Ist es mit dem Wachstum vorbei?

Technische Innovationen würden nicht mehr die grossen Schritte nach vorn ermöglichen wie noch im letzten Jahrhundert, beobachten Ökonomen. Die Folgen davon könnten heftig ausfallen.

Die technische Revolution schafft relativ wenig, begehrte Arbeitskräfte: Arbeitssuchende vor dem Eingang einer Jobmesse in Los Angeles. (24. November 2011)

Die technische Revolution schafft relativ wenig, begehrte Arbeitskräfte: Arbeitssuchende vor dem Eingang einer Jobmesse in Los Angeles. (24. November 2011) Bild: Mario Anzuoni/Reuters

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Tomáš Sedláček erklärte gestern im Interview mit dem «Tages-Anzeiger»: «Der Kapitalismus hat einen Teil seines Versprechens eingelöst. In Europa verhungern die Menschen nicht mehr, und sie können in Würde alt werden. Aber es gibt auch so etwas wie eine Wohlstands-Glasdecke. Mehr als zwei Autos oder iPads kann man nicht sinnvollerweise brauchen. Wir stossen an diese Glasdecke, doch eigenartigerweise sind wir damit nicht zufrieden. Wir freuen uns nicht und sagen: Super, Problem gelöst. Stattdessen grämen wir uns und fragen: Wie können wir weiter und schneller wachsen? Wir haben deshalb keine Krise des Kapitalismus, sondern eine Krise des Wachstumskapitalismus.» Damit brachte der neue Star am Ökonomenhimmel die wohl brennendste Frage der Zukunft auf den Punkt: Kann unsere Wirtschaft überhaupt noch weiter wachsen?

Bisher wurde die Frage nach den Grenzen des Wachstums primär aus Sorge um die Umwelt gestellt. Doch es gibt nicht nur ökologische Bedenken, sondern auch technische. Robert J. Gordon, Professor für Sozialwissenschaften an der amerikanischen Northwestern University, hat dazu ein Buch mit dem Titel «Beyond the Rainbow» veröffentlicht. Seine Kernthese lautet: Einen mit den beiden bisherigen industriellen Revolutionen vergleichbaren Wachstumsschub wird uns die dritte industrielle Revolution, die digitale, nicht mehr bescheren. Die entwickelten Staaten müssen sich deshalb auf eine lange Phase eines mickrigen Wachstums einrichten.

Die dritte industrielle Revolution wird überschätzt

Gordon begründet seine These wie folgt: Das Wachstum des 20. Jahrhunderts – in den USA betrug es durchschnittlich jährlich rund zwei Prozent – sei ein einmaliges Phänomen gewesen. Er denkt dabei an Entdeckungen wie den elektrischen Strom oder Erfindungen wie den Verbrennungsmotor, das Telefon, die Klimaanlage, den Kühlschrank und die Waschmaschine. «Der grosse Schub, den diese Erfindungen dem Wirtschaftswachstum verliehen, ist schwer zu wiederholen», schreibt Gordon in einem Beitrag im «Wall Street Journal».

Die dritte industrielle Revolution werde hingegen überschätzt. «Der Höhepunkt der Hochzeit zwischen Kommunikation und Computer war erreicht, als sich ab den 90er-Jahren das Internet verbreitete. Amazon.com wurde 1994 gegründet, Google 1998 und Wikipedia 2001», stellt Gordon fest. «Seit 2002 allerdings führten die meisten Computerinnovationen nicht mehr zu fundamentalen Transformationen, sondern zu Miniaturisierung – so wie bei Smartphones, welche die Fähigkeiten von Laptops vor dem Jahr 2002 mit Fähigkeiten von Mobiltelefonen verbinden.» Sein Fazit lautet deshalb: «Ich sage kein Ende der Innovationen voraus, sondern eine sinkende Nützlichkeit künftiger Erfindungen im Vergleich zu den grossartigen Erfindungen der Vergangenheit.»

«Diese Errungenschaften können nicht wiederholt werden»

Gordon ist keine einsame Stimme in der Wüste. Selbst im Epizentrum der digitalen Revolution, im Silicon Valley, werden ähnliche Bedenken laut. Einer dieser Kritiker ist Peter Thiel, Mitbegründer von Paypal, Förderer von Facebook und Vordenker der IT-Szene. Zusammen mit dem Schachweltmeister Garry Kasparov hat er kürzlich einen Beitrag in der «Financial Times» veröffentlicht. «Der riesige Wohlstand stammt von technischen Errungenschaften, die nicht wiederholt werden können», stellen die beiden fest.

Wenn bislang das von technischen Neuerungen getriebene Wachstum mit der Schaffung von Arbeitsplätzen verbunden war, so relativiert sich dies heute. Tatsächlich ist die Bilanz der IT-Industrie, was Wachstum und Arbeitsplätze betrifft, durchzogen. Während rund um die Konzerne der zweiten industriellen Revolution ganze Städte entstanden – in der Schweiz etwa Chemie/Basel, Sulzer/Winterthur oder Brown Boveri/Baden –, schaffen Facebook, Google & Co. relativ wenige Arbeitsplätze, die sie zudem in gigantischen Supply Chains rund um den Erdball verteilen. Und so gesellt sich heute zur Wachstumsfrage auch die Sorge um die Arbeitsplätze. Stehen wir gar vor einer neuen Ära der Massenarbeitslosigkeit?

Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz

Diese Frage stellt sich auch Paul Krugman in der «New York Times». Die Antwort darauf wird die Entwicklung der künstlichen Intelligenz liefern. Bisher war sie eine grosse Enttäuschung. Die hochgestellten Erwartungen der Nachkriegszeit wurden niemals erfüllt, In den 80er-Jahren kam es deshalb zu einem «Winter der künstlichen Intelligenz». Doch seit einigen Jahren herrscht Tauwetter. Auf einigen Gebieten wie beispielsweise der Spracherkennung wurden sehr grosse Fortschritte gemacht. Der künstliche Helfer beim iPhone, Siri, ist bloss der erste Schritt. «Computer können neuerdings intelligente Resultate liefern, indem sie Muster in den riesigen Datenbeständen erkennen», schreibt Krugman.

Wenn es gelingen sollte, diese neuen Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz mit menschlicher Arbeit zu verbinden, dann wird auch das Wachstumsproblem zumindest technisch gelöst sein. «Maschinen werden dann in der Lage sein, viele Aufgaben zu erledigen, die heute noch sehr viel menschliche Arbeit benötigen», stellt Krugman fest. «Das bedeutet, dass die Produktivität, und damit die gesamte Wirtschaft, rasch wachsen wird.»

Die kommenden Jahre werden zeigen, wer recht bekommt: die Techno-Pessimisten oder die Techno-Optimisten. Wie immer der Ausgang auch erfolgen mag, ein Problem bleibt: Wie werden wir Wohlstand und Arbeit neu verteilen, um eine verheerende Massenarbeitslosigkeit zu verhindern? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.12.2012, 18:23 Uhr)

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