Wirtschaft
Indien tritt in Chinas Spur
Mit einer Liste der Superlativen zu starten, wäre einfach. Indien und China, die beiden aufstrebenden Wirtschaftsmächte in Asien, schreiben schier unglaubliche Zahlen punkto Marktgrösse, sie haben ein riesiges Wachstumspotenzial in den unterschiedlichsten Industrie- und Konsumbereichen. Sie haben auch ökonomische Grössenvorteile, die kaum ein anderes Land vorweisen kann. Der fulminante Aufstieg dieser beiden asiatischen Länder ist die derzeit signifikanteste Schubkraft in der Weltwirtschaft.
Die zunehmende Präsenz von «Chindia» auf der internationalen Bühne wird die Spielregeln auf den Weltmärkten auch in den nächsten Jahren umschreiben. Es waren die Schwellenländer mit China und Indien an der Spitze, die im Anschluss an die Finanzmarktkrise 2008 und die schwerste Rezession seit den Dreissigerjahren Europa, Japan und die Vereinigten Staaten durch ein robustes Wirtschaftswachstum gestützt haben und die den etablierten Industriestaaten im Westen nun als wachstumsträchtiger Absatzmarkt gelten. «Chindia» allein hat 2009 auf kaufkraftbereinigter Basis mehr als 30% des Weltwirtschaftswachstums gestemmt.
Im Hintertreffen
Vergleiche zwischen diesen beiden rasch wachsenden Schwellenmärkten und ehemals historischen Erzfeinden erfreuen sich grosser Popularität. Oft werden sie aber den Charakteristiken dieser beiden sehr unterschiedlichen Ländern nicht gerecht, zumal Indien und China in der Vergangenheit ein anderes Wirtschaftsmodell verfolgt haben. Chinas Wirtschaft war und ist auf verarbeitende Industrien und Export ausgerichtet, Indien auf den Dienstleistungssektor.
In ihrer volkswirtschaftlichen Entwicklung stehen die zwei Riesenreiche denn auch an anderen Punkten. Im Grunde fallen daher Vergleiche zwischen dem Reich der Mitte und Indien meistens zu Ungunsten der Inder aus. Denn China startete seine ersten Wirtschaftsreformen viel früher, bereits 1978, Indien dagegen schlug den Reformweg erst dreizehn Jahre später ein.
Chinas Reformerfolg ist heute unübersehbar, obwohl die beiden Länder 1991 wirtschaftlich noch fast gleichauf lagen: Das chinesische Bruttoinlandprodukt überstieg zum Beispiel Ende 2009 das indische um rund das Vierfache. Das Pro-Kopf-Einkommen ist im Reich der Mitte etwa drei Mal höher. Inklusive Hongkong weist Chinas Aktienmarkt eine gut vier Mal höhere Marktkapitalisierung auf als die Börse Mumbai.
Renditeträchtiger als China-Aktien
Neben der Korruption und der umständlichen Bürokratie, die Indiens Unternehmer im Gegensatz zu Chinas Kommandowirtschaft oft bremst, gibt es etliche Gründe, die ansatzweise erklären, weshalb die weltgrösste Demokratie in den letzten zwanzig Jahren hinter der Volksrepublik zurückgeblieben ist: eine sträflich vernachlässigte Infrastruktur, eine tiefere Sparrate und weniger Direktinvestitionen der Ausländer, um nur einige zu nennen. Auch wenn dem US-Wertschriftenhaus Morgan Stanley zufolge die ausländischen Direktinvestitionen in Indien gemessen am Bruttoinlandprodukt nun höher sind als in China oder Brasilien, auf absoluter Basis zieht das Reich der Mitte noch immer weit mehr Kapital aus dem Ausland an.
Chinas Vorsprung erklärt sich durch den Reformdruck, der unter anderem aus demografischen Gründen in den Siebziger- und Achtzigerjahren höher war als der in Indien. Zudem hat der Subkontinent sich später in den Globalisierungstrend eingereiht und sich daher nachträglich in die Weltwirtschaft eingebracht.
Trotzdem sticht Indien in einem Punkt aber China klar aus: Über die letzten achtzehn Jahren waren Engagements in indischen Titeln, gemessen an den MSCI-Länderindizes, weitaus renditeträchtiger als Investments in China-Aktien. Wenngleich China als das Wirtschaftswunderland gilt, seine Börsenhistorie ist letztlich eine Geschichte langer Durststrecken.
Der «Elefant» holt auf
Der «Drache» und der «Elefant», sie sind ein ungleiches Paar. Beide Wirtschaftsmodelle haben Vor- und Nachteile. Doch Indiens Makrostory spiegelt jetzt in einigen Wirtschaftsbereichen das China vor ungefähr zehn bis fünfzehn Jahren. In Delhi ist der Reformeifer erwacht, auf der Reformagenda stehen vermehrt Privatisierungen, die Infrastruktur wird ausgebaut und modernisiert, während sich das Bildungssystem verbessert. Das Land, das gegenüber Asiens flink wachsenden Wirtschaften lange Zeit als behäbig erschien, in der Dienstleistungs- und Informationstechnologiebranche jetzt aber von der Sprungkraft eines Tigers strotzt, hat den Tempoabstand zu Chinas Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren stetig verringert.
Und wer sagt denn, dass Elefanten nicht auch tanzen können? Indien hat einen besser entwickelten Kapitalmarkt und ein fortschrittlicheres Bankenwesen, in der Wertschöpfungskette steht es dank der Sprachvorteile des Englischen höher als China. Die Marktdurchdringung von Konsumgütern wie Fernseher oder Autos ist geringer, was wie im Infrastrukturbereich den Nachholbedarf und das Wachs- tumspotenzial zeigt. Auch die Demografie spricht für Indien. Es hat mehr junge Einwohner und wird in den nächsten Jahren mehr Menschen in den Arbeitsprozess einbringen als China.
Das Reich der Mitte dagegen muss sein überwiegend von Export und Investitionen gestütztes Wirtschaftsmodell auf ein künftig mehr vom Binnenkonsum getriebenes umlenken. Dieser Strukturumbau wird in der nächsten Dekade ein langsameres Wachstumstempo nach sich ziehen als von 1990 bis 2010. Indien dürfte daher bald zu Chinas Wachstumsgeschwindigkeit aufschliessen, wenn nicht in ein paar Jahren sogar schneller expandieren. (Finanz und Wirtschaft)
Erstellt: 24.08.2010, 23:22 Uhr
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



