eine nachhaltige Entspannung der Krise ist nicht in Sicht», heisst es da. Etwas hilflos setzt man da verklausuliert auf politische Wunder. So schreiben die Bundesökonomen, die europäische Wirtschaftspolitik würde wohl «gegebenenfalls einer weiteren Ausbreitung der Krise durch starke Gegenmassnahmen begegnen, um den unkalkulierbaren Risiken einer weiteren Eskalation der Spannungen im Euroraum mit der Gefahr eines Revivals der Finanzkrise vorzubeugen». Kurz: Man rechnet mit dem Schlimmsten, setzt aber darauf, dass die Politiker mit Geldspritzen die Lage zumindest in nächster Zeit unter Kontrolle halten können. Eine nachhaltige Lösung für die Eurozone sieht man aber auch beim Seco nicht in Reichweite, wie deren Chefökonom Aymo Brunetti im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt hat (siehe Artikel zum Thema).
Bisher mit einem blauen Auge davongekommen
Die Schweizer Exporteure haben den Wertzuwachs des Frankens gegenüber dem Euro bisher überraschend gut verdaut. Das liegt auch daran, dass veränderte Währungsverhältnisse dank mittelfristigen Verträgen sich erst mit Verzögerung auf die Umsätze auswirken. Ausserdem lief der Konjunkturmotor Europas vor allem Dank der Lokomotive Deutschland insgesamt wider Erwarten prächtig. Doch hier zeigen die Indikatoren für das nächste Jahr eine Abschwächung an. Eine weitere deutliche Aufwertung des Frankens würde daher dem Schweizer Wirtschaftsmotor arg zusetzen. Kein Wunder bringt die Eurokrise auch die Politiker hierzulande zunehmend ins Schwitzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.12.2010, 14:19 Uhr
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137 Kommentare
Kann mir mal jemand, der was vom Globalen-Finanzsystem versteht, erklären, warum dieses Finanzsystem auf Dauer funktionieren soll, das NUR auf Schulden aufgebaut ist? Die die sich täglich mit dem Zeug auseinandersetzten… wissen die Überhaupt was sie tun? Oder sind die nur dort aktiv weil es Boni gibt? Bitte um plausible ERklärung .Schön Feiertag. Antworten
Wenn der Tages Anzeiger sowas abdruckt ist das für mich ein Kontraindikator. Wenn das der SNB-Präsident tatsächlich gesagt hat, dann soll er nach Brüssel zu den anderen 9MalKlugen. Ich beginne jetzt den CHF gegenüber dem EUR zu shorten und alles was ich noch an CHF oder €uro liegen habe in Silber umzuschichten !!! Das sollte die SNB auch machen und abwarten bis der €uro sich selbst zerstört hat. Antworten
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