«Jetzt kann ich sagen, wer die Halunken sind»

Es gibt heute genug Nahrung für zwölf Milliarden Menschen, sagt Jean Ziegler. Wenn dennoch Menschen verhungern, sei das organisiertes Verbrechen. Die Haupttäter sind nach Ziegler die Spekulanten.

«Mein Buch ist auch ein Buch der Hoffnung»: Jean Ziegler, ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter. (Archivbild)

«Mein Buch ist auch ein Buch der Hoffnung»: Jean Ziegler, ehemaliger UNO-Sonderberichterstatter. (Archivbild) Bild: Keystone

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Jean Ziegler, warum haben Sie gerade jetzt ein Buch über Hunger geschrieben?
Mein Mandat als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung ist zu Ende. Das Buch ist eine Art Fazit dieser Tätigkeit.

Und wie lautet Ihr Fazit?
Ich kann endlich sagen, wer die Halunken sind. Weil ich täglich mit grossen Konzernen, dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und vielen Staatschefs zu tun hatte, musste ich zuvor lange schweigen.

Als Schweiger sind Sie nicht bekannt. Ist Ihnen das schwergefallen?
Sehr. Wenn ich beispielsweise in Guatemala ärmste Maya-Bauern besuchte und grossartig mit den weissen Toyotas, den blauen UNO-Fahnen und dem ganzen Tross vorgefahren bin, dann fühlte ich mich oft wie ein Verräter. Die Menschen schauten mich mit Hoffnung in ihren Augen an, und ich wusste, dass ich ihre Hoffnungen nicht erfüllen würde. Wenn ich das Einzige verlangt habe, das ihnen hilft – eine Landreform –, dann wusste ich, dass ich damit keine Chance hatte und dass der Vorschlag drei Monate später in New York abgeschmettert würde.

Das tönt sehr desillusioniert.
Das bin ich nicht. Mein Buch ist auch ein Buch der Hoffnung. Ich zeige auch, wo die Waffen des Widerstands gegen die kannibalische Weltordnung zu finden sind. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wäre heute nämlich eine Welt ohne Hunger möglich. Gemäss Angaben der Welternährungsorganisation gibt es auf dem Planeten genügend Nahrung für zwölf Milliarden Einwohner. Wenn heute immer noch Menschen verhungern, dann ist das ein organisiertes Verbrechen, ein Massenmord. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, eine Milliarde Menschen sind permanent schwerstens unterernährt.

Das Buch heisst «Wir lassen sie verhungern». Ich bin mir nicht bewusst, jemanden verhungern zu lassen.
Das stimmt, aber wir alle sind Komplizen. Wir lassen zu, dass multinationale Nahrungsmittelkonzerne und Spekulanten täglich darüber entscheiden, wer isst und lebt und wer hungert und stirbt. Es geht um den Zugang zur Nahrung. 1,2 Milliarden Menschen müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen.

Was kann der Einzelne dagegen tun? Geld spenden? Weniger Fleisch essen?
Sicher kann man sich fragen, ob man seinen Fleischkonsum nicht einschränken soll, wenn man weiss, dass rund ein Viertel des Getreides zum Füttern von Schlachtvieh verwendet wird. Aber hauptsächlich geht es darum, dass wir politisch tätig werden, um den Nahrungsmittelspekulanten und den Konzernen das mörderische Handwerk zu legen. Wir können das, wir leben in einer Demokratie.

Spekulation gibt es im Nahrungsmittelbereich seit Tausenden von Jahren. Was ist schlimm, wenn ein Bauer sich gegen Missernten versichert oder ein Bäcker seinen Mehlnachschub sicherstellt?
Nichts. Aber darum geht es auch nicht. Die Rohstoffspekulation von heute dient nicht diesem Zweck. Wenn wie jetzt in den USA ein Teil der Maisernte verdorrt, dann springen die Spekulanten auf diesen Zug auf und verstärken die Preisexplosion. Die Rohstoffmärkte sind «finanzialisiert» worden. Dabei verdienen Spekulanten Milliarden, während umgekehrt Millionen Menschen verhungern.

Wie könnte man diese Spekulation verhindern?
Indem alle Nicht-Produzenten und Nicht-Verbraucher von den Rohstoffbörsen ausgeschlossen würden, wenn also im übertragenen Sinn nur noch der Bauer und der Bäcker via Börse miteinander handeln würden.

Die Experten sind sich jedoch einig, dass gerade in Extremsituationen – Dürre, Überschwemmung, etc. – die Rohstoffmärkte offen und der Handel frei bleiben müssen. Bei der Hungerkatastrophe 2008 war es verheerend, dass einzelne Länder die Ausfuhr von Reis verhindert haben.
Hungerkatastrophen wie 2008 und 2011 sind zusätzliche Katastrophen zum alltäglichen Massaker des Hungers, zum sogenannten «Silent Hunger». Es ist richtig, dass damals grosse Reisexporteure wie Vietnam und Thailand die Grenzen dichtgemacht haben. Die Regierungen hatten Angst vor Aufständen im eigenen Land. Das ist verständlich. Aber für ein Land wie Senegal, das 75 Prozent seines Reisbedarfs importiert, war das eine Katastrophe.

Warum muss ein Land wie Senegal überhaupt Reis importieren? Nach wie vor besteht die überwiegende Mehrheit seiner Bevölkerung aus Kleinbauern.
Es ist eine Tatsache, dass in Prozent der Bevölkerung gesehen nirgendwo mehr Menschen hungern als in Afrika. Rund ein Drittel der Männer, Frauen und Kinder sind permanent unternährt.

Könnte man also nicht ein wenig provokativ sagen: Afrika leidet nicht wegen der Spekulanten, sondern weil es zu arm ist für die Spekulanten? Weil es für diese dort gar nichts zu verdienen gibt?
Nein, nein. Die Länder in Afrika haben grossartige Bauernzivilisationen mit einem grossen Wissen und einem äusserst fruchtbaren Boden.

Warum ist ausgerechnet Afrika der Kontinent, der am meisten von Hunger geplagt ist und der rund ein Viertel seiner Lebensmittel importieren muss?
Weil der koloniale Pakt nach wie vor in Kraft geblieben ist.

Ist das nicht ein bisschen schlicht gedacht? Der Kolonialismus ist seit mehr als einem halben Jahrhundert vorbei.
Aber es gibt nach wie vor eine kleine, von den reichen Ländern abhängige und äusserst korrupte Oberschicht. Nochmals der Senegal: Das Land exportiert Erdnüsse und importiert gleichzeitig drei Viertel seiner Nahrungsmittel.

Warum?
Weil der Kolonialpakt nie gebrochen wurde. Die senegalesischen Bauern werden gezwungen, weiterhin Erdnüsse anzubauen und zu exportieren, weil mit diesen Exporten die Auslandschulden bedient werden müssen. Gleichzeitig verhökert Europa seinen Nahrungsmittelüberschuss zu Dumpingpreisen auf den afrikanischen Märkten. Wie soll da der einheimische Kleinbauer überleben können?

Die afrikanischen Bauern sind nicht gerade sehr produktiv. Ihre Produktivität beträgt weniger als zehn Prozent der europäischen Landwirtschaft. Sind sie ganz einfach faul?
Im Gegenteil, es gibt kaum eine härtere Arbeit als Bauern in Afrika. Sie kommen auf keinen grünen Zweig, weil sie keinerlei Unterstützung erhalten: keine Bewässerung, keine Samen, keine Zugtiere, keine Traktoren, kein Kunstdünger, kein Garnichts.

Sind es aber nicht auch die fehlenden rechtsstaatlichen Institutionen der afrikanischen Länder, die Fortschritt und Wohlstand verhindern?
Es gibt ganz klar eine Strategie der multinationalen Konzerne, dafür zu sorgen, dass eine korrupte Oberschicht an der Macht bleibt, die verhindert, dass diese Institutionen entstehen.

Können Sie das belegen?
Im Kongo, einem Gebiet, das fast so gross ist wie Westeuropa und wo es riesige Bodenschätze gibt, wird Joseph Kabila, einer der korruptesten Diktatoren, den man sich überhaupt vorstellen kann, von den Rohstoffkonzernen unterstützt. Ebenso Paul Biya in Kamerun oder Campaoré in Ouagadougou. Einfache Bauern können daran nichts ändern. Sie haben keine Chance.

Was ist mit China? Profitieren die Afrikaner nicht von der neuen Konkurrenz aus Fernost?
Überhaupt nicht. China ist eine Diktatur, praktiziert eine neoliberale Wirtschaftspolitik und hat sich bestens ins System des Raubtierkapitalismus integriert. Peking unterstützt im Sudan eine scheussliche Diktatur in ihrem Vernichtungskrieg gegen die eigene Bevölkerung, weil es an den Ölvorkommen interessiert ist. Die Chinesen verhalten sich wie die westlichen Imperialisten im 19. Jahrhundert.

Nochmals zu den afrikanischen Kleinbauern. Sie müssen nicht nur gegen Diktatoren, sondern auch gegen die Klimaerwärmung kämpfen. Warum unterstützen wir sie dabei nicht mit Gentech-Pflanzen?
Um Gottes willen, nein! Erstens ist Gentechnologie für die Gesundheit gefährlich, und zweitens würde das diese Bauern geradewegs in die Finanzsklaverei von Agrokonzernen wie Monsanto führen. Die familiären Kleinbauern in Afrika könnten am produktivsten sein, wenn sie nur minimale Unterstützung erhielten. Das bestätigen alle Agronomen.

Ist das nicht eine sehr romantische Sicht? Das Leben dieser Bauern ist hart und eintönig.
Diese Bauern haben ein unglaubliches Wissen. Die fehlende Produktivität ist wie gesagt das Resultat von fehlenden Investitionen. Es ist auch ein sehr perfides Argument. Damit wird das sogenannte «Land Grabbing» legitimiert, der grossflächige Erwerb von Ackerland durch ausländische Spekulanten. Inzwischen hat man gemäss Weltbank den afrikanischen Bauern 41 Millionen Hektaren fruchtbaren Boden entzogen. Und was passiert mit den landlosen Bauern? Sie landen in den Slums der Grossstädte, in Drogen, Prostitution, Unterernährung und Massenelend.

Was tun?
Der französische Schriftsteller George Bernanos schreibt: «Gott hat keine anderen Hände als die unseren.» Entweder wir ändern diese kannibalische Weltordnung – oder sonst tut es niemand. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.10.2012, 06:58 Uhr)

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