Wirtschaft
Europa kann Griechenland jetzt nicht hängen lassen
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 11.02.2010 2 Kommentare
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Griechenlands Schuldenkrise hat an den internationalen Finanzmärkten eine derartige Eigendynamik entwickelt, dass alle Debatten, ob dem schwächsten Euro-Mitgliedsland Hilfe von aussen gewährt werden soll, bereits überholt sind. Die Frage kann nur mehr lauten: Was muss die Eurozone, was müssen deren Kernländer Deutschland und Frankreich unternehmen, um einen griechischen Staatsbankrott abzuwenden?
Natürlich wird dann ganz Europa Zeter und Mordio schreien: Die Griechen haben doch den ganzen Schlamassel angerichtet, sollen sie ihr Haus selber in Ordnung bringen. So berechtigt die Vorwürfe sein mögen, letztlich fallen sie auf ihre Absender zurück. Dass in Griechenland – trotz jahrelanger milliardenschwerer Subventionen aus Brüssel – der Staatssektor die einzige «Wachstumsbranche» ist, die Sozialversicherungen durch und durch marode und Korruption, Vetternwirtschaft, Steuerflucht allgegenwärtig sind, wissen die Eurokraten und Politiker ja nicht erst seit gestern.
Warum aber sind sie nicht längst gegen diese Misswirtschaft eingeschritten? Weshalb haben sie die griechischen Extratouren in der Europäischen Währungsunion – jenseits aller Vertragsbestimmungen und einschliesslich gefälschter Wirtschaftsstatistiken – so lange geschluckt? Weil ihnen das Wegschauen dort ermöglicht hat, es mit den unbequemen Euro-Stabilitätserfordernissen zu Hause auch nicht besonders genau zu nehmen.
Nur noch eine Option
Jetzt ist es zu spät für Interventionen und Korrekturen. Der in der Eurozone vereinten Schicksalsgemeinschaft von 16 Staaten verbleibt nur noch eine Option: Griechenland vor dem finanziellen Untergang zu bewahren. Denn andernfalls werden die spekulativ orientierten Grossinvestoren, die auf den Kapitalmärkten (erfolgreich) gegen den griechischen Staat gewettet haben, umgehend andere Wackelkandidaten im Euroraum mit ähnlich zerrütteten Staatsfinanzen ins Visier nehmen. Und davon gibt es eine ganze Reihe: In erster Linie Portugal und Spanien, aber auch Irland, Italien, Österreich oder Belgien weisen eine beängstigende öffentliche Verschuldung auf. Es braucht mithin keine prophetischen Gaben, um abzuschätzen, dass von der Rettung Griechenlands das Fortbestehen der Währungsunion abhängen wird.
Als ob dies nicht schon schwerwiegend genug wäre, entscheidet sich am Schicksal Griechenlands auch Sein oder Nichtsein etlicher Bankhäuser in Europa. Nach Berechnungen der deutschen Commerzbank hat der griechische Staat Wertpapiere über 290 Milliarden Euro auf den Kapitalmärkten platziert – und damit ziemlich genau den doppelten Betrag der US-Bank Lehman Brothers, die im Herbst 2008 zusammengebrochen ist. Auf diesen Anlagen sitzen Geldhäuser aus der Eurozone ebenso wie Schweizer Kreditinstitute.
Dabei bereiten die griechischen Staatsanleihen den Banken und anderen institutionellen Investoren wie Versicherungen, Pensionskassen und Investmentfonds noch nicht mal das grösste Kopfzerbrechen. In deren Anlagebeständen tickt eine Bombe von weitaus grösserer Sprengkraft. Ein Staatsbankrott Griechenlands hätte zur Folge, dass auch die Schulden von weitaus potenteren und solideren westlichen Industriestaaten bis hin zu Deutschland und den USA einer Neubewertung unterzogen würden. Will heissen: Die Anleger werden für den Kauf von neuen Staatsanleihen, die plötzlich nicht mehr als mündelsicher gelten, eine höhere Risikoprämie respektive Verzinsung verlangen. Dadurch aber sinkt der Preis der bestehenden Staatsanleihen. Welch riesige Abschreibungen all die Besitzer dieser Papiere in der Folge zu verkraften haben werden, mag man sich gar nicht mehr vorstellen.
Wie weiter mit dem «Club Med»?
Diese Schadendimensionen vor Augen – die den Lehman-Fall um ein Vielfaches übertreffen würden –, müssen die Euro-Politiker ein Rettungskonzept für Griechenland entwickeln, von dem ein klares Vertrauenssignal an die Finanzmärkte ausgeht. Damit wäre fürs Erste schon viel gewonnen – die Arbeit ist aber noch längst nicht getan. Denn die Märkte machen ihren Argwohn eben keineswegs allein am griechischen oder südeuropäischen Malaise fest.
Vielmehr treibt sie die Frage um, ob der «Club Med» überhaupt eine gedeihliche Zukunft hat in einer Währungsunion, in der die gemeinsame Geldpolitik gänzlich an den Bedürfnissen der wirtschaftlichen Schwergewichte, insbesondere Deutschlands, ausgerichtet ist. Das Thema wird an Aktualität gewinnen, wenn die Europäische Zentralbank voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte über Zinserhöhungen nachzudenken beginnt. Aus Sicht des «Nordens», der allmählich zum Wachstum zurückfindet, mag das angezeigt sein. Die Nöte des «Südens» würden damit aber bestimmt nicht geringer. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2010, 07:02 Uhr
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2 Kommentare
In der Europa wachsen die Zweifel am Euromonster. Hier zeigt sich wieder, konkret, wie wenig flexibel Europa Langfristig eigentlich ist! Seit der Osterweiterung sollte jedem Schweizer-Bürger klar sein das ein NEIN zu Europa nicht nur ein Tagesthema ist! Einwanderungswellen und Familiennachzug wird die Schweiz nicht "Stärken". Europa macht Sorgen! Inklusiv Deutschland! Antworten
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