Wirtschaft
Griechenland-Krise: Heftige Kritik an den Ratingagenturen
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 29.04.2010 22 Kommentare
Stichwort: Ratingagenturen
Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Firmen und Staaten, aber auch die Qualität von Fonds und anderen Wertpapieren. Die Einstufung entscheidet darüber, zu welchen Konditionen Konzerne, Banken oder Länder auf den Kapitalmärkten Geld leihen können - je besser das Rating, desto niedriger die Zinsen. Eine Herabstufung, wie sie seit einiger Zeit bei Griechenland stattgefunden und jetzt bei Spanien Schlagzeilen gemacht hat, bedeutet für den Kreditnehmer höhere Zinsen.
Im Weltmarkt sind drei Ratingagenturen mit weitem Abstand bestimmend: die US-Unternehmen Standard & Poor's und Moody's sowie die britische Agentur Fitch Ratings. Firmen, die in den USA auf dem Kapitalmarkt agieren wollen, müssen sich von mindestens zwei dieser drei von der Börsenaufsicht SEC allein zugelassenen Agenturen bewerten lassen.
Die Abstufung lässt sich mit den Schulnoten vergleichen. Eine Eins plus entspricht dem besten S&P-Rating AAA. Der Kreditgeber nimmt ein Ausfallrisiko von 0,02 Prozent im wörtlichen Sinn «in Kauf». Je niedriger das Ausfallrisiko, umso geringer muss der Kredit mit Eigenkapital der Bank hinterlegt sein. Umso mehr Verhandlungsspielraum hat übrigens auch der Kunde. Beim AAA-Rating eines Unternehmens beträgt die Eigenkapitalquote 1,6 Prozent.
Note Zwei gibt es bei AA& (besser als AA) bis AA- (schlechter als AA), und so weiter bis hinab zu D, was einer «Acht» bei Schulnoten entspräche. Bei D wird mit 20 Prozent Ausfallrisiko oder einem Totalausfall kalkuliert, der Kredit - wenn er überhaupt noch gewährt wird - muss mit 12 Prozent Eigenkapital der Bank unterlegt sein. Solche Kunden kann sich eine Bank nicht lange leisten.
Zu beachten ist: Während in der Schule der Einser-Schreiber bei einer Zwei kaum weitere Konsequenzen zu befürchten hat, ist eine Rating-Herabstufung im Finanzwesen immer eine schlechte Nachricht für Kunden, Gläubiger und Lieferanten, auch wenn sie «nur» von AAA nach AA& erfolgt.
Ratingagenturen sind auf Gewinn ausgerichtete Privatfirmen. Kritik entzündet sich nicht erst seit der aktuellen Finanzmarktkrise daran, dass die Unternehmen, die von den Agenturen bewertet werden, diese auch bezahlen. In der Finanzmarktkrise wurde Ratingagenturen vorgeworfen, Asset Backed Securities (Forderungsberichtigte Wertpapiere) mit Höchstnoten bewertet zu haben, die später durch den Einbruch des US-Hypothekenmarktes massiv verloren. (SDA)
Alarmruf: Standard-&-Poor's-Hauptsitz in New York. (Bild: Keystone )
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Die Herabstufung der griechischen Staatsschulden durch die Ratingagentur Standard and Poor’s (S & P) provozierte vor allem in Deutschland Kritik. Doch zeichnete sich ein solcher Schritt seit einigen Wochen ab, und amerikanische und britische Ökonomen warnten, dass griechische Staatspapiere nicht mehr investitionswürdig seien. Der Alarmruf von S & P ist indessen vor dem Hintergrund eines scharfen Wettbewerbs der Ratingagenturen zu sehen, die nach dem katastrophalen Versagen in der USKreditkrise um ihre Zukunft kämpfen.
Dass es vor allem deutsche Experten waren, die S & P kritisierten, ist kaum Zufall, muss doch Deutschland den grössten Beitrag an eine Rettungsaktion leisten. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, bemängelte im «Handelsblatt» das Vorprellen von S & P. Es sei seit längerem klar, dass die Sanierung der griechischen Staatsfinanzen keine Kurzgeschichte sei. Es stelle sich die Frage, weshalb die Agentur ausgerechnet jetzt die Papiere degradiert habe. «Fast scheint es, als sollten EU und IWF zur Hilfe getrieben werden.» Auch die EU-Kommission äusserte sich kritisch zum Timing.
Warnungen von allen Seiten
Dem steht gegenüber, dass Fitch, die kleinste der drei führenden Agenturen, griechische Staatsschulden schon vor drei Wochen massiv heruntergestuft hatte, und zwar nur noch knapp über den Junk-Status. Moody’s war weniger pessimistisch, doch hatte auch sie die griechischen Anleihen zu Beginn dieses Monats um eine Stufe zurückgenommen. Die deutlichste Warnung aber kam vom US-Fondshaus Pimco. Konzernchef Mohamed El-Erian erklärte vor zwei Wochen, griechische Anleihen seien nicht mehr investitionswürdig.
Der Warnruf durch S & P kam somit nicht völlig aus dem Dunkel. Zudem macht der für Europa zuständige Chefökonom von Goldman Sachs, Erik Nielsen, geltend, dass das Timing einer Herabstufung immer schwer abzuschätzen sei. Die Bewertungen der Ratingagenturen wirkten sei Jahren deshalb nicht als Kommentare, die den Ereignissen vorauseilten, sondern seien im Gegenteil als nachhinkende Nachrichten zu betrachten. Und weiter: «Griechenland wird ohnehin etwa ein Jahr lang keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben, deshalb hat die Herabstufung auch keinen Einfluss auf den Umgang mit griechischen Papieren durch die Europäische Zentralbank.»
«Seele an Teufel verkauft»
Ratingagenturen gehören zu den einflussreichsten Akteuren der Finanzmärkte, aber auch zu den zwielichtigsten. In der Finanzkrise versagten sie auf der ganzen Linie. Eine Untersuchung des US-Senats zeigte, dass sie ihr Bewertungsmodell den Wallstreet-Banken zugänglich gemacht hatten, was diesen erlaubte, Ramschpapiere so zusammenzuschustern, dass sie ein Top-Rating erhielten. Die privaten Agenturen üben – dank einer Lizenz der Börsenaufsicht SEC – eine quasistaatliche Aufgabe aus. Ihr Unvermögen, Anleger vor dem Wallstreet-Schrott zu warnen, hat sie nicht nur politisch in Bedrängnis gebracht. In den USA haben mehrere Bundesstaaten, öffentliche Pensionskassen und Städte wegen der ihnen entstandenen Milliardenverluste Sammelklagen eingereicht.
Die Interessenkonflikte waren intern sehr wohl bekannt, wie E-Mails zeigen. So schrieb ein S & P-Angestellter im Sommer 2007, der Umgang mit der Bank erinnere «an das Stockholm-(Geisel-)Syndrom». Und ein Moody’s-Direktor meinte, das Versagen der Branche zeichne ein Bild, «wonach wir entweder total inkompetent sind oder unsere Seele dem Teufel verkauft haben». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.04.2010, 10:20 Uhr
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22 Kommentare
@ Dieter Wundring. Glauben Sie doch selber nicht einmal. Die Linken sind die "Verteiler" der Nation. Höhere Renten, neue Sozialversicherungen (Mutterschaft), mehr Staat in allen Lebenslagen, Kinderkrippen, mehr Ferien, Integrationspauschalen, Kohäsionsmilliarden, höhere Kinderzulagen, Staat als Lösung für alles. Bezeichnend, dass die Gewerkschaften in Griechenland jegliche Sparbemühung bekämpfen. Antworten
Es gibt Marktteilnehmer, die von einem Niedergang Griechenlands oder des Euros profitieren. Auch wenn offiziell von Freundschaft gesprochen wird, ist im Hintergrund die USA interessiert an einem schwächeren Europa. Hilfreich in dem aktuellen Wirtschaftskrieg sind da solche Torpedo-Meldungen, von der Ratingagentur im richtigen (schädlichsten) Moment abgefeuert. Ein Krieg ist eben immer kriminell. Antworten
@ Remo Senn-Die Linken haben die Euroländer sicher nicht an die Wand gefahren, denn sie haben schon lange nichts mehr zu verteilen. Sind es doch die Rechtsliberalen Regierungen welche sich im Euroraum und in der ganzen Welt etablieren und diese Misere mit den Banken, übermächtigen Konzernen und Ratingagenturen angerichtet haben. Die Euroländer haben die eigenen Kriterien missachtet, das stimmt! Antworten
@Hans Nüssli et al: Sie scheinen Sinn und Zweck der Ratingagenturen nicht ganz zu verstehen und vermengen Sachen, welche einzeln betrachtet werden muessen. Finanzen sind hoch komplex, und die Finanzindustrie und deren Instrumente basieren vielfach nicht auf Wissenschaft, sondern auf Annahmen und Unabwaegbarkeiten, welche von Seiten der Politik stark populistisch geschuert werden. Heal the world! Antworten
Es ist nicht gut, dass alle wichtigen Ratingagenturen in den USA sind. Es sollte zumindest eine Agentur im europäischen und eine im asiatischen Raum geben. Dazu würde ich eine internationale Agentur ähnlich dem IWF empfehlen. Damit wäre eine grössere Unabhängigkeit gewährleistet. Antworten
Ein gutes hat die Krise ja, es zeigt den Menschen, wie wichtig "gesunde" Staaten sind. Hoffentlich lernen auch unsere Linken etwas dabei, die gerne alles Geld verteilen und den populistische Spruch des "zu tode sparens" verwenden. Ein Staat kann sich nicht zu tode sparen, wohl aber zu tode verschulden. PS: die Schweiz hat 300 Milliarden Schulden (Bund, Kt. Gem.) Antworten
Genau, rettet Griechenland - koste es was es wolle!! Die übrigen europäischen Länder schwimmen ja geradezu im Geld und wissen nicht wohin damit, da sie ja in den guten Zeiten alle gespart haben. Jetzt sollen Italien, Spanien und Portugal zusammen etwa 8 Milliarden beisteuern zur Rettung. Woher nehmen sie dieses Geld? Am Ende wohl von den Deutschen... Und daran sind die Ratingagenturen schuld?!?! Antworten
War die Herabstufung Griechenlands auf das schlechteste Niveau etwa falsch? Griechenland geht bankrott, wenn ihm andere Staaten und der IWF nicht Milliarden zuschiessen. Man kann die Ratingagentur vielleicht kritisieren, dass sie zu spät war oder dass sie andere Länder nicht gleich behandelt (USA! Japan! Grossbritannien! Irland! Belgien! Portugal! Island! Spanien! etc.). Antworten
Vorerst mal: Jeder Investor ist fuer seine Investitionen selber verantwortlich, denn es ist SEIN Geld und nicht das Geld der andern. Wer von Investitionen nichts versteht, soll es eben lassen. Gewinngier darf nicht nachtraeglich mit einer Opferrolle gerechtfertigt werden. Dann: Viele Laender leben ueber ihre Verhaeltnisse oder nach Ideologien. Das kostet, und zwar viel. Und wer solls bezahlen? Antworten
Die Ratingagenturen sind üble Konstrukte die beide Seiten melken. Nach dem Meltdawn hätten alle Ratingagenturen geschlossen und neue mit besserem Regulativ aufgebaut werden müssen. Auf die Ratingagenturen ist kein Verlass, da sie erst schreien wenn es zu spät ist und die Börsen einbrechen. Vorher haben sie mitgetanzt. Antworten
Jeder muss sich da die Frage stellen ob er bereit ist, dies zu finanzieren. Es spielt keine Rolle wenn ein paar Job’s im Bankensektor verloren gehen. Im Vergleich zur planetaren Gesellschaft oder Menschheit ist das vielleicht ein Promille. Sobald der Finanzsektor grundlegend verändert wird, erhalten x-ig tausend Kinder die täglich Sterben eine Chance zum Leben. Wohlstand für alle. Antworten
Karl Albrecht Schachtschneider, Universitätsprofessor für öffentliches Recht in Deutschland, kritisiert die unsozialen Auswüchse der EU seit langem. Das Problem ist, dass er in der Schweiz wenig bekannt ist. Durch die Erhöhung des Rentenalters in Griechenland, wird er jetzt erneut bestätigt. Antworten
Wie kann eine Firma aus den USA ein Staat oder eine Institution in Europa beurteilen deren Angestellten zu 90% noch nicht mal wissen wo Griechenland liegt? Von der Hauptstadt ganz zu schweigen. Es sollte der gesunde Menschenverstand sein, der einem sagt, dass die Länder Europas zu verschieden sind als das ein/zwei Länder die anderen monetär bestimmen können. Das geht, ging und wird nicht gehen. Antworten
All diese globalen Finanztransaktionen werden gezielt vom Bankensektor unter Einbezug von Wissenschaftlern aus den Bereichen erschaffen, die solche Modelle erschaffen. Es ist klar weshalb sich der Finanzsektor sich gegen eine grundlegende Veränderung wehrt. Sie wollen immer noch auf Kosten der planetaren Gesellschaft fette Gewinne erzielen. Antworten
Der Barometer ist nicht die Ursache des schlechten Wetters! Die Misswirtschaft Griechenlands haben deren Politiker zu verantworten. Die EU hat grosszügig zulange weggeschaut und will jetzt den Brand nicht löschen, und könnte damit einen Feuersturm auslösen. Die Politiker, die "Retter der Banker", sind drauf und dran eine viel grössere Krise zu produzieren. Antworten
Die Ratingagenturen werden von Banken bezahlt um ebenderen Anlagevehikel zu bewerten. Wes Brot sie essen, des Lied sie singen! Wenn also S+P etc Griechenland zu Junk stempeln dann wohl am ehesten, weil diese Banken viel Geld mit dem Untergang der Griechen verdienen wollen. Macht denen einen Strich durch die Rechnung und rettet Griechenland. Antworten



Dieter Wundrig
@Stephan Schwan-Genau! Die USA ist an einem schwachen und zerstrittenen Europa interessiert, sie haben bis zuletzt den Euro als gemeinsame Währung verhindern wollen. Weshalb, das kann sich nun jeder denken.Unsere jetzigen Rechtliberalen Regierungen sind schwach und auf dem besten Weg das erreichte zu zerstören, vor lauter Nationalismus. Und die Bürger scheinen mit Blindheit beschlagen zu sein. Antworten