Wirtschaft
Finma: Katastrophenszenarien für Grossbanken durchgespielt
Von . Aktualisiert am 04.04.2009 9 Kommentare
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Der Finma-Chef
Patrick Raaflaub leitet seit Anfang Jahr die neue Schweizerische Finanzmarktaufsicht (Finma), die aus der Fusion der Banken- und Versicherungsaufsicht hervorging. Der 43-Jährige wuchs in Riehen auf und hat eine längere Karriere bei der Swiss Re hinter sich. Als Versicherungsspezialist war er der Bank an der Finma-Spitze zunächst nicht ganz geheuer. Doch der Widerstand hat sich gelegt: Inzwischen ist klar, dass die Glaubwürdigkeit der Finma besser ist, wenn sie neben dem Präsidenten (und ehemaligen UBS-Manager) Eugen Haltiner nicht noch einen zweiten Ex-Grossbanker an der Spitze hat. Raaflaub ist Vater zweier Söhne und liebt alle Formen des Wassersports. dz
Herr Raaflaub, wie werten Sie die G-20-Beschlüsse aus aufsichtsrechtlicher Sicht?
Die politische Stossrichtung zur Erneuerung der Aufsichtsarchitektur ist grundsätzlich positiv. Einige Forderungen sind in der Schweiz bereits umgesetzt oder in einem fortgeschrittenen Stadium der Umsetzung. Wir begrüssen es, dass international mehr koordiniert und Standards abgestimmt werden. Das ist die Voraussetzung für fairen Wettbewerb.
Warum sind Sie nur «grundsätzlich» zufrieden? Stört Sie die graue Liste?
Für uns steht im Vordergrund, wie die politischen Beschlüsse technisch umgesetzt werden. Dass die Schweiz auf der grauen Liste figuriert, widerspiegelt die momentane Drohkulisse, die gegen unser Land und andere Finanzplätze aufgefahren wird.
Die US-Steuerbehörde versucht die UBS in einem zivilgerichtlichen Verfahren zur Herausgabe der Kontoinformationen von 52'000 Kunden zu zwingen. Wie beurteilen Sie das Risiko für die Bank?
Die im Februar getroffene Vergleichslösung zwischen dem amerikanischen Justizdepartement und der UBS sieht vor, dass die Bank im Zivilverfahren mit den Steuerbehörden alle Rechtsmittel ausschöpfen darf. Die UBS kann sich also wehren. Sollte sie aber gegen die Vereinbarung mit den US-Behörden verstossen, so könnte erneut eine ernste Situation entstehen.
Bei wem liegt nun der Ball?
Im Moment liegt der Ball bei der UBS. Sie führt das Verfahren. Gleichzeitig hat man aber auch Zeit gewonnen, um eine politische Lösung zu suchen. Zum Beispiel im Rahmen der anstehenden Verhandlungen über ein neues Doppelbesteuerungsabkommen mit Amerika. Auf diesen Ebenen muss nach Lösungen gesucht werden.
Überall rüsten die Aufsichtsbehörden auf und die Vorschriften für die Banken nehmen massiv zu. Was bedeutet das für die Banken und ihre Kunden?
Für die Kunden heisst es hoffentlich, dass die Sicherheit ihrer Bankeinlagen steigt. Für die Banken bedeuten die Auflagen, dass das Geldverdienen schwieriger wird. Das ist der Preis, den wir für eine höhere Sicherheit im Bankensystem zahlen müssen.
Muss man erwarten, dass die Banken ihre Probleme bald wieder über Kartellabsprachen zu lindern versuchen?
Das Risiko von Kartellabsprachen ist ziemlich klein. Die Branche leidet ja an Überkapazitäten. In einem solchen Umfeld müsste es immer einen Anbieter geben, der für sich selber einen Vorteil sieht, eine Preisabsprache nicht einzuhalten.
Warum will die Finma keine Obergrenze für Bonuszahlungen festlegen? Genau das bemängelt doch die Anlagestiftung Ethos am UBS-Bonussystem.
Ethos kann die Forderung nach einer Obergrenze aufstellen, denn sie ist UBS-Aktionärin. Wir als Aufsichtsbehörde sind dafür nicht die richtige Instanz. Der einzige Grund, weshalb wir uns überhaupt zur Entlöhnungspolitik äussern ist der, dass falsche Lohnanreize in der Vergangenheit zu unverantwortbaren Risiken in den Unternehmen geführt haben.
Die Banken haben immer Wege gefunden, Risiken an den Aufsichtsbehörden vorbeizuschummeln. Ist das nun vorbei?
Kaum. Sie werden es wohl wieder versuchen. Darum sollten wir das Bankgeschäft mehr nach Prinzipien als nach detaillierten Vorschriften regulieren. Je detaillierter eine Vorschrift ist, desto mehr Möglichkeiten gibt es, sie völlig legal zu umgehen.
Die Finanzbranche hat das Risikomanagement in den letzten Jahren stark ausgebaut. Warum hat das nichts gebracht?
Ich würde eher fragen, warum das alles nicht ausgereicht hat. Ich glaube die Antwort liegt in der Unternehmenskultur. Betriebsintern hatten und haben die Risikomanager zum Teil immer noch eine allzu schwache Stellung. Man sieht sie oft als Verhinderer. Für uns gilt es genau hier den Hebel anzusetzen.
Hätte die Finma den Schweizer Banken die neue maximale Verschuldungsquote aufzwingen können, wenn im September Lehman Brothers nicht kollabiert wäre?
Diese Frage wird man nie abschliessend beantworten können. Der Widerstand gegen die Verschuldungsquote war aber enorm und fiel erst nach dem Lehman-Konkurs zusammen.
Ihr Präsident Eugen Haltiner sagte kürzlich, selbst wenn die Finma die Finanzkrise vorausgesehen hätte, sei nicht sicher, dass sie die Fehlentwicklungen rechtzeitig hätte korrigieren können. Was meint er damit?
Er sprach unter anderem von der politischen Unterstützung, die unsere Behörde braucht. Ohne politische Unterstützung werden wir unsere Ziele nicht erreichen können. Wir müssen die Unterstützung aber einfordern. Das gilt vor allem dann, wenn hoffentlich wieder einmal eine Boomzeit anbricht und die guten Vorsätze in Vergessenheit geraten.
Muss man befürchten, dass die Aufsichtsbehörden auch in Zukunft den aktuellen Ereignissen hinterherlaufen?
Krisen können wir nicht verhindern. Wir können auch nicht garantieren, dass Banken oder Versicherungen in der nächsten Krise keine existenzbedrohenden Verluste mehr machen. Trotzdem dürfen wir nicht einfach hinnehmen, dass einzelne Institute so hohe Risiken eingehen, sodass sie in jeder Krise Gefahr laufen, eine Rettung mit Staatsgeldern in Anspruch nehmen zu müssen.
Hat die Finma eigentlich jemals ernsthaft das Szenario einer Grossbankenpleite durchgerechnet?
Ja, mehrmals. Auch jüngst wieder.
Darf man annehmen, dass die Berechnungen falsch waren, oder dass die falschen Schlüsse gezogen wurden?
Nein, die Berechnungen waren nicht falsch. Aber es wurden zu wenig aggressive Schlüsse gezogen. Vor allem in der Zeit vor 2008. Für den Moment liegen wir richtig und die verschärften Auflagen für die Grossbanken stehen im richtigen Verhältnis zum Risiko. Aber die Schlussfolgerung, dass die Schweiz keine Grossbanken mehr haben darf, ginge zu weit. Die Grossbanken bringen der Volkswirtschaft ja auch sehr viel.
Müssen UBS und Credit Suisse volkswirtschaftlich gesehen konkursfähig gemacht werden?
Ja, unbedingt. Denn ein Institut, das faktisch nicht in Konkurs gehen kann, schafft einseitige Anreize. Die Frage ist nur, wie löst man dieses extrem schwierige Problem.
Was halten Sie von der politisch schon mehrfach geforderten Aufsplittung der Grossbanken in juristisch selbstständige In- und Auslandeinheiten?
Das ist keine praktikable Lösung, weil es immer eine Konzernhaftung gibt.
Interview: Daniel Zulauf (Basler Zeitung)
Erstellt: 04.04.2009, 17:31 Uhr
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9 Kommentare
"ein Institut, das faktisch nicht in Konkurs gehen kann, schafft einseitige Anreize" -> Genau das sehe ich bei einer Postbank, ob sie nun «Postbank light» oder sonstwie heisse. Die Postfunktionäre sind nicht von Charakter, so etwas zu meistern, weil es da nur schwarz und weiss gibt und sofort ein monopolistisches, bzw. kartellistisches Gehabe über eine Errungenschaft gestülpt wird. Antworten
Es kommt mir vor wie bei der Swissair, man reagierte erst nachdem es zu spät war und dann erst noch falsch. Wäre die Swissair direkt in die Hände der Lufthansa gefallen, wäre sie stärker, für die Schweiz entsprechend nützlicher und wir hätten eine Menge Steuergelder gespart. Antworten
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