Wirtschaft
Für den Dollar besteht Rutschgefahr
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 20.03.2009
Der Dollar am Wendepunkt?
Die unerwartete Ankündigung der US-Notenbank Federal Reserve, für 1150 Milliarden Dollar sowohl Staatsanleihen als auch mit Hypotheken besicherte Wertpapiere aufzukaufen, beherrscht die Finanzmärkte nach wie vor. Besonders intensiv wird die Frage diskutiert: Haben die Währungshüter in Washington mit ihrem Vorhaben, die Notenpresse stärker zu beanspruchen, den Startschuss für eine nachhaltige Dollar-Abwertung gegeben? Am Donnerstag war der handelsgewichtete Wechselkurs des Dollar – in den die wichtigsten Währungen im Verhältnis zu ihrem Handelsaustausch mit den USA eingehen – um knapp 3 Prozent gesunken. Ein so starker Rückgang innerhalb eines Tages wurde laut der Agentur Bloomberg zuletzt 1971 verzeichnet.
Auf den Dollar-Kurs drückte unter anderem die deutliche Renditeeinbusse von US-Staatsanleihen nach besagter Ankündigung der Federal Reserve. Dadurch verlieren Anlagen im US-Kapitalmarkt im Vergleich zu anderen Märkten an Attraktivität. Belastend wirkt für den Dollar auf mittlere bis längere Sicht ausserdem die Befürchtung, die neuerliche massive Liquiditätsspritze in den USA stelle ein beträchtliches Inflationsrisiko dar.
EU noch ärger dran als die USA
Doch schon im Laufe des Freitags setzte unter dem Eindruck neuer Hiobsbotschaften eine Gegenbewegung ein: Nachdem sich der Euro am Morgen auf bis über 1.37 Dollar verteuert hatte, fiel er wieder auf unter 1.36 Dollar zurück. Als Grund nannten Beobachter die dramatischen Einbrüche in der Industrieproduktion der EU im Januar – ein neuerlicher Hinweis dafür, dass die Wirtschaftskrise in Europa keinesfalls geringer ist als in Amerika. Alexis Koerber, Ökonom beim Konjunkturforschungsinstitut BAK Basel, erwartet sogar, dass die US-Wirtschaft – dank den massiven Liquiditätsspritzen der Notenbank und den staatlichen Konjunkturprogrammen – die Rezession schneller überwindet als die europäische. Das spreche für den Dollar.
Auch Martin McMahon, Devisenanalyst bei der Credit Suisse, zeigte sich «skeptisch», ob der Beginn einer neuen Dollar-Baisse bereits eingeläutet worden sei. In den vergangenen sechs bis neun Monaten konnte die US-Währung von der Flucht der internationalen Investoren in sichere Anlagen, insbesondere in US-Staatspapiere profitieren. Diese Phase dürfte laut McMahon im Verlauf des zweiten Quartals zu Ende gehen und in eine Schwächeperiode des Dollar münden – wenn die Marktakteure das ausufernde Defizit im US-Staatshaushalt, aber auch den immer noch beträchtlichen Fehlbetrag in der Leistungsbilanz wieder stärker in den Fokus nehmen.
Würde eine solche Wende beim Dollar die Bemühungen der Schweizerischen Nationalbank, eine weitere Aufwertung des Frankens zu verhindern, durchkreuzen? McMahon winkt ab: Der Dollar spiele für die Schweizer Wirtschaft bei weitem nicht die gleiche Rolle wie der Euro, und die Nationalbank habe denn auch nur auf den Franken-Kurs zum Euro explizit Bezug genommen.
Nachfrage wichtiger als Wechselkurs
In den beiden wichtigsten Exportindustrien der Schweiz – Maschinen/Elektro/Metall sowie Chemie/Pharma, die gemeinsam etwa drei Viertel unserer Ausfuhren bestreiten – gehen jeweils über 60 Prozent der exportieren Waren in europäische Märkte. Dennoch, so Ruedi Christen, Sprecher des Maschinen-Dachverbands Swissmem, «bekommen es etliche Unternehmen empfindlich zu spüren», wenn sich der Franken gegenüber dem Dollar verteuere. Knapp 10 Prozent der Swissmem-Ausfuhren werden in die USA verschifft, und ein mindestens nochmals so grosser Anteil wird (zum Beispiel in asiatischen Ländern) in Dollar abgerechnet. Umgekehrt gilt es laut Christen zu bedenken, dass ein nicht unerheblicher Teil der Kosten – insbesondere die Preise von Rohstoffen – auf die US-Währung laute. Da wirkt ein starker Franken dann kostensparend.
Thomas Flury, Devisenanalyst bei der UBS, gibt indes zu bedenken, dass «nicht die Wechselkurse, sondern eine Erholung der weltwirtschaftlichen Nachfrage für den Aufschwung der Schweizer Wirtschaft entscheidend ist». Gleicher Meinung ist Alexis Koerber: «Unser grösstes Risiko ist die Weltkonjunktur» – die Währungsrelationen seien demgegenüber «sekundär». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2009, 20:44 Uhr
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