Fördert Goldinitiative Spekulation gegen Untergrenze?

Nun ruft das Volksbegehren sogar US-Ökonomen auf den Plan. Sie zeigen Auswirkungen auf die Märkte – und gehen von einer regelrechten Goldpreisexplosion kurz nach dem Abstimmungssonntag aus.

Metall des Anstosses: Goldbestände in den Kellern einer Schweizer Bank. (Archivbild)

Metall des Anstosses: Goldbestände in den Kellern einer Schweizer Bank. (Archivbild)

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Mit der bevorstehenden Abstimmung zur Goldinitiative der Schweiz befasst man sich auch an den internationalen Kapitalmärkten. So haben die Rohwarenexperten der Bank of America ihre wöchentliche Studie zum Metallmarkt («Global Metals Weekly») hauptsächlich den möglichen Folgen der Initiative gewidmet. Dabei sind sie vier Fragen nachgegangen:

Die Ökonomen der Bank of America haben sich über das Volksbegehren aus den Kreisen der SVP gebeugt.

  • Welche Bedeutung hätte eine Annahme der Initiative für den Manövrierspielraum der Schweizerischen Nationalbank (SNB)?
  • Welche Folgen hätte das für den Schweizer Franken?
  • Welche Folgen hätte es für europäische und US-Staatsanleihen, woraus die Reserven der SNB aktuell vor allem bestehen?
  • Welche Folgen hätte es für den Goldpreis?

Laut den Verfassern der Kurzstudie hätte ein Ja zur Initiative vor allem für die ersten zwei Fragestellungen grosse Bedeutung: Der Manövrierspielraum der Nationalbank würde in der Tat stark eingeschränkt, und es wäre mit einem erneuten deutlichen Aufwertungsdruck auf den Franken zu rechnen.

Spekulation nicht mehr zum Scheitern verurteilt

Die Argumentation der Ökonomen lautet folgendermassen: Wenn Spekulanten die Untergrenze der SNB von 1.20 Franken pro Euro testen und massiv Franken gegen Euro kaufen, dann muss die Nationalbank mit Käufen von Euro gegen Franken Gegensteuer geben, um eine Aufwertung der Schweizer Währung zu verhindern. Dazu ist sie jetzt ohne weiteres in der Lage, da sie die Franken selber schaffen kann. Diese Fähigkeit der SNB hält die Spekulanten daher von vornherein von solchen Versuchen ab.

Nach Annahme der Initiative muss die Nationalbank aber stets einen Anteil von 20 Prozent ihrer Reserven in Gold halten. Wenn sie dann Euro kauft, um eine Aufwertung des Frankens zu verhindern, muss sie zusätzlich immer auch noch Gold kaufen, denn sonst fällt der Anteil des Goldes unter die vorgeschriebene Quote, weil die Euroreserven zunehmen. Kommt dazu, dass die SNB – ebenfalls laut Initiativtext – kein Gold mehr verkaufen kann. Allein die Tatsache, dass die Möglichkeiten der SNB im Fall eines Angriffs auf die Untergrenze im beschriebenen Sinn eingeschränkt werden, wirkt für die Spekulanten wie ein Weckruf: Die SNB verliert an Glaubwürdigkeit, und die Spekulation auf eine Frankenaufwertung ist nicht mehr zum Scheitern verurteilt.

Zum Goldkauf verdonnert

Um die Probleme der SNB zu veranschaulichen, spielen die Autoren durch, was es bedeutet hätte, wenn die Vorschriften der Goldinitiative bereits in den Jahren 2010 bis 2012 in Kraft gewesen wären. Damals musste die Nationalbank das letzte Mal zur Abwehr einer Frankenaufwertung an den Devisenmärkten intervenieren. Die Nationalbank hätte damals für rund 50 Milliarden Dollar Gold kaufen müssen, denn in diesem Zeitraum hat sie für 250 Milliarden Devisenreserven angehäuft. Schon ohne weitere Interventionen müsste die Notenbank für 70 Milliarden Dollar Gold kaufen, um den 20-Prozent-Anteil erst zu erreichen.

Während die SNB ihre angehäuften Reservebestände bei einer späteren Beruhigung der Lage wieder abbauen kann, gilt das laut Initiativtext nicht für die Goldreserven. Jede notwendige Intervention zur Abwehr einer Frankenaufwertung führt daher zu einer deutlichen Erhöhung von Reserven, die künftig nicht mehr abgebaut werden dürfen und deren Goldanteil immer höher wird. Einen solchen Zustand kann die Notenbank nicht wünschen, weil er ihrer Bereitschaft Grenzen setzt, gegen eine Aufwertungsspekulation vorzugehen.

Die Folgen für die Euro- und US-Zinsen

Im Vergleich zur Wirkung auf die Bewegungsfreiheit der SNB und auf den Kurs des Frankens halten die Autoren der Studie die Folgen einer Annahme der Initiative für die Kurse von europäischen und US-Staatsanleihen sowie für den Goldpreis für relativ bescheiden.

Folgen für die Staatsanleihen ergeben sich, wenn die SNB nach der Annahme der Initiative welche aus ihren Reserven verkauft, um den Goldanteil zu erhöhen. Denn sie hat die gekauften Euro und Dollar in diesen zinstragenden Anleihen angelegt. Verkäufe von Staatsanleihen führen nicht nur zu tieferen Kursen, sondern spiegelbildlich auch zu höheren Renditen dieser Anlagen und damit letztlich zu einem höheren Zinsniveau in den Ländern, die die Anleihen herausgeben.

Um die tatsächliche Wirkung solcher Anpassungsverkäufe zu schätzen, unterscheiden die Ökonomen der Bank of America zwei Szenarien: Im ersten achtet die SNB darauf, bei den Verkäufen der Fremdwährungsanlagen die Proportionen zwischen den verschiedenen Währungen beizubehalten, im zweiten verkauft sie nur Nichteuroanlagen, was vor allem US-Staatsanleihen betreffen würde. Beim ersten Szenario würden die geschätzten notwendigen Verkäufe an Staatsanleihen in jeder Währung ein Volumen erreichen, das angesichts der Grösse des jeweiligen Marktes zu gering wäre, um eine merkliche Wirkung auf Anleihenkurse, Renditen und damit Zinsen zu haben.

Ein leicht höherer Goldpreis als Folge

Ein merklicher, wenn auch geringer – nicht bezifferter – Effekt wäre laut den Autoren aber zu erwarten, wenn die SNB nur die US-Staatsanleihen verkauft und die Euroanleihen behält (um nicht selbst einer Frankenaufwertung Vorschub zu leisten), da die Schweiz den viertgrössten Investor in solche Anleihen weltweit darstellt. Die Summe beläuft sich auf 189 Milliarden Dollar. Mitgezählt sind hier allerdings auch die Anleihen, die sich im Besitz privater Investoren befinden.

Etwas konkreter sind die Autoren bei der möglichen Wirkung auf den Goldpreis selbst. Um den Anteil des Goldes an den SNB-Reserven wie verlangt über fünf Jahre von aktuell rund 7,5 Prozent auf 20 Prozent zu erhöhen, müsste die Notenbank rund 1500 Tonnen des Edelmetalls kaufen, was rund einem Drittel des jährlichen Goldmarkts entspräche. Allein die Erwartung dieser Käufe würde daher den Goldpreis von rund 1200 Dollar pro Unze gleich nach der Abstimmung auf über 1350 Dollar hochtreiben. Damit verbunden ist die Einschätzung der Bankökonomen, dass der Goldpreis ohnehin seinen Tiefstand erreicht hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.10.2014, 11:28 Uhr)

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