Wirtschaft

Japans Industrie drohen Kunden abzuspringen

Von Christoph Neidhart. Aktualisiert am 16.04.2011 7 Kommentare

Im Land, das die Just-in-time-Produktion erfunden hat, kommt es seit der Katastrophe zu grossen Versorgungsengpässen. Die Regierung beschwichtigt. Viele grossen Firmen fürchten sich aber vor den Folgen.

Bringt die Autoindustrie ins Stocken: Der Tsunami zerstörte nicht nur in Ibaraki unzählige Neuwagen.

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Bild: Keystone

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Das Erdbeben, der Tsunami und die Atomkatastrophe haben die Geschäfte von fast 60 Prozent aller grösseren japanischen Firmen beeinträchtigt. Viele der Unternehmen klagen über Produktionsunterbrechungen und Lieferengpässe, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters bei 400 Firmen ergab. So sind mehr als 30 Werke bedeutender japanischer Präzisionsinstrumente- und IT-Firmen vom grossen Erdbeben im März beschädigt worden. Nach einem Monat arbeiten etwa 80 Prozent von ihnen wieder, allerdings die wenigsten mit voller Leistung. Der Kamera-Konzern Canon meldet zum Beispiel, damit sei erst Ende April zu rechnen. Da auch die Anlagen kleiner Zulieferer Schaden nahmen, wird es über längere Zeit zu Engpässen in der Versorgung mit Elektronikkomponenten kommen. Und das nicht nur im Erdbebengebiet.

Einen oder wenige Zulieferer

Japanische Unternehmen stützen sich gerade bei heiklen Komponenten auf wenige oder sogar einen einzigen Unterlieferanten. Zu ihm bauen sie eine enge Vertrauensbeziehung auf, die über Jahre bestehen bleibt. Das wird ihnen jetzt zum Verhängnis. So fehlen Canon für Digitalkameras etwa hundert Einzelteile. Deshalb musste die Firma ihre Kameraherstellung auf der Westinsel Kyushu stoppen, 1400 Kilometer westlich vom Erdbebengebiet. Analysten erwarten, Canon werde dieses Geschäftsjahr mit Gewinneinbussen von 27 Prozent rechnen müssen. Olympus stellt im Erdbebengebiet in zwei Werken medizinische Endoskope her; beide wurden beschädigt. Die Firma beherrscht 70 Prozent des weltweiten Endoskop-Marktes.

Dem oberflächlichen Betrachter scheinen Iwate, Miyagi und Fukushima, die Präfekturen, die vom Erdbeben und Tsunami am schwersten getroffen wurden, ländlich geprägt. Aber in den Buchten an der Küste und im bergigen Hinterland ist viel hoch spezialisierte Industrie angesiedelt: Fujitsu betreibt in der Region fünf Halbleiterwerke. Es dauerte mehr als drei Wochen, bis das Unternehmen alle wieder anfahren konnte. Für Reparaturen und als Anschubhilfe haben Firmen aus der Region im März bereits über sieben Billionen Yen Notkredite aufgenommen, 75 Milliarden Franken. Das Schlimmste stehe aber noch bevor, schreibt die Wirtschaftszeitung «Nikkei». Die Produktion mancher kleiner Zulieferer werde lange unterbrochen bleiben. Tomiyama Pure Chemical betrieb ein Werk in der Sperrzone hinter dem havarierten AKW. Niemand darf jetzt aufs Gelände, nicht einmal, um Unterlagen zu holen. Tomiyama produziert eine Elektrolytlösung für die Halbleiterbranche und hat einen weltweiten Marktanteil von 50 Prozent.

iPhone-Produktion betroffen

Viele der in Nordostjapan hergestellten Hightechkomponenten werden in Taiwan, Korea, China und auch in Europa weiterverarbeitet. Obwohl das iPhone in China zusammengebaut wird, stammen Komponenten für 60 US-Dollar aus Japan, mehr als aus jedem anderen Land.

Einige dieser Komponenten sind jetzt knapp. Taiwan Semiconductor, der grösste Halbleiterhersteller der Welt, hängt ebenfalls von Komponenten aus Japan ab. Zwei Firmen, Hitachi Chemical und Mitsubishi Gas, produzieren 90 Prozent aller BT-Resins – Kunststoffplatten, auf denen in Mobiltelefonen die Elektronik montiert ist. Beide haben ihre Fabriken im Erdbebengebiet. Auch anisotropischer Film, eine Kontaktschicht für Smartphone-Bildschirme, wird nur von zwei Firmen in dieser Region hergestellt: Hitachi und Sony mit einem Weltmarktanteil von zusammen 90 Prozent. Der Autoindustrie geht es nicht besser. Einerseits hat der Tsunami Stahlwerke von Nippon Steel in Kamaishi und von Sumitomo Metal in Ibaraki überflutet. Letzteres konnte nach zwei Wochen wieder angefahren werden, in Kamaishi wird es noch lange dauern. Sumitomo Metal sagt, die Verluste und Ausfälle beim Stahl würden die Firma umgerechnet 640 Millionen Franken kosten.

Toyota ( 76.8 -0.52%) kündigte am Freitag an, bis mindestens 3. Juni könnten die Werke in Japan nur mit halber Kraft produzieren. Der zusätzliche Produktionsausfall beträgt 120'000 Fahrzeuge. Bislang belief sich dieser auf 260'000 Autos. In Frankreich, England, Polen und der Türkei wird Toyota bald für zehn Tage Werke schliessen, weil der Komponentennachschub nicht klappt. Der Autokonzern gilt als Erfinder der Just-in-time-Produktion. Er unterhält keine Lager, die Unterlieferanten sollen stets genau jene Teile und genau so viele liefern, wie Toyota braucht. Damit spart man Kosten, ein Erfolgsrezept der Japaner. Doch damit ist man in Krisen auch anfälliger.

Drei Bierbrauereien zerstört

Grosse Schäden erlitt auch die Leichtindustrie. Drei der vier Top-Bierbrauer betreiben in der Erdbebenregion Brauereien; alle drei wurden zerstört. Sapporo Bier sagt, frühestens im Juni könne ein Teil der Produktion wieder angefahren werden, Asahi rechnet mit dem Hochsommer und Kirin mit September.

Obwohl die Regierung optimistisch meint, Japans Wirtschaft werde den Schock der Katastrophe binnen eines halben Jahres überwinden, fürchten viele Firmen langfristige Folgen. Etwa, sie könnten Kunden verlieren: Der Elektronikkonzern Samsung, ( 239.5 -2.17%) ein wichtiger Abnehmer japanischer Komponenten, hat begonnen, anderswo Ersatz zu suchen. Das beunruhigt die Japaner: Werden Kunden wie Samsung das Risiko künftig auf mehrere Lieferanten verteilen? Zumindest Teile des Geschäfts kämen dann nicht mehr zurück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2011, 15:31 Uhr

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7 Kommentare

Andreas Kraneis

16.04.2011, 07:17 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Dass man mit Just-in-Time-Produktion Kosten spart, ist aus volkswirtschaftlicher Sicht Augenwischerei. Tatsächlich ist es die Allgemeinheit, die diese Kosten trägt, weil die Autobahnen zu Lagerstätten werden. Die Folgen bei Produktionsunterbruch sind dann noch verheerender. Und auch die trägt die Allgemeinheit in Form von Versicherungsprämien. Antworten


peter keller

16.04.2011, 18:15 Uhr
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sind denn die neu gelieferten Autos aus Japan nicht alle verstrahlt? Habe gelesen dass anderswo schon Schiffsladungen unerlaubt strahlender Autos auf dem Zwischenlager gelandet sind. Werden wir jetzt mit verstrahlten Autos überschwemmt? Kann man deshalb keine Geigerzähler kaufen, weill die Atomlobby und die Staatsmacht die Selbstkontrolle unterbinden will? Alles ziemlich bedrohlich! Antworten



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