Wirtschaft
«Kein Zweifel, der Euro überlebt»
Von Arthur Rutishauser, Bordeaux. Aktualisiert am 01.06.2010 13 Kommentare
Henri de Castries
Henri de Castries ist am 15. August 1954 in Bayonne geboren. 1989 kam er zum französischen Versicherungskonzern Axa, 2000 wurde er zum Vorsitzenden ernannt, seit kurzem ist er auch Präsident. 2006 übernahm die Axa die Winterthur-Versicherung.
Herr de Castries, die Griechenlandkrise wird zur Vertrauenskrise für den Euro. Wie sehen Sie die Zukunft der europäischen Einheitswährung?
Ich glaube, dass die Märkte übertrieben reagiert haben. Ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass der Euro überlebt. Natürlich stellt sich die Frage der künftigen europäischen Zusammenarbeit in der Fiskalpolitik. Hier läuft die Entwicklung in die richtige Richtung. Die Staatsausgaben werden wieder beschränkt und die Steuern nicht übermässig erhöht. Insgesamt läuft es also besser als befürchtet.
Was haben Sie denn befürchtet?
Vor einem Jahr glaubte man entweder, dass eine schlimme Rezession kommt, oder zu hohe Staatsausgaben und eine Überreaktion der Nationalbanken. Nun zeigt sich, dass die Rezession zwar heftig, aber kurz war und dass die Nationalbanken sehr flexibel agiert haben.
Wie sehr ist die Axa von der Griechenlandkrise betroffen?
Kaum. Wenn von den griechischen Staatsschulden gar nichts zurückgezahlt würde, würden wir maximal 500 Millionen Euro verlieren. Das entspricht in etwa dem Gewinn, den wir in einem Monat erwirtschaften.
Nun sind neben Griechenland auch Italien, Spanien und Portugal in der Krise. Gibt es kein Problem, wenn der Euroraum zerfällt?
Wir investieren in den einzelnen Ländern jeweils in die dortigen Staatspapiere. Wenn also ein Land aus dem Euro austreten würde, dann wären Verpflichtungen und Investitionen gleichermassen betroffen. Das würde sich ausgleichen. Nur glaube ich nicht, dass der Euroraum zerfällt.
Wie sehen Sie die Position der Schweiz nach der Krise?
Die Schweizer Wirtschaft hat sich insgesamt gut über die Krise gerettet, und der Staat hat keine Schulden angehäuft. Der Finanzplatz ist nach wie vor stark.
Bleibt das so?
Das Umfeld wird sich in den nächsten 10 bis 15 Jahren ändern. Es wird mehr Kontrollen betreffend der Steuerehrlichkeit geben. Damit wird das Umfeld schwieriger als heute. Doch ich glaube, dass die Schweizer Banken das meistern. Ihre Reputation ist nach wie vor sehr gut.
In der Schweiz ist die Axa Winterthur der grösste Versicherer im Pensionskassenbereich «too big to fail». Trotzdem spricht man nur über die Grossbanken. Warum?
Wieso sollte man die Regeln verschärfen, wenn doch die Versicherer die Finanzkrise hervorragend gemeistert haben? Klar gab es den Fall AIG, aber der hat mit den Bankaktivitäten der Gesellschaft zu tun und nicht mit dem Versicherungsgeschäft.
Die Aktionäre trauen Ihnen aber nicht. Ihr Kurs entwickelt sich noch schlechter als der der Grossbanken.
Die Märkte können sich aber täuschen. Und aus einem tieferen Aktienkurs kann man doch nicht die Forderung nach verschärfter Aufsicht ableiten.
In der Schweiz und international werden die Anforderungen an die Sicherheit der Versicherer (Solvency II) erhöht. Ist das richtig?
Entscheidend ist, wie man das System justiert. Der Teufel steckt im Detail. Generell brauchen wir nicht eine schärfere Aufsicht, sondern eine bessere.
Was heisst das?
Probleme gibt es dann, wenn Versicherer versuchen, im grossen Stil ins Bankgeschäft einzusteigen und umgekehrt. Die Winterthur war immer eine gute Versicherung. Das Allfinanz-Konzept der CS hat aber nicht funktioniert. Umgekehrt hat die Allianz die Dresdner Bank verkauft, und das Gleiche gilt für Citigroup und Travellers. Auch wir hatten einmal mit DLJ eine Investmentbank …
… die Sie der Credit Suisse für 20 Milliarden verkauften. Heute ist die praktisch abgeschrieben, und Sie konnten für 12,5 Milliarden die Winterthur übernehmen. Sie müssen die Schweizer lieben.
Ich bin tatsächlich ein Fan der Schweiz, allerdings aus einem anderen Grund. Die Schweiz hat mit dem föderalistischen System, das die Kulturen respektiert, ein Modell geschaffen, das wir auch bei der Axa anwenden.
Das tönt nicht sehr französisch.
Mag sein, aber anders kann man einen Weltkonzern nicht führen. Würde ich alles selber in der Zentrale entscheiden, wäre die Axa morgen pleite. Ich brauche das Vertrauen in meine Mitarbeiter. Auf der anderen Seite braucht es Disziplin. Auch das ist sehr schweizerisch.
Sie sind seit kurzem nicht nur Chef der Axa, sondern auch deren Präsident. Ist das kein Widerspruch zur Machtverteilung?
Nein. Ich habe das Doppelmandat nicht gesucht, und Sie können sicher sein, dass mich der Verwaltungsrat noch schärfer kontrolliert als bisher.
Das Interview entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der Axa eingeladen hatte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.05.2010, 22:19 Uhr
Kommentar schreiben
13 Kommentare
BRAVO @Dieter Wundrig: Natürlich wird der Euro überleben,er muss sogar überleben.Was wollen wir denn mit zerfallenden Nationalstaatlichen Trümmerfeldern den Weltmärkten entgegenhalten?Nationale Währungen wieder gegeneinander ausspielen u. den Spekulanten ein neues Tummelfeld überlassen?Übrigens,muss man ständig die dümmliche Frage stellen,welch grosse Liebe man für die CH empfindet? Sehr PEINLICH! Antworten
Warum soll gerade Herr De Castries wissen ob der Euro überlebt oder nicht? Wie wäre es wenn mal zur Abwechslung ein Top Ökonom interviewt würde, anstatt irgendwelche Manager, die auch noch ihren Senf zu etwas geben wollen und hauptsächlich für ihren Konzern lobbyieren. Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



