«Ich würde die Untergrenze auf 1.35 Franken setzen»

Lange war es ruhig um die Euro-Franken-Untergrenze. Jetzt stösst der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger mit einem überraschenden Votum vor. Und massregelt die Eurogegner. Das Interview.

«Wir befinden uns in der Mitte eines Tunnels»: Peter Bofinger ist ein klarer Befürworter des Euro.

«Wir befinden uns in der Mitte eines Tunnels»: Peter Bofinger ist ein klarer Befürworter des Euro. Bild: AFP

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Sie sind ein Eurobefürworter. Die «Süddeutsche Zeitung» hat kürzlich geschrieben, Sie seien ein einsamer Wolf geworden, umzingelt von «Wutökonomen». Wie fühlt sich das an?

Meine Position ist gar nicht so weit weg von der Position der Bundesregierung. Auch im Sachverständigenrat haben wir im jüngsten Gutachten wieder einstimmig für den Schuldentilgungspakt plädiert, das heisst eine gemeinschaftliche Haftung, allerdings in quantitativ und zeitlich begrenzter Form.

Die deutsche Ökonomen-Diskussion wird weitgehend von Hardlinern wie Hans-Werner Sinn bestimmt.

Sinn und viele andere deutsche Ökonomen betonen ständig, wie schlimm alles sei, sind aber nicht in der Lage, konstruktive Vorschläge zu machen. Sie befinden sich in einer Art Angststarre. Ich widerspreche Herrn Sinn gar nicht, wenn er sagt, dass die sogenannten Target-Salden ein grosses Problem seien. Es reicht aber nicht, zu sagen: Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank, der EZB, sind eine Katastrophe, und den Rettungsschirm ESM wollen wir eigentlich auch nicht. Dann müsste man irgendwann die Konsequenz ziehen und offen erklären: Wir wollen zur D-Mark zurück.

Was die Wutökonomen vorschlagen, läuft letztlich darauf hinaus, dass der Euro auseinanderbricht.

Richtig, und darüber liesse sich ja auch diskutieren. Aber dann muss man die Risiken des Auseinanderbrechens mit den Risiken des Festhaltens am Euro vergleichen. Doch die meisten Ökonomen schrecken davor zurück, die Konsequenzen klar anzusprechen. Stattdessen wird eine reine Klagehaltung eingenommen. Für die deutsche Öffentlichkeit ist dies fatal, zumal die Deutsche Bundesbank eine ähnlich depressive Haltung einnimmt. So wird eine Euro-feindliche Stimmung gezüchtet.

Die Kanzlerin wiederholt stets: «Bricht der Euro auseinander, bricht Europa auseinander.» Warum unternimmt die Politik nichts gegen die Wutökonomen?

Die Politiker geben sich keine Mühe, den deutschen Bürgerinnen und Bürger klarzumachen, wie schwierig die Lage in den Defizitstaaten ist und welch grosse Anstrengungen die Menschen dort unternehmen, um da herauszukommen. Die Deutschen haben immer noch das Gefühl, die Südländer würden auf der faulen Haut liegen und gar nichts unternehmen. Gleichzeitig werden die Hilfskredite immer wieder erhöht. Das führt dazu, dass die Politik nicht mehr nachvollziehbar wird und zu einer Verbitterung der Öffentlichkeit führt.

Derzeit ist wieder die Rede von einem Grexit, einem Austritt Griechenlands aus der Einheitswährung. Was halten Sie davon?

Die Lage in Griechenland ist vergleichbar mit einem Privathaushalt, der unverantwortlich gewirtschaftet hat, jetzt pleiteging und sich niemals mehr aus eigener Kraft sanieren kann. Das muss man endlich einmal anerkennen.

Heisst das, die Griechen müssen raus?

Nein, das würde sehr teuer, denn das Geld wäre dann ja auch weg. Wir müssen mit Griechenland umgehen wie mit einem ganz gewöhnlichen Privatkonkurs. Da lassen wir ja die Menschen auch nicht verhungern, sondern versuchen, sie mit Sozialhilfe wieder auf die Beine zu bringen.

Nicht nur konservative Ökonomen haben genug vom Euro, auch linke Vertreter wie Heiner Flassbeck fordern neuerdings die Rückkehr zu nationalen Währungen. Was sagen Sie dazu?

Lassen Sie mich folgenden Vergleich ziehen: Wir befinden uns in der Mitte eines Tunnels. Wir können zum Eingang zurückkehren, zu den nationalen Währungen, oder zum Ausgang, zu mehr Integration. Viele deutsche Ökonomen verhalten sich, als ob sie in der Mitte des Tunnels verharren wollten und darauf hofften, dass er verschwindet. Das ist keine sehr hilfreiche Haltung. Ich hoffe, dass wir die politische Kraft aufbringen und es zum Ausgang schaffen. Wenn wir dies nicht tun, müssen wir uns ernsthaft fragen, ob wir nicht wie Flassbeck zum Eingang zurückkehren wollen.

Die Wutökonomen betonen immer wieder, die Verträge von Maastricht seien verletzt worden. Das stimmt doch, oder?

Formal ist kein einziger Vertrag gebrochen worden.

Auch die viel zitierte No-Bail-out-Klausel nicht?

Nein. Dabei geht es darum, dass kein automatischer Anspruch auf die Haftung anderer Länder besteht. Aber man kann kein Land rechtlich daran hindern, einem in Not geratenen Mitgliedsstaat unter die Arme zu greifen.

Was ist mit der EZB? Eine Funktion als «Lender of Last Resort» ist im Maastrichtvertrag nicht vorgesehen.

Es ist aber auch nicht explizit verboten. Ohne die Lender-of-Last-Resort-Funktion gibt es kein stabiles Finanzsystem. Das weiss man schon seit dem Jahr 1873, in dem Walter Bagehot sein berühmtes Buch «Lombard Street» publizierte.

Ist das nicht juristische Haarspalterei? Wäre es nicht klüger, endlich reinen Tisch zu machen und zu sagen: Okay, die Statik des Europa-Hauses ist falsch berechnet worden. Jetzt müssen wir nachbessern.

Mit diesem Vergleich bin ich einverstanden. Wir haben drei Optionen: Wir können unzählige Stützwände einziehen, wir können neu bauen, will heissen: die fiskalische Integration vorantreiben, oder wir entscheiden uns, dass jeder sein eigenes Haus baut. Gerade wenn wir die Schweiz anschauen, sehen wir, dass es nicht immer eine Freude ist, ein eigenes Haus, sprich eine eigene Währung zu haben.

Weshalb?

Die Schweizerische Nationalbank hat mittlerweile mehr als 400 Milliarden Franken Währungsreserven. Über den Wechselkurs haftet die Schweiz damit indirekt auch für die europäischen Schulden. Wäre die Schweiz Mitglied der Einheitszone, dann müsste sie ebenfalls haften, aber längst nicht in diesem Umfang. Und sie hätte erst noch einen vernünftigen Wechselkurs.

Soll die SNB also die 1.20-Franken-Untergrenze fallen lassen?

Im Gegenteil, ich würde sie nach oben setzen, etwa auf 1.35 Franken.

Dann wäre das Haftungsrisiko ja noch grösser!

Nein, Märkte sind wie Schafherden. Für sie macht es keinen Unterschied, wo der Zaun steht. Entscheidend ist, dass er stabil verankert ist. Die Schweizer Wirtschaft würde allerdings mit einer Untergrenze von 1.35 Franken ganz anders dastehen. Jetzt müssen die Schweizer Hotels ja bereits die Skipässe gratis abgeben, damit überhaupt noch jemand kommt.

Kehren wir zum Euro zurück. Wie kann er noch gerettet werden?

Als Erstes muss die Austeritätspolitik gestoppt werden. Sie treibt Länder wie Italien, Portugal und Spanien geradezu in eine Verelendungsspirale.

Die Märkte haben sich doch wieder merklich beruhigt.

Aber das Grundproblem, die konjunkturelle Abwärtsspirale, besteht doch weiterhin. Und solange diese weiterdreht, kriegt man auch die Staatsverschuldung nicht in den Griff. Es kommt zum sogenannten Sparparadoxon – die Schulden nehmen sogar zu.

Wie überwinden Sie das Totschlagargument, man kann Schulden nicht mit noch mehr Schulden bekämpfen?

Indem ich auf die USA verweise. Die machen das gar nicht schlecht. Die Amerikaner haben ein Defizit, das fast dreimal höher ist als das europäische. Trotzdem haben sie ihr Konjunkturprogramm durchgefahren. Jetzt zeichnet sich allmählich der Erfolg ab: Die Häuserpreise haben sich stabilisiert, die Wirtschaft kommt langsam in Fahrt. Und vergessen Sie nicht: In den USA liegt die Arbeitslosigkeit bei 7,8 Prozent, im Euroraum bei 11,6 Prozent.

Warum kann man bei uns über Staatsschulden nicht vernünftig diskutieren?

Weil das Thema in Deutschland völlig tabuisiert und neurotisiert ist.

Keine guten Voraussetzungen für ein Überleben des Euro.

Wenn wir nicht massiv umdenken, dann sind die Chancen für den Euro tatsächlich nicht so gut.

Angenommen, es kommt nicht zu einem Umdenken.

Dann ist eine politische und wirtschaftliche Katastrophe nicht mehr auszuschliessen.

Also doch zurück zur D-Mark?

Das würde bedeuten, dass Deutschland in ähnliche Schwierigkeiten geraten würde, wie sie heute Japan hat. Unternehmen wie Sony, Panasonic etc. leiden unter einem starken Yen.

Braucht es also einen allgemeinen Schuldenerlass für die Defizitländer?

Das einzige Land, das einen Schuldenerlass braucht, ist Griechenland. Die anderen kommen aus eigener Kraft zurecht. Wenn Spanien und Italien ihr Geld zu drei bis vier Prozent kriegen, dann schaffen die das.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.11.2012, 08:40 Uhr)

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Einer der fünf Wirtschaftsweisen
Der 59-Jährige ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Er ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der fünf «Wirtschaftsweisen», die die deutsche Regierung beraten. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben. Sein letztes trägt den Titel «Zurück zur D-Mark?» und ist soeben im Droemer-Verlag erschienen.

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