Frauen und Alte sollen die Lücke schliessen

Arbeitgeber und Bundesrat versuchen seit Jahren, mehr Fachkräfte zu rekrutieren. Bislang erfolglos. Das müsste sich jetzt ändern.

Laut Avenir Suisse liegt das grösste Potenzial bei den Frauen, um den Fachkräftemangel in der Schweiz zu beheben. Foto: Wildlife

Laut Avenir Suisse liegt das grösste Potenzial bei den Frauen, um den Fachkräftemangel in der Schweiz zu beheben. Foto: Wildlife

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Hans Hess holt mit dem Zweihänder aus: Ohne Spezialisten aus dem Ausland «müssen wir einen Teil der Arbeit ins Ausland verlagern», drohte der Präsident des Industrieverbands Swissmem jüngst. Er reagiert damit auf den Vorschlag des Bundesrates zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Im Zentrum der Debatte steht die Einführung von Kontingenten – und die Angst, dass die Schweiz ihr Fachkräftedefizit nicht mehr im Ausland decken kann. Geht es nach Bundesrätin Simonetta Sommaruga, muss die Wirtschaft das Loch selbst stopfen – indem sie sich um das inländische Arbeitskräftepotenzial bemüht. Hier sei noch vieles möglich. Und: «Alle müssen ihren Beitrag leisten. Die Wirtschaft, der Bund, die Kantone.»

Bislang waren solche Bemühungen nicht von grossem Erfolg geprägt. Der Schweizerische Arbeitgeberverband etwa startete bereits 2006 die erste Initiative, um ältere Arbeitnehmer länger im Arbeitsprozess zu halten. Die Broschüre «Arbeit und Alter» aus der Schriftenreihe «Tipps für Arbeitgeber» prophezeite ab 2015 einen Arbeitskräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung – und gab den Unternehmen Tipps. Nur: Als 2007 die Personenfreizügigkeit eingeführt wurde, explodierte die Einwanderung – und die Integration älterer Mitarbeiter geriet in den Hintergrund. Das Fazit ist ernüchternd: «Der Rückgriff auf ausländische Fachkräfte dürfte vermutlich seinen Anteil geleistet haben, dass frühere Initiativen des Arbeitgeberverbands bislang nicht konsequent umgesetzt und weitergeführt worden sind», sagt Manuel Keller vom Kaufmännischen Verband Schweiz.

Die SVP verlangt mehr Tempo

Letzten November dann, als die Einwanderungsinitiative die Wirtschaft zunehmend nervös machte, meldete sich der Arbeitgeberverband zurück: Mit der Initiative «Plattform Arbeitsmarkt 45 plus» will er Anreize schaffen, um die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zu fördern – und so den Fachkräftemangel zu entschärfen. Obwohl die SVP-Initiative in der Zwischenzeit angenommen wurde und sich die Dringlichkeit einer solchen Initiative eher noch erhöht hat, halten sich die Fortschritte in Grenzen. Zwar fand Anfang Juni die Kick-off-Veranstaltung zur Initiative statt, um mit interessierten Firmen die ersten Schritte einzuleiten. Die angekündigte Pressemitteilung dazu wurde aber bis heute nicht verschickt. Und vor den Sommerferien wird laut Daniella Lützelschwab, Mitglied der Geschäftsleitung beim Arbeitgeberverband, auch nichts mehr spruchreif: «Wir haben das Kick-off gut gestartet und uns mit den Teilnehmenden auf deren definitive Teilnahme und das weitere Vorgehen geeinigt.»

Der Abstimmungssiegerin SVP geht das viel zu langsam. Sie fordert schnelle und konkrete Taten: «Der Fingerzeig der Volksmehrheit ist unmissverständlich. Die Wirtschaft ist jetzt gefordert, alles zu unternehmen, damit der Inländervorrang sofort angewendet wird», sagt SVP-Nationalrat und -Fraktionschef ­Adrian Amstutz. Es sei angesichts des herrschenden Verdrängungskampfes und der wachsenden Altersarbeitslosigkeit dringend notwendig, dass Schweizer Fachkräfte mobilisiert werden.

Der Arbeitgeberverband weist die Kritik zurück. Schliesslich habe man früh auf das Problem hingewiesen. «Zugegebenermassen stellen solche Empfehlungen keine Garantie dar, dass entsprechende Lösungsansätze umgehend Eingang in jeden betrieblichen Alltag finden», sagt Lützelschwab. Zudem würden die Medien leider selten erfolgreiche Beispiele von älteren, motivierten Mitarbeitenden aufzeigen, die Nachahmer anregen könnten. Kommt hinzu: «Nicht jede ältere Person will bis 65 arbeiten. Dies gilt es grundsätzlich auch als Arbeitgeber zu akzeptieren.»

Die Arbeitgeber sind nicht die Einzigen, deren Bemühungen bislang erfolglos blieben. Der Bund lancierte Ende 2011 mit der Publikation eines Grund­lagenpapiers eine Fachkräfte-Initiative. Auf 58 Seiten analysiert Bundesrat Johann Schneider-Ammanns Volkswirtschaftsdepartement die Ursachen des Fachkräftemangels. Im November 2013 verabschiedete der Bundesrat im Rahmen seiner Klausur zum Freizügigkeitsabkommen ein Massnahmenpaket. «Dieses hat zum Ziel, den Fachkräftemangel bis 2020 zu lindern, indem das inländische Potenzial an Fachkräften verstärkt ausgeschöpft wird», so die Regierung.

1,5 Millionen besser ausbilden

Es geht also um die Aktivierung von inländischem Arbeitskräftepotenzial. So könnten theoretisch 1,5 Millionen Menschen, die nur eine Sekundarschule besucht haben, höher qualifiziert werden. Allerdings ist unklar, wie hoch das Potenzial ist. Bei den älteren Erwerbslosen und nicht oder teilzeiterwerbstätigen Frauen wird der Bund konkret: 93'000 Vollzeitarbeitskräfte wären möglich, wenn 20 Prozent der nicht erwerbstätigen Personen im Alter von 55 bis 64 Jahren neu erwerbstätig würden und zusätzlich die Erwerbstätigkeit von Rentnern um 20 Prozent gesteigert würde. In einer Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt ebenfalls eine Arbeitskraftreserve. Hier rechnet der Bundesrat mit einem Fachkräftepotenzial von 143'000 Vollzeitarbeitskräften.

«Das reicht nicht»

Kritiker gehen mit den Bemühungen von Bund und Arbeitgebern hart ins Gericht. «Es fehlt ein strategischer Überbau», sagt Keller vom KV Schweiz. Viele einzelne Massnahmen gingen nicht über Prüf- und Studienaufträge hinaus. Auch die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz ist kritisch: «Taten statt Worte sind gefragt, ich sehe aber beim Bund und beim Arbeitgeberverband nur Sensibilisierungskampagnen und runde Tische.» Und auch Patrik Schellenbauer, Projektleiter bei der liberalen Denkfabrik Avenir ­Suisse, ist nicht begeistert: «Es ist schwierig und teuer, noch mehr Inländer in den Arbeitsmarkt zu ziehen. Diese Massnahmen werden nicht ausreichen.»

Im Gesundheitsbereich wollen Bund und Kantone ab 2018 jährlich rund 300 Ärzte zusätzlich ausbilden. Im Sozial­bereich ist eine «Vertiefungsstudie» und ein «Monitoring» geplant. Und im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik soll das Interesse der Jugendlichen mit einer Kampagne geweckt werden. Kosten: 1,9 Millionen Franken. Um die Altersarbeitslosigkeit zu bekämpfen, will der Bund mittels eines nationalen Forums die betrieb­liche Gesundheitsförderung stärker verbreiten und für mehr Weiterbildung sorgen. Kommentar des KV Schweiz: «Da ist nicht sehr viel Fleisch am Knochen.»

Grösstes Potenzial bei Frauen

Das grösste Potenzial ortet Avenir Suisse bei den Frauen. Diese hätten zwar in ­Sachen Partizipation fast mit den Männern gleichgezogen, würden jedoch zu 60 Prozent Teilzeit arbeiten. «Man(n) muss die Frauen auch motivieren. Dazu gehören gleich lange Spiesse, auch was den Lohn anbelangt», ergänzt der KV Schweiz. Der Bundesrat stellt hingegen lapidar fest, dass die Lohndiskriminierung im europäischen Vergleich überdurchschnittlich tief sei. Im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie signalisiert die Landesregierung ebenfalls, handeln zu wollen. Zwar stellt sie befriedigt fest, dass dank dem Impulsprogramm seit 2003 knapp 40'000 Betreuungsplätze geschaffen wurden. Doch momentan ist unklar, ob das Programm nach 2015 weitergeführt wird.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.06.2014, 07:11 Uhr)

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