Wirtschaft
Kleininvestoren in der Algo-Falle
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 01.09.2010 28 Kommentare
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Ökonomisch gesehen versteht dies jedes Kind: Wenn ein Land eine boomende Wirtschaft hat, der Staatshaushalt im Gleichgewicht ist und die Notenbank mit steigenden Zinsen eine Überhitzung verhindert, dann steigt die Währung dieses Landes auf den Devisenmärkten.
In Japan gilt dies jedoch nicht. Nippons Wirtschaft schlittert seit Jahren am Rande einer Rezession herum, das Land hat die höchste Staatsverschuldung auf der Welt und die Zinsen liegen beim Nullpunkt. Trotzdem befindet sich der Yen auf einem Höhenflug und hat den höchsten Wert seit 15 Jahren erreicht. Sind auf den Devisenmärkten die Gesetze der ökonomischen Schwerkraft nicht mehr gültig?
Maschinen statt Menschen
Nein, aber auf den Devisenmärkten treten neue Akteure auf, die so genannten «Algo-Händler». Darunter versteht man den automatisch mit Algorithmen gesteuerten Handel mit Wertschriften oder Devisen. Nicht mehr Menschen, sondern von Menschen programmierte Computer sind 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche aktiv, spüren jede noch so kleine Arbitrage-Gelegenheit auf und nützen sie dann blitzschnell aus.
Algo-Handel war zunächst ein Sache von ein paar so genannten «Quants», hochintelligenten Physikern, Mathematikern und Bankern, die sich zu kleinen Finanzboutiquen zusammenschlossen und mit ihren Algorithmen ein Heidengeld verdienten. Wenn man von Algo-Handel sprach, meinte man in der Finanzbranche «fünf smarte Typen in einem Büro in New Jersey». Doch einige diese Finanzboutiquen sind inzwischen mächtige Hedge Funds geworden, die Citadel Investment Group beispielsweise oder Renaissance Technologies. Auch die Banken haben inzwischen den Algo-Handel entdeckt und ihre eigenen Teams mit hoch bezahlten Quants auf die Beine gestellt.
Der Spot-Handel
Derzeit toben sich die Algo-Händler auf den Devisenmärkten aus, die Umsätze explodieren. So meldet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, dass inzwischen täglich Devisen im Wert von 4000 Milliarden Dollar gehandelt werden, innert drei Jahren eine Zunahme von 20 Prozent. Um gar 50 Prozent hat der Spot-Handel – Deals, die sofort ausgeführt werden – zugenommen. 1500 Milliarden Dollar werden dort täglich umgesetzt. Es wird angenommen, dass der grösste Teil dieses Handels von Profis bestritten wird, von Hedge Funds, Pensionskassen und Banken.
Zunehmend kommen aber auch Kleininvestoren auf den Geschmack. «Sie investieren in Fonds, die Wetten auf Devisen zu ihrer Kernstrategie gemacht haben», schreibt das «Wall Street Journal». Dieses Verhalten ist einerseits verständlich. Wo soll man sonst noch Geld verdienen? Die Aktienmärkte scheinen nur noch eine Richtung zu kennen: abwärts. An den Obligationenmärkten tendieren die Zinsen gegen Null.
Streit unter Experten
Dieses Verhalten ist jedoch auch sehr gefährlich. Im Devisenhandel wird Geld mit geliehenem Geld verdient, es wird, wie es in der Fachsprache heisst, kräftig «geleveraged». Wer in diesem Poker verliert, verliert meist im grossen Stil. Deshalb wollen die Behörden diesem Treiben zumindest teilweise einen Riegel schieben. In den USA darf man zu diesem Zweck gegenwärtig noch mit einem Dollar 100 Dollar Fremdkapital aufnehmen. Künftig sollen es höchsten die Hälfte, vielleicht aber nur noch zehn Dollar sein.
Brauchen wir den Algo-Handel überhaupt? Die Experten streiten sich. Die Befürworter weisen darauf hin, dass sie die Märkte effizienter und liquider machen. Gerade deswegen machen sie aber die Märkte auch viel riskanter. Scott Patterson, Reporter beim «Wall Street Journal», stellt in seinem Buch «The Quants» fest: «Die populäre Illusion der effizienten Märkte hat die Finanzwelt blind gemacht für das Entstehen der massiven Kreditblase.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2010, 12:26 Uhr
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28 Kommentare
Gegen den Handel ist nicht viel zu sagen. Ungebremster Handel führt aber zu sehr ungesunden Schwingungen. Eine Steuer auf die Umsätze würde dämpfend wirken. Diese sollte so angesetzt werden, dass der Handelsumsatz ein bestimmtes Verhältnis zur Realwirtschaft nicht übersteigt. Geld sollte doch eigentlich in erster Linie ein Hilfsmittel für die Realwirtschaft sein - und nicht umgekehrt! Antworten
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