Wirtschaft

Finanzmärkte: Afrika ist, wo Asien vor 20 Jahren war

Von Erich Solenthaler. Aktualisiert am 08.02.2010 3 Kommentare

Die Wirtschaft des vergessenen Kontinents entwickelt sich seit 10 Jahren erfreulich und kam glimpflich durch die Rezession. Nun werden seine Finanzmärkte für ausländische Anleger zugänglich.

Nairobi Stock Exchange: Rote Jacken, Kommissionen von 1,8 Prozent und Telefonhandel.

Nairobi Stock Exchange: Rote Jacken, Kommissionen von 1,8 Prozent und Telefonhandel.
Bild: Reuters

Afrikas Wirtschaft wuchs von 2000 bis 2008 um jährlich 5,8 Prozent. Die über 50 afrikanischen Länder vermochten das Bruttoinlandprodukt (BIP) in dieser Periode zu verdoppeln oder sogar mehr zuzulegen. Begleitet war diese Entwicklung von einer Entschuldung der Regierungen, deren Auslandskredite von 37 Prozent des BIP auf 12 Prozent fielen und kein grosses Problem mehr darstellt. Umgekehrt öffneten sich die Länder für private Investitionen, die in der Sub-Sahara-Zone kräftig zulegten.

Die Finanzkrise traf Afrika weniger als die anschliessende Rezession in den Industrienationen, sodass sich 2009 das Wirtschaftswachstum Afrikas auf 2 bis 3 Prozent halbiert haben dürfte. Immerhin konnte eine Krise vermieden werden. Auch erwies sich der Kontinent im Vergleich zu früheren Wirtschaftskrisen als resistenter. Mehrere Länder hatten sogar etwas Reserven aufgebaut und ergriffen antizyklische Massnahmen. Der fiskalpolitische Spielraum reichte für umfangreiche Massnahmen aber nicht aus, hält die Afrikanische Entwicklungsbank fest.

Der Aufschwung Asiens kommt Südafrika zugute

Heftig getroffen wurde das gut in die Weltwirtschaft integrierte Kenya, dessen Blumen- und Gemüseexporte sowie der Tourismus 2009 einen Einbruch erlebten. Exponiert war auch das rohstofflastige Südafrika, das mit einem umfangreichen, auf die Fussballweltmeisterschaft 2010 ausgerichteten Ankurbelungsprogramm reagierte, aber einen Anstieg der chronisch hohen Arbeitslosigkeit nicht verhindern konnte. Andererseits dürfte Südafrika nun aber der Aufschwung Asiens zugute kommen, da ein Drittel der Exporte in den Fernen Osten gehen.

In Nigeria, dem mit 140 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land, glichen im vergangenen Jahr gute Ernten den Einbruch der Erdöleinnahmen aus. Zudem ermöglichte der Waffenstillstand mit den Rebellen im Nigerdelta einen bemerkenswerten Aufschwung. Die neu entbrannten Auseinandersetzungen kommentierte Finanzanalyst Kato Mukuru kürzlich an einem von Bellevue Asset Management organisierten Afrika-Seminar: «Die Fortschritte in Nigeria sind so offensichtlich, dass sie kein Politiker aufs Spiel setzen will.»

Eine neue Generation am Ruder

Mukuru stellt unter den im Ausland lebenden, gebildeten Afrikanern einen Stimmungswechsel fest. «Die Auswanderung qualifizierter Arbeitnehmer ist gestoppt. Die Leute kehren zurück. Ich persönlich habe Grundeigentum in Uganda erworben.» Larry Bailey von der Hilfsorganisation Africare in Washington bestätigt: «Es gibt eine ganze Generation jüngerer, gebildeter Afrikaner, die nach Hause heimkehren und auf die Regierungen Druck ausüben, damit sie effizienter wirtschaften.»

Eine grosse Zukunft könnte zum Beispiel die Landwirtschaft haben. Seit Weizen und Mais als Biotreibstoffe dienen, haben Investoren über 4 Millionen Hektaren Land in Afrika gepachtet, und noch mehr Private-Equity-Kapital könnte für solche Zwecke nach Afrika fliessen.

Mangelhafte Infrastruktur

2 Prozent Wirtschaftswachstum verpasst Afrika pro Jahr, weil seine Infrastruktur mangelhaft ist. 93 Milliarden Dollar pro Jahr müssten in ihren Ausbau investiert werden, wie eine gemeinsame Studie mehrerer Entwicklungsbanken ergab. Überraschend aber ist, dass die Länder bereits 45 Milliarden Dollar jährlich aufwenden – vielmehr als bisher geschätzt wurde – und dass das Kapital mehrheitlich aus den nationalen Steueraufkommen geschöpft wird und nicht mehr wie früher aus ausländischen Quellen stammt.

Afrika stellt 15 Prozent der Weltbevölkerung, seine wirtschaftliche Leistung macht 3 Prozent der globalen Wertschöpfung aus. Aber seine kotierten Unternehmen kommen mit 4,5 Milliarden Dollar auf nur 1 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung.

Schon viele Aktienmärkte

Die 1929 in Casablanca gegründete Börse ist die traditionsreichste, jene von Südafrika die grösste. Hier konnte sich auch ein funktionierender Derivate-Markt etablieren. Südafrikas Unternehmen repräsentieren wertmässig die Hälfte aller auf dem Kontinent kotierten Gesellschaften. Weitere Börsenplätze befinden sich in Nigeria und Ägypten, aber fast jedes Land verfügt inzwischen über einen Handelsplatz für Aktien. «Aber macht euch keine falschen Vorstellungen», warnte Finanzanalyst Mukuru am Afrika-Tag. «Da wird während einer Woche im ganzen Markt weniger gehandelt als bei euch an einem einzigen Tag mit einem Nebenwert.»

Ansatzweise entstehen Märkte für Festverzinsliche, an denen Emittenten in einheimischer Währungen Kapital aufnehmen können. In Sambia und neuerdings auch in Eritrea kam es zur Gründung von Börsen für landwirtschaftliche Güter. Sie sollen mehr Transparenz in Angebot und Nachfrage sowie in die Preisbildung bringen.

Erste Afrika-Fonds

In der Schweiz und in Deutschland werden mehrere Anlagefonds für afrikanische Aktien angeboten. Viele konzentrieren sich auf südafrikanische Titel oder sind stark im Rohstoffsektor investiert, «. . . gerade Letzterer ist schon etwas teuer», findet Malek Bou-Diab von Bellevue Asset Management. Der Fondsmanager sieht die Wachstumschancen über den ganzen Kontinent gestreut und favorisiert Anlageopportunitäten in anderen Sektoren. Sein BB-African-Opportunities-Fonds verteilt die 60 Valoren derzeit auf 8 Länder und über mehrere Sektoren, wobei Finanzwerte wie Banken, Versicherungen und Leasingfirmen einen Schwerpunkt bilden. «Afrikanische Banken verhalten sich äusserst konservativ», so Malek Bou-Diab. Sie sind hauptsächlich in der Kreditvergabe an grössere Unternehmen tätig und erst dabei, sich die Risikosysteme für neue Kreditarten aufzubauen. Mit Telecoms partizipiert BB-African- Opportunities-Fonds am rasanten Aufschwung der Mobiltelefonie. Untervertreten sind Unternehmen aus der Konsumindustrie, von denen es erst ganz wenige gibt. Die Kaufkraft afrikanischer Konsumenten werde unterschätzt, glaubt Malek Bou-Diab.

Der BB-African-Opportunities-Fonds geht vorsichtig vor. Dass sich lokale Investoren und Analysten in einem Unternehmen engagieren und dass solide Finanzinformationen vorliegen, gehört zu den Voraussetzungen für ein Engagement. Die für den Fonds üblichen Bewertungen liegen bei Kursgewinn-Verhältnissen von unter 10, womit sie den erhöhten Risiken von Investitionen Rechnung tragen. Trotzdem würden Investitionen in Afrika einen längeren Anlagehorizont und Risikobereitschaft voraussetzen, so Malek Bou-Diab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2010, 14:04 Uhr

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3 Kommentare

Heinz Stierli

08.02.2010, 14:50 Uhr
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Wie sie richtig feststellen, gibt es einig Boomländer. Dies betrifft hauptsächlich SA, aber mit Einschränkungen auch andere Staaten. Leider muss man feststellen, dass der grosse Teil der afrikanischen Länder immer noch an grundlegenden Problemen des Zusammenlebens kranken. Wären nicht die von China begehrten billigen Rohstoffe, der Kontinent wäre im Zuge der Wirtschaftskrise gebeutelt worden. Antworten


Roman Meier

08.02.2010, 18:24 Uhr
Melden

>>Seit Weizen und Mais als Biotreibstoffe dienen,....<< Perverser geht's nimmer, angesichts des Nahrungsmangels in vielen afrikanischen Ländern. Antworten



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