Ist den Deutschen der Euro wurst?

In Deutschland geht die Sehnsucht nach der guten alten D-Mark um. Sie würde Europa ruinieren. Und Deutschland dazu.

Vermisst: Mit der Anbindung an die alte D-Mark soll alles wieder gut werden.

Vermisst: Mit der Anbindung an die alte D-Mark soll alles wieder gut werden. Bild: Keystone

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«Dass der Euro zerfällt, ist nicht undenkbar, nur sehr teuer», stellt der «Economist» lakonisch fest. Besser kann man die zunehmend chaotischer werdende Situation in Euro-Europa nicht auf den Punkt bringen. Eine Mischung aus ökonomischer Ignoranz, Nationalismus und fehlender Entschlossenheit ist im Begriff, die Zukunft der Einheitswährung ernsthaft auf Spiel zu setzen.

In Deutschland hat Hans-Olaf Henkel, ehemaliger Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, soeben sein Buch vorgestellt mit dem Titel «Rettet unser Geld». Dieses Versprechen will Henkel einlösen, indem er die Einheitswährung aufspaltet in einen Süd- und in einen Nord-Euro. Die Logik dahinter ist simpel: Im Club des harten Nord-Euro scharen sich die Tüchtigen um die ehemalige D-Mark und werden dafür mit tiefen Zinsen belohnt. Im Verein des weichen Süd-Euro versammeln sich die Disziplinsünder, können abwerten, aber werden dort mit hohen Zinsen bestraft. So erhält jeder, was er verdient hat, und alles wird gut.

Schlechte Aussichten

In der Theorie tönt das einfach, die Realität ist leider viel komplexer. Henkels Rechnung geht weder wirtschaftlich noch politisch auf. Eine Aufspaltung des Euro wäre de facto eine Rückkehr zur D-Mark. Das würde bedeuten, dass die deutschen Wirtschaft sofort mit einer massiven Aufwertung rechnen müsste. Bei allem Respekt vor deutscher Ingenieurskunst: Ob Mercedes, VW, BMW & Co. mit einer solchen Aufwertung – Experten sprechen von bis zu 40 Prozent – zurechtkämen, ist höchst unklar. Wahrscheinlich ist, dass die auf Export getrimmte deutsche Wirtschaft arg in Bedrängnis geraten würde. Die deutschen Banken müssten darauf zweistellige Milliardenbeträge abschreiben, denn niemand kann sich vor-stellen, dass Zweitklass-Club Süd-Euro je in der Lage sein würde, seine Schulden in harter Nord-Euro zu begleichen.

Wer hat überhaupt ein Interesse daran, dem Nord-Euro-Club beizutreten? Jede Regierung, die sich dafür entscheidet, mutet ihrer Wirtschaft den «deutschen» Aufwertungsschock zu. Wollen das die Österreicher wirklich? Oder die Finnen und Slowenen? Vor allem aber: Wollen das die Franzosen? Sie haben Erfahrung, was das bedeuten würde. In den Zeiten vor der Einführung des Euro hat Frankreich den Franc an die D-Mark gebunden und die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank überlassen. Das hat zwar die Inflation gezähmt und Abwertungen verhindert, Frankreich jedoch eine zweistellige Arbeitslosenquote und eine jahrelang stagnierende Wirtschaft eingebracht. Zudem wäre es für Frankreich bitter, nur Nummer zwei im Nord-Club zu sein.

Der Stossdämpfer Europas

So weit die Lage. Aber eine Mehrheit der Deutschen sehnt sich nach wie vor nach einer Rückkehr der D-Mark. Deshalb ist das Flirten mit einem Nord- und Süd-Euro mehr als nur eine dumme Idee. Es ist populäre und deshalb gefährliche Idee. Eine Aufteilung des Euro wäre nicht nur ein technischer Albtraum, es wäre auch das Ende der EU. Bundeskanzlerin Angela Merkel betont zwar bei jeder Gelegenheit, dass die Zukunft des Euro und die Zukunft der Europäischen Gemeinschaft untrennbar miteinander verknüpft sind. Doch unternimmt sie nichts, um diese Worte auch mit Inhalt zu füllen. Ihr Vorgänger Helmut Kohl mag nichts von Ökonomie verstanden haben. Als geborener Politiker begriff er aber, dass Deutschland nicht irgend-ein europäischer Staat ist. Deutschland fällt in Europa die Rolle eines Stossdämpfers zu, der die wichtigen Schocks abfedert. Kohl hätte niemals zugelassen, dass Politik und Debatte zum Euro so aus dem Ruder laufen.

Otto von Bismarck hat einst gesagt, dass man beim Essen von Würsten nicht unbedingt wissen will, wie sie hergestellt wurden. Nach dieser Devise hat die US-Notenbank im Herbst 2008 nach dem Kollaps von Lehman gehandelt und mit teils anrüchigen Methoden das Finanzsystem gerettet. In der Eurokrise sind wir nicht mehr allzu weit von einem solchen «Lehman-Moment» entfernt. Höchste Zeit also, dass Angela Merkel sich an Bismarcks Rat hält – und montags handelt, wie sie sonntags spricht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2010, 22:32 Uhr

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