Mindestlohn? Dann steht im Mendrisiotto alles still

Selbst Tessiner Gewerkschafter sprechen sich gegen einen Mindestlohn von 4000 Franken aus. Denn die Tiefstlöhne im Südkanton liegen massiv tiefer.

Letzte Runden: Bei einem Mindestlohn von 4000 Franken dürfte Zimmerli die Produktion der exklusiven Unterwäsche nach Italien verlagern.

Letzte Runden: Bei einem Mindestlohn von 4000 Franken dürfte Zimmerli die Produktion der exklusiven Unterwäsche nach Italien verlagern. Bild: PD

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Es rattert und rattert, der Lärm, den 50 Nähmaschinen in einem Raum verursachen, ist beträchtlich. Die älteren Mitarbeiterinnen in der Näherei von Zimmerli of Switzerland im südlichsten Zipfel des Tessins haben sich daran gewöhnt; sie tragen nicht mal Ohropax. Die jüngeren sind zugestöpselt und hören Musik ab ihrem Smartphone oder MP3-Player. Hier entsteht «The world’s finest underwear, handmade in Switzerland since 1871» – die feinste Unterwäsche der Welt, handgemacht in der Schweiz seit 1871. Und getragen von Filmstars wie George Clooney oder Nicole Kidman.

Im Nähsaal ist es eng, aber hell. Um die Produktionsbedingungen konstant zu halten, ist die Luft klimatisiert, der Blick aus den vielen Fenstern schweift in einen Rebberg. Doch den Näherinnen, fast ausnahmslos Grenzgängerinnen aus dem nahen Italien, fehlt die Zeit dafür. Sie nähen die Teile zusammen, die ihre Kolleginnen in der Zuschneiderei aus Stoffbahnen geschnitten haben, sie nähen Elastbänder ein, bringen feinste Spitze an. «Es gibt 15 verschiedene Nähschritte», sagt Marcel Hossli, der Chef von Zimmerli. «Die allermeisten Frauen sind polyvalent einsetzbar und beherrschen eine Vielzahl davon, einige wenige schaffen nur 1 bis 2 Schritte.»

2700 Franken Mindestlohn

Sollte die Mindestlohninitiative der Gewerkschaften dereinst mal angenommen werden, steht im Mendrisiotto alles still. Statt 4000 Franken pro Monat zahlt Zimmerli 2700 bis 3300 Franken pro Monat, je nach Erfahrung. Das ist nicht viel, aber zehnmal mehr als in Osteuropa – und es entspricht dem Gesamtarbeitsvertrag der Textilindustrie im Tessin. «Kommt die Initiative durch, sind wir gezwungen, unsere Produktion 10 Kilometer nach Süden zu verlegen», sagt CEO Hossli. Der Verwaltungsrat des Familienunternehmens Von Nordeck International Holding, zu dem Zimmerli wie die Tisch- und Stuhlmanufaktur Horgenglarus gehört, habe das Thema diskutiert.

Die Arbeitsplätze sind bei den Grenzgängerinnen begehrt. «Im Schnitt arbeiten sie seit zwölf Jahren für uns, Kündigungen gibt es nicht, höchstens ein bis zwei Pensionierungen pro Jahr.» Kein Wunder: Mit dem Lohn aus der Schweiz lässt sich in der Lombardei gut leben, er entspricht dort dem eines Primarlehrers. Sind sie besonders produktiv, können die Näherinnen gar 115 Prozent ihres Grundlohns erreichen. «Mehr aber nicht, denn ist der Anreiz zu gross, leidet unweigerlich die Qualität», heisst es bei Zimmerli.

Den Wegzug von Zimmerli könnte die Region ja noch verkraften. Doch auch Arbeitgeber von weit grösserem Kaliber würden das Tessin verlassen, wenn schweizweit ein Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde oder 4000 Franken pro Monat gelten würde. Der Edelschneider Ermenegildo Zegna zum Beispiel, der in seinem Tessiner Werk 1000 Arbeitskräfte beschäftigt.

Sprecher Sergio Vicario schreibt dem TA zwar, die Zegna-Gruppe überlasse es den örtlichen Branchenverbänden, sich zu politischen Themen zu äussern. Doch in Gewerkschaftskreisen ist klar: Zegna würde dem Tessin genauso den Rücken kehren wie Hugo Boss, Gucci oder der St. Galler Edelschneider Akris, die allesamt das generell tiefe Tessiner Lohnniveau und die praktisch unbegrenzte Verfügbarkeit von noch günstigeren Grenzgängerinnen ausnutzen.

Neues Rekordhoch

Die Grenzgänger-Thematik sorgt zwar immer wieder für Polemik, insbesondere die lokale SVP und die Lega dei Ticinesi behaupten immer wieder, die Italiener nähmen den Tessinern die Jobs weg – zuletzt Ende August, als bekannt wurde, dass die Zahl der Grenzgänger mit 58'633 ein neues Rekordhoch erreicht hatte. Doch gemässigtere Kreise sind sich einig: Die Grenzgänger bringen dem Tessin nicht nur Staus im Grenzgebiet, sie leisten auch ihren Beitrag zur Volkswirtschaft des Kantons.

Wissenschaftlich untersucht hat dies Rico Maggi, Wirtschaftsprofessor an der Universität der italienischen Schweiz. Sein Befund: Während die Grenzgänger zuletzt stark zulegten, blieb die Arbeitslosigkeit stabil bei etwas über 4 Prozent. Und weil die Ausländer dem Kanton Quellensteuern abliefern, hat auch die Allgemeinheit etwas davon.

Unter vier Augen sagen im Tessin deshalb selbst viele Linke, die Mindestlohninitiative ihrer Gesinnungsgenossen von ennet dem Gotthard schiesse übers Ziel hinaus. «Diese Initiative ist ein grosser Unsinn», sagt ein Gewerkschafter, der die Textilindustrie sehr gut kennt. «Das Tessin hat nun mal eine andere Lohn- und Kostenstruktur, das schleckt keine Geiss weg. Müssten die Unternehmen statt 3000 plötzlich 4000 Franken zahlen, würde das Tessin Tausende von Arbeitsplätzen verlieren.» Auch er sei für gerechte Löhne, aber man könne doch nicht das ganze Land über einen Kamm scheren. Erst recht gelte das für Grenzgänger. «Denn mit 3000 Franken kann einer in Italien anständig leben.»

Im Tessin lebt sichs billiger

Auch Zimmerli-Chef Hossli betont, nicht nur das Lohnniveau, auch die Lebenshaltungskosten seien im Tessin tiefer als in der Deutschschweiz. «Eine Pizza Margherita kostet hier 10 Franken, in Zürich 16 bis 18 oder mehr.» Er findet, es wäre «extrem gefährlich», die Löhne staatlich zu verordnen. «Das ist nicht, was die Schweiz gross gemacht hat.» Hossli sagt, er verstehe die aktuelle Regulierungswut nicht.

Einen vehementen Fürsprecher haben die Grenzgänger im Tessin in der Person von Franco Ambrosetti, dem Präsidenten der Tessiner Handelskammer. «Ohne Grenzgänger kann das Tessin dichtmachen», wies er die Kritiker unlängst in die Schranken. Für den Industriellen, der auch international beachteter Jazzmusiker war, sind die Grenzgänger sogar ein Wettbewerbsvorteil. Aber von Dumpinglöhnen hält er nichts, im Gegenteil: Im Frühjahr hat er zum Missfallen vieler die kantonale Initiative der Grünen unterzeichnet, die nach Branchen und Berufen abgestufte Mindestlöhne fordert. Denn die Grenzgänger nehmen den Einheimischen zwar kaum Jobs weg, doch der Druck auf die Löhne ist seit dem Inkrafttreten der bilateralen Verträge zweifellos gestiegen.

«Aber das heisst nicht, dass die Kellnerin in einem Grotto gleich viel verdienen muss wie ihre Kollegin in Zürich.»Zurück zur Zimmerli-Manufaktur im Mendrisiotto, wo pro Tag lediglich 1200 Stück Wäsche gefertigt werden. Die Handarbeit fordert ihren Tribut – auch bei der Endkontrolle. Bis zu einer Minute darf die Endabnahme pro Einzelteil dauern. Die Ansprüche sind hoch. Flinke Frauenhände schneiden hervorstehende Fadenteile ab. Kleinste Farbunterschiede, von Laien kaum wahrnehmbar, machen aus dem Edelteil Ausschussware. Die wird im Fabrikladen nebenan mit grossem Rabatt verkauft.

Für einmal wirklich eine Win-win-Situation: Weil die Handelsmarge entfällt, verdient Zimmerli so fast gleich viel wie im normalen Verkauf. Gleichzeitig kommen Budgetbewusste so zu Feinripp- und Seidenunterwäsche, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Nicht alle heissen George Clooney oder Nicole Kidman. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2013, 08:52 Uhr

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Zur Vergrösserung auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Zimmerli produziert im Inland

Zimmerli of Switzerland hat die letzten Jahre gleich unter zwei Faktoren gelitten. Die durch den Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers 2008 ausgelöste Finanzkrise führte in den angestammten Märkten des Unternehmens, das seinen Sitz in Aarburg hat, zur Rezession. Hinzu kam nach 2010 der starke Franken, der die Gewinnmarge im Schnitt um die Hälfte verringert hat. Der Grund: Die Kosten fallen vornehmlich in Franken an, der Umsatz zu 70 Prozent in Fremdwährungen. Zimmerli-Chef Hossli glaubt jedoch ebenso fest wie der Verwaltungsrat daran, dass die Marke ein hohes Wachstumspotenzial hat. «Der Markt für Luxusprodukte wächst, insbesondere in Märkten wie Russland und China», sagt Hossli Eine Erhöhung des Umsatzes um rund 50 Prozent gilt intern als realistisches Ziel, das auch die Realisierung von Skaleneffekten ermöglichen soll. Wie hoch der aktuelle Umsatz ist, will Hossli nicht sagen. Die aktuellste Umsatzzahl datiert von 2009, damals waren es 13 Millionen Franken. Zimmerli gibt auch keine Gewinnzahlen bekannt. Um den internationalen Bekanntheitsgrad der Marke zu steigern und die Begehrlichkeit nach den Produkten zu erhöhen, hat Zimmerli mit der Eröffnung eigener Läden an Toplagen begonnen, so etwa in Paris, Moskau und Taipeh. Ergänzt wird dies durch Shop-in-Shops in Topwarenhäusern wie Jelmoli in Zürich oder KaDeWe in Berlin. Diese Schritte sind auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass Zimmerli sich mit dem Verlust eines wichtigen Verkaufskanals konfrontiert sieht: Der klassische Unterwäschefachhandel bricht weg, weil er nicht genug Rendite erwirtschaftet, um die Mieten an Toplagen in den Städten bezahlen zu können. (meo)

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