Wirtschaft

«Frauen kommen spät an das grosse Geld»

Interview: Olivia Kühni. Aktualisiert am 23.06.2011 27 Kommentare

Die Reichen dieser Welt sind weniger homogen als früher und legen ihr Geld anders an. Der Soziologe Ueli Mäder sagt, wie Millionäre in der Schweiz leben.

Weltweit sind bereits 27 Prozent der Reichen Frauen: Passantin am Paradeplatz (Archivbild).

Weltweit sind bereits 27 Prozent der Reichen Frauen: Passantin am Paradeplatz (Archivbild).

Ueli Mäder ist Professor für Soziologie an der Universität Basel. Mäder hat sich auf die Forschung zu sozialer Ungleichheit spezialisiert. Er ist Autor des Buches «Wie Reiche denken und lenken. Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche».

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Wo die Reichen leben

Wo die Reichen leben
In Asien lebten 2010 erstmals mehr Reiche als in Europa.

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Der World Wealth Report zeigt, dass es unter den Reichen der Welt zunehmend Personen gibt, die ihr Geld selber als Unternehmer verdient haben – vor allem im aufstrebenden Asien. Wie sind Schweizer Reiche an ihr Vermögen gekommen?
Durch Erbschaften. Noch immer ist rund die Hälfte der 300 Reichsten im Land so zu viel Geld gekommen. Die niedrigen Steuern in der Schweiz schützen diese Konzentration des Reichtums. An Bedeutung gewonnen hat der Rohstoffhandel: Wer in den letzten Jahren als Unternehmer reich geworden ist, tat dies oft im Rohstoffhandel.

Gibt es auch in der Schweiz mehr Frauen und Junge unter den Reichen?
Frauen kommen eher spät an das grosse Geld, weil sie in den obersten Etagen der Unternehmen und Investmentgesellschaften nach wie vor kaum vertreten sind. Die Verjüngung findet tatsächlich statt, aber sehr gemächlich. Männer im mittleren und fortgeschrittenen Alter dominieren die Reichenliste hierzulande nach wie vor.

In Nordamerika halten Superreiche ihr Geld hauptsächlich in Aktien, in Asien eher in Immobilien, wie der Bericht gezeigt hat. Wie ist das in der Schweiz?
Ich habe bereits den Rohstoffhandel erwähnt: Hier wird stark und zunehmend Schweizer Kapital investiert. Die Schweiz, insbesondere Genf, hat sich hierbei zu einer international überaus bedeutenden Drehscheibe entwickelt. Die Anzahl entsprechender Firmen hat sich innert weniger Jahre verdoppelt. Ebenfalls beliebt ist die Medizinaltechnik, ausserdem die zweite Säule und die Stiftungen. Letztere sind mit 50 bis 80 Milliarden Franken dotiert – das ist pro Kopf mehr, als auf US-Stiftungen liegt.

Was kaufen Reiche, wenn es um die Freude geht?
Natürlich die klassischen Luxusgüter: Jachten und Autos. Für die Schweizer Wirtschaft wichtig sind Uhren und Schmuck, die ja ihren Wert auch langfristig behalten. Hinzu kommt die Kunst, besonders in Basel. Dafür haben viele Reiche eine Vorliebe.

Wofür setzen sie sich in der Gesellschaft ein?
Interessanterweise ist der Anteil von Reichen, die politische Ämter halten, in den letzten Jahren gestiegen. Weil viele Reiche langfristig denken, liegt ihnen tendenziell die Umwelt am Herzen, sie engagieren sich etwa oft für die Entwicklung erneuerbarer Energien. Auch für soziale Anliegen setzen sich manche ein. Sie fürchten, dass der soziale Zusammenhalt und der Arbeitsfriede aufbrechen könnten, wenn die Schere in der Gesellschaft zu sehr aufgeht.

Der Report stellt ausserdem fest, dass die Finanzkrise bei vielen Reichen weltweit eine grosse Verunsicherung ausgelöst hat. Sie haben für ein Buchprojekt monatelang das Sozialverhalten von Reichen in der Schweiz studiert. Wie haben sie auf die Krisenerfahrung reagiert?
Viele von ihnen haben die Haltung vertreten, dass sich schon irgendwo wieder eine Türe öffnet. Diese Gelassenheit hat auch damit zu tun, dass viele von ihnen materiell wohl behütet aufgewachsen und auch gut vernetzt sind. Es gab aber auch etliche andere Beispiele: Menschen, die stark mit ihren Verlusten gehadert haben, bis hin zum Suizid. Für sie war die Krisenerfahrung eine grosse, schier narzisstische Verletzung – selbst wenn sie noch Millionen als Polster haben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.06.2011, 12:08 Uhr

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27 Kommentare

Peter Müller

23.06.2011, 15:34 Uhr
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Mein Fazit: Eine happige und nationale Erbschaftsteuer wäre das fairste Mittel, um die langfristige Schere wieder zu schliessen. Und dafür weniger die Arbeit (direkte Bundessteuer könnte man gleich streichen) und Konsum (MWSt.) besteuern, das täte dann auch der Wirtschaft gut. Reichtum ist gut, wenn man ihn selber erarbeitet hat. Reiche (Erb-)Familien bringen das Land nicht weiter Antworten


Hugo Bühlmann

23.06.2011, 16:49 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Geld allein macht nicht glücklich, aber es beruhigt.
Die Reichen sollten ihre sozialen Projekte nicht nur im Ausland realisieren, wie es viele tun. Auch in der Schweiz gibt es viele Möglichkeiten sich zu engagieren. Wenn die Sinnfindung nicht nur im Kopf stattfindet, sondern auch in Projekte umgesetzt werden, wäre dies schon ein guter Anfang für eine nachhaltige Entwicklung.
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