Wirtschaft

Krankheitsfälle nehmen vor Krisen zu

Von Daniel Schindler. Aktualisiert am 23.01.2012 2 Kommentare

Das subjektive Empfinden für die grössere Belastung steigt im Zug einer Wirtschaftskrise. Die Versicherer erkennen so eine sich abschwächende Konjunktur bereits im Voraus.

Entwicklung psychischer Probleme und Abhängigkeit in der Schweiz. Berechnung gemäss internationaler Arbeitsorganisation. (Indexiert 1.1.2003 = 100%)
Bild: Baz / rm

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«Wenn sich eine Wirtschaftskrise ankündigt, sehen wir das anhand der Krankentaggelder – und zwar lange bevor sich die schwächere Konjunktur auf die Arbeitslosenquote oder das Wachstum des Bruttoinlandprodukts auswirkt.» Das sagt Georg Schanz, bei der Bâloise verantwortlich für den Bereich Krankentaggeld. Das habe sich etwa im Krisenjahr 2008 gezeigt. Damals sei die Zahl der Krankentaggeldfälle zwar in etwa gleich geblieben wie in den Vorjahren. Die Höhe der Zahlungen jedoch sei um rund 30 Prozent gestiegen.

Den gleichen Effekt hat die Bâloise wieder 2011 festgestellt: In den ersten beiden Quartalen verzeichnete der Versicherer bei den Krankentaggeldzahlungen eine markante Steigerung – wiederum rund 30 Prozent. Die Anzahl Fälle hingegen steigerte sich kaum. «Das war für uns bereits im Frühling 2011 ein klarer Vorlaufindikator für die sich verschärfende Krise Mitte des vergangenen Jahres», sagt Schanz.

Mehr psychisch bedingte Ausfälle

Dafür gibt es zwei Erklärungen: Erstens gehen manche Unternehmen, die die Auswirkungen der Krise zu spüren beginnen, etwa weil erwartet Aufträge ausbleiben, mit kranken Mitarbeitern kulanter um. Wenn genügend Arbeit vorhanden ist, ermuntern die Vorgesetzten kranke Angestellte, möglichst rasch wieder zur Arbeit zurückzukehren. Im anderen Fall können sich die Mitarbeiter eher länger auskurieren.

Zweitens nimmt auch die Zahl gewisser Erkrankungen tatsächlich zu, während andere abnehmen. Es verändert sich also die Art der Beschwerden, aufgrund derer die Baloise im Vorfeld einer Krise vermehrt ein Taggeld ausbezahlen muss, wenn sich die Konjunktur abkühlt. An erster Stelle stehen nicht mehr Ausfälle wegen Krankheiten wie Grippe. Stattdessen nehmen laut Schanz psychisch bedingte Krankheitsausfälle in diesen Zeiten überproportional zu. Das liege daran, dass Mitarbeiter, die im Normalbetrieb noch mithalten könnten, einer zusätzlichen Belastung vor einer drohenden Krise nicht mehr gewachsen sind. «Diese Mitarbeiter steigen als Erste aus», so Schanz.

Schwieriger Wiedereinstieg

Aber auch hoch- oder gar übermotivierte Angestellte trifft es in diesen Phasen besonders oft, weil sie sich noch mehr anstrengen als üblich – und sich überarbeiten. Während die Bâloise in normalen Jahren um die 1000 Ausfälle aufgrund von psychischen Problemen registriert, steigt diese Zahl vor und während Krisen auf rund 1300. Kleinere Beschwerden sind in diesen Phasen dagegen tendenziell rückläufig.

Auch Ausfälle aufgrund von Rückenbeschwerden seien vor und gleich zu Beginn von Krisen häufiger zu beobachten. Das liege daran, dass die Menschen in Zeiten mit höherer beruflicher Belastung Beschwerden, die sie schon zuvor hatten, erst richtig zur Kenntnis nehmen, sagt Schanz. Das subjektive Empfinden für die grössere Belastung steige also im Zug der Wirtschaftskrise.

Hier kann laut Schanz das sogenannte betriebliche Gesundheitsmanagement ansetzen, das die Bâloise mit einem externen Partner, dem Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene (AEH) in Zürich anbietet. Die Idee dabei sei im Grunde ganz einfach, meint Schanz: «Die Vorgesetzten müssen den Angestellten signalisieren, dass man sich für sie interessiert.» Deshalb müsse man sie anrufen, sich nach dem Befinden erkundigen. Und durchaus auch Angebote machen, die es dem Angestellten erleichtern, sich wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren, etwa durch die Möglichkeit, vorübergehend nur reduziert zu arbeiten. Denn je länger sich die Wiedereingliederung in den beruflichen Alltag verzögere, desto schwieriger werde der Wiedereinstieg.

Tausende Franken Folgekosten

Wenn eine gesunde Kultur im Umgang mit Absenzen in einer Unternehmung fehle, könne dies nebst dem Effekt eines schlechten Betriebsklimas auch erhebliche Folgekosten für den Arbeitgeber haben, sagt Schanz. Geht man beispielsweise von einem Mitarbeiterlohn von jährlich 80'000 Franken aus und rechnet sämtliche Lohnnebenkosten dazu, ergibt dies für diesen Mitarbeiter und seinen Arbeitsplatz im Jahr Kosten von rund 120'000 Franken. Die Erfahrung zeige, so Schanz, dass sich bei einem längeren Ausfall eines Mitarbeiters die effektiven Kosten für den Betrieb sogar verdoppeln. Nicht zuletzt weil für den kranken Mitarbeiter ein Ersatz gefunden werden müsse.

«Allein, wenn ein einzelner Fall verhindert werden kann, zahlen sich die Kosten für ein Coaching des Betriebs und seiner Führungskräfte bereits mehrfach aus», sagt Schanz. Denn die Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements (inklusive Analyse, Workshops, Schulung und Coaching) kostet je nach Grösse des Betriebs lediglich zwischen 60 und 100 Franken pro Mitarbeiter. Bei einem Betrieb mit 100 Mitarbeitern fallen also Kosten in der Höhe von rund 10'000 Franken an. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.01.2012, 12:20 Uhr

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2 Kommentare

Anton Mollet

23.01.2012, 13:26 Uhr
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Das ist der beste Beweis, dass unser Arbeitssystem die Menschen tatsächlich krank macht! Und zwar umso mehr, je höher der Druck ist! Eigentlich eine Binsenwahrheit. Antworten


René Hofstetter

23.01.2012, 13:16 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Bei den abgebildeten Graphen stelle ich fest, dass die Arbeitslosigkeit jeweils im Jan. am höchsten ist, wohl saisonbedingt. Psych. Probleme haben um die Jahreswende ihr Maximum, was kaum erstaunt, zieht man die kurzen Tage und die Feiertage in Betracht. Zusammenhang sehe ich keinen. 1. Q 2006+9: Gleichzeitig; 1. Q 2007+8: Meldungen steigen an, während die Arbeitslosen schon zunehmen. - Humbug! Antworten



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