Japan als Menetekel für die Welt
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 02.11.2009
Japan ist das Land mit den höchsten Staatsschulden der Welt. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass die Schuldenlast dieses Jahr auf 218 Prozent des Bruttoinlandprodukts steigen wird. In fünf Jahren sollen es gegen 250 Prozent sein. Das bedeutet, dass die Staatsschulden zweieinhalbmal so hoch sein werden, wie der Wert aller jährlich im Land produzierter Güter und Dienstleistungen. Trotzdem hat die neu gewählte Regierung von Yukio Hatoyama eben nochmals Schulden in der Höhe von 550 Milliarden Dollar beschlossen. Kann das gut gehen?
Nein, sagen geldpolitisch konservative Kritiker. Die britische Tageszeitung «Daily Telegraph» zitiert Carl Weinberg vom Think-Tank High Frequency Economics: «Die Situation ist nicht mehr zu retten. Es gibt keinen geordneten Rückzug mehr. Die Japaner werden ihr Defizit nicht mehr finanzieren können. Es wird zu einem Bankrott der Staatskasse kommen, die Pensionskassen werden Haare lassen müssen und Bankzusammenbrüche werden die Welt erschüttern. Es ist kriminell, dass die Ratingagenturen nicht schon längst auf diese Situation aufmerksam machen.»
Noch immer günstige Geldaufnahme
Auf dem Markt macht sich tatsächlich eine gewisse Verunsicherung breit. Der Preis für sogenannte Credit default swaps (CDS) für fünfjährige japanische Schulden ist deutlich angestiegen. Andererseits kann die Regierung immer noch sehr günstig Geld aufnehmen. Die Rendite zehnjähriger Staatsobligationen liegt bei sehr bescheidenen 1,4 Prozent. Japan leidet auch nicht unter einer Inflation, sondern einer Deflation und der Yen hat gegenüber dem Dollar und dem Renminbi deutlich zugelegt. Kann es sein, dass Japans Situation doch nicht so schlimm ist?
Davon ist Richard Koo überzeugt. Er ist Chefökonom bei der Nomura Bank und einer der besten Kenner der japanischen Verhältnisse. Seine Analyse der japanischen Krise («The Holy Grail of Macroeconomics») gilt als führend und soll auch das Denken der ökonomischen Berater von Präsident Obama beeinflussen. Koo stellt die im Westen gängige Vorstellung über die japanische Krise auf den Kopf. Er spricht über die Neunzigerjahre nicht von einem «verlorenem Jahrzehnt», sondern er bezeichnet es als ein Wunder, dass Japan eine Grosse Depression vermeiden konnte.
Die Blase aller Blasen
Tatsächlich ist in Japan eine Blase geplatzt, die alles bisher Bekannte übertrifft. Zur Erinnerung: Der Nikkei-Index lag einst bei rund 40'000 Punkten. Heute sind es weniger als 10'000. Und allein das Gelände des kaiserlichen Palastes in Tokio war Ende der Achtzigerjahre mehr wert als alles Bauland Kaliforniens zusammen genommen. Das Platzen dieser Blase hat eine sogenannte «balance sheet recession», eine Bilanz-Rezession ausgelöst. Wegen dem Crash auf den Aktien- und Immobilienmärkten beginnen Firmen statt einer Gewinnmaximierung, eine Schuldenminimierung zu betreiben. So können sie ihre Zinszahlungen reduzieren. Als Folge sacken Nachfrage und Investitionen ab.
Die Bilanz-Rezession unterscheidet sich von einer zyklischen Rezession dadurch, dass Unternehmen und Privathaushalte massiv verschuldet, ja de facto bankrott sind. In dieser Situation wird die Geldpolitik der Notenbank wirkungslos. Selbst bei tiefsten Zinsen sind Kredite gar nicht erwünscht, weil die Unternehmen und Privathaushalte nur das Ziel haben, Schulden abzubauen. Den Zusammenbruch der privaten Nachfrage kann nur der Staat ausgleichen. Wenn er dies unterlässt, ist eine Depression unausweichlich.
Wie Nippon, so der Rest der Welt
Japan hat die Massenarbeitslosigkeit der Grossen Depression verhindert, dafür eine hohe Staatsverschuldung in Kauf genommen. So gesehen hat sein Schicksal Modellcharakter. Heute befindet sich nämlich nicht nur Japan, sondern der gesamte Westen in einer Balance sheet recession. Beispiel USA: Die Regierung hat mit einer Rekordverschuldung den Absturz in eine Depression verhindern können. Im letzten Quartal ist die amerikanische Wirtschaft wieder mit 3,5 Prozent gewachsen. Ohne das Konjunkturpaket von 787 Milliarden Dollar wäre das unmöglich gewesen. Doch die USA haben gleichzeitig eine Arbeitslosenquote von rund 10 Prozent. 3,5 Prozent Wachstum ist zu wenig, um da rasch Abhilfe zu schaffen. Die Regierung wird deshalb, genau wie Japan, die Wirtschaft noch weiter stimulieren müssen.
Beispiel Deutschland: Im Wahlkampf hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne die «schwäbische Hausfrau» als Vorbild für Sparsamkeit zitiert. Jetzt hat sie gute Chancen, als grösste Schuldenkanzlerin in die deutsche Geschichte einzugehen. Sie hat nämlich beschlossen, die Steuern zu senken, nicht aber die Staatsausgaben. Das bedeutet, dass der deutschen Staatskasse nächstes Jahr ein Defizit in der Höhe von 100 Milliarden Euro droht. Auch Merkel setzt auf das Mittel der Staatsschulden, um eine Depression zu vermeiden.
Japan als neues Vorbild
In den Achtzigerjahren war die japanische Wirtschaft das bewunderte Vorbild für den Westen. Scharenweise pilgerten Manager nach Nippon, um die Kunst des japanischen Managements zu erlernen. Möglich, dass Japan nun wieder zum Vorbild wird. Heute kann der Westen lernen, wie man eine Depression vermeidet, ohne das der Staat bankrott geht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.11.2009, 15:10 Uhr
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