Europa warf Griechenland schon mal raus

Die Geschichte wiederholt sich: Schon von 1865 bis 1926 gab es eine Währungsunion. Schon damals warnten Kritiker vor dem Beitritt Griechenlands. Und schon damals hielt sich das Land nicht an die Regeln.

«In einem gewissen Sinn war die Schweiz für die Lateinische Münzunion verantwortlich»: Ein griechischer Euro.

«In einem gewissen Sinn war die Schweiz für die Lateinische Münzunion verantwortlich»: Ein griechischer Euro. Bild: Keystone

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Die Feststellung hat es in sich: «Es ist schwierig, zu verstehen, warum der Beitritt Griechenlands zur Lateinischen Münzunion von diesem Körper gewünscht oder erlaubt wurde (…) Vor einem Schuldenberg stehend, kämpfte Griechenland auch dafür, den Fluss von umwandelbaren Papieren aufrechtzuerhalten. Territorial war es nicht ein gewünschter Nachbar zur Union, und seine kommerzielle wie finanzielle Bedeutung war klein.»

Münzunion endet 1926

Diese Zeilen stammen vom US-Ökonomen Henry Parker Willis. Sie sind in seiner 1901 veröffentlichten Studie «Die Geschichte der Lateinischen Münzunion» zu finden. Zu diesem Zeitpunkt war Griechenland bereits 34 Jahre lang im Währungsverbund. Die Griechen waren aufgenommen worden, weil die Lateinische Münzunion (LMU) ihren Einflussbereich möglichst gross halten wollte.

Allerdings warf die LMU 1908 die Griechen aus der Union hinaus. Der Grund: Griechenland hatte den Goldgehalt in seinen Münzen verringert. 1910 kehrte Griechenland aber wieder zurück. Die LMU bestand bis 1927. Als letztes Land setzte am 1. Januar 1927 ausgerechnet die Schweiz, ein Gründungsmitglied, die Münzen der anderen Nationen ausser Kraft. Mit Blick auf die aktuelle Krise in der Europäischen Währungsunion (EWU) mit der gemeinsamen Währung Euro tönen die Worte von Henry Parker Willis wie eine Warnung der Geschichte. Griechenland riss bereits die LMU in den Abgrund. Bringt es jetzt die EWU ins Wanken? Ernst Baltensperger, der als einer der führenden Spezialisten für Geldpolitik in der Schweiz gilt, winkt ab: «Griechenland war für die LMU zwar von Anfang an ein Problemfall, aber völlig nebensächlich», sagt der ehemalige Berater der Schweizerischen Nationalbank und emeritierte Berner Wirtschaftsprofessor.

Die Unterschiede

Entscheidend für den Niedergang seien vielmehr der Erste Weltkrieg und der überall zunehmende Wunsch nach einer eigenen, auf nationale Bedürfnisse ausgerichteten Geldpolitik gewesen. Baltensperger: «Daran zerbrachen nicht nur die LMU, sondern – viel wichtiger – auch der internationale Goldstandard, der die Jahrzehnte davor geprägt hatte.» Gewisse Gemeinsamkeiten zwischen der Lage der Münzunion und der Währungsunion kennt der Experte indes an. Man dürfe diese aber nicht überschätzen: «Viel wichtiger sind die Unterschiede», sagt Baltensperger.

So stellte die LMU eine viel weniger weit gehende Integration der Geld- und Währungspolitik dar. Die Währungen der Mitgliedsländer blieben in ihrer Definition und gesetzlichen Grundlage national verankert. Eine Abgabe monetärer Souveränität an die Gemeinschaftsebene fand nicht statt, und es gab keine gemeinsame Entscheidungsbehörde wie die Europäische Zentralbank heute. Es handelte sich lediglich um eine internationale Vereinbarung zur gemeinsamen Verwendung eines bestimmten Metallwährungsstandards. Ausstieg und Rückkehr zu einem eigenständigen geldpolitischen Kurs waren deshalb viel leichter möglich als in der heutigen EWU. «In der LMU wäre zudem niemand auf die Idee gekommen, dass die Münzunion eine gemeinsame Verantwortung für nationale Schulden und Verpflichtungen bedeutet», sagt Baltensperger. Steuer- und Verschuldungspolitik blieben ganz klar in der nationalen Verantwortung der Mitgliedsländer.

Die Lateinische Münzunion ging aus einer Währungskonferenz zwischen Frankreich, Belgien, Italien und der Schweiz hervor, die Frankreich im Jahr 1865 einberufen hatte. «In einem gewissen Sinn war die Schweiz dafür verantwortlich», sagt Baltensperger. Weil die Schweiz 1860 den Silbergehalt ihrer Zwei-, Ein- und Halbfrankenstücke verringerte, kam es zu Problemen in den Nachbarländern: Die Schweizer Münzen flossen in die angrenzenden Länder und wurden dort gegen die höherwertigen Münzen dieser Länder umgetauscht.

Die Nachbarländer der Schweiz führten daraufhin Annahmebeschränkungen ein und begannen ihrerseits mit der Prägung «unterwertiger» Münzen. «Mit der Währungskonferenz wollte man wieder eine gewisse Stabilität bei den Währungen der Teilnehmerländer herbeiführen, indem man sich auf einen gemeinsamen Währungsstandard und gemeinsame Normen einigte», sagt Geldpolitikspezialist Baltensperger.

Weitere Länder übernahmen bis zum Ende der Münzunion deren Standards, traten aber dem Verbund nicht offiziell bei. Dazu gehörten etwa Spanien, Finnland, Albanien, Spanien und Venezuela. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.08.2012, 11:02 Uhr

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