Kurssturz made in China

Die Aktienkurse im Reich der Mitte fallen – und reissen auch Europas Börsen in die Tiefe. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Investoren verfolgen in Peking die Entwicklung der chinesischen Börse. Foto: Fred Dufour (AFP)

Investoren verfolgen in Peking die Entwicklung der chinesischen Börse. Foto: Fred Dufour (AFP)

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So kurz war noch nie ein Handelstag. Um 9.59 Uhr war an der Börse von Shanghai gestern Schluss. Nach nur 29 Minuten waren die Kurse so weit in die Tiefe gerauscht, dass der Handel automatisch stoppte. Die Aktienmärkte hatten da ein Minus von 7,3 Prozent erreicht. Die Aufsichtsbehörden erklärten den Tag für beendet, um einen noch dramatischeren Sturz zu verhindern. Doch der Schaden war bereits angerichtet. Die Entwicklung in China riss die Kurse weltweit in die Tiefe. Der japanische Nikkei-Index verlor 3,7 Prozent, der Schweizer SMI 1,9 Prozent und das US-Börsenbarometer Dow Jones 2,3Prozent.

Warum reagieren die Börsen auch in Industrieländern so heftig?
An der Börse spielt die Psychologie eine wichtige Rolle. Händler und Investoren müssen Entscheide mitunter sehr schnell treffen. Wer zu spät reagiert, kann viel Geld verlieren. Die Märkte neigen deshalb dazu, sich im Gleichschritt zu bewegen. Viel wichtiger ist aber ein fundamentaler Faktor. Die Länder der Welt sind heute wirtschaftlich eng miteinander verknüpft. Was in China passiert, hat direkte Auswirkungen auf die Konjunktur der Handelspartner – und das wiederum beeinflusst die Unternehmensgewinne und die daraus abgeleiteten Börsenkurse.

Welche Staaten sind denn mit China am engsten verzahnt?
Diverse kleinere Länder sind auf Gedeih und Verderb der Entwicklung in China ausgeliefert. So gehen etwa 95 Prozent aller Exporte der Mongolei in die Volksrepublik, in Turkmenistan sind es 70 Prozent, in Burma 63 Prozent und in Nordkorea 55 Prozent. Der am engsten mit China verzahnte Industriestaat ist Australien. 33 Prozent der Ausfuhren von Down Under – vor allem Rohstoffe – gehen ins asiatische Riesenreich. In absoluten Zahlen liefern Südkorea, Japan, die USA und Deutschland am meisten Waren nach China.

Und die Schweiz?
China wurde als Handelspartner immer wichtiger. Seit 1990 haben sich die schweizerischen Ausfuhren ins Reich der Mitte verfünfzehnfacht. Die Schweiz ist der neuntwichtigste Handelspartner der Volksrepublik. Von hier werden vor allem Uhren, Maschinen und Medikamente nach China geschickt, in umgekehrter Richtung fliessen vor allem elektronische Komponenten. Seit dem 1. Juli 2014 besteht ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern. Das dürfte den Warenaustausch langfristig weiter erhöhen.

Welche Schweizer Unternehmen sind besonders von China abhängig?
Der Solarmaschinenbauer Meyer Burger, der Uhrenkonzern Swatch Group, der Handelsriese DKSH und das Feinschneid- und Umformtechnologie-Unternehmen Feintool erzielen alle zwischen 30 und 40 Prozent ihres Umsatzes mit China. Ein Fünftel und mehr ihrer Verkäufe stammen bei U-Blox (Handyzulieferer), Richemont (Luxusgüter), Panalpina (Logistik) und OC Oerlikon (Hochtechno­logie) aus der Volksrepublik. Entsprechend exponiert sind diese Unternehmen. Bei den Riesen Nestlé (7 Prozent), Roche (6 Prozent) und Novartis (4 Prozent) fällt das Geschäft weniger ins Gewicht.

An der Schweizer Börse fielen aber Bankaktien am stärksten. Warum?
Die Bankaktien reagieren direkt auf Unsicherheit an den globalen Börsen. Lange Abwärtsphasen verringern ihre Einnahmen. Im Handelsgeschäft sinken die Auftragsvolumen, und in der Vermögensverwaltung halten sich die Kunden stärker zurück. Auch das Investmentbanking leidet, da Börsengänge oder Finanzierungen aufgeschoben werden.

Wie schlimm ist der Kurssturz?
Die Kurse sinken an der chinesischen Börse schon länger – seit vergangenem Sommer. Die neusten Verwerfungen sind also nichts Neues. Am 12. Juni 2015 erreichte der Shanghai-Composite-Index einen Stand von 5178 Punkten. Seither ist er um 40 Prozent zurückgefallen. Er steht nun wieder dort, wo er Anfang 2015 gestanden hatte. Blickt man länger zurück, blickt man auf noch mehr verlorene Jahre. Im März 2007 stand die Shanghaier Börse schon einmal auf dem heutigen Niveau.

Was hat den Börsencrash in China ausgelöst?
Immer mehr Chinesen entdeckten in den letzten Jahren die Börse. Sie investierten oftmals auf Kredit. Als die Kurse abzubröckeln begannen, mussten sie verkaufen. Das hat den Absturz im vergangenen Sommer beschleunigt. Gleichzeitig kamen zunehmend Zweifel am Zustand der chinesischen Wirtschaft auf. Die kommunistischen Machthaber wollen nach den Boomjahren mit bis zu 10 Prozent Wachstum krampfhaft 7 Prozent ansteuern. Dieser Wert ist gemäss Schätzungen der Weltbank mit 6,6 Prozent verfehlt worden und dürfte 2016 mit 6,5 Prozent noch deutlicher unterboten werden.

Wie geht es an den Börsen weiter?
Chinas Regierung hat riesige Probleme zu lösen: Überkapazitäten in der Industrie, ein Überangebot auf dem Immobilienmarkt, hohe Verschuldung. Sie muss das Land zurück auf einen nachhaltigen Wachstumspfad führen. Dieser Prozess ist schwierig und unberechenbar. Zudem gibt es globale politische Unsicherheiten wie etwa den Konflikt zwischen dem Iran und Saudiarabien oder den Krieg gegen den IS. Das wird die Aktienmärkte weiter durchschütteln. Zugleich ist Europas Wirtschaft noch instabil. Entscheidend wird daher sein, dass die USA ein nachhaltiges Wachstum vorweisen können. Aber noch ist das nicht klar. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2016, 00:04 Uhr)

Reputation der Pekinger Führung im Sinkflug

Als Ursache für den Kurssturz gilt die Schwäche des Yuan. Für die Notenbank wird der Spielraum zusehends enger.

Der Kurseinbruch an den chinesischen Aktienmärkten – der Index CSI 300 mit den wichtigsten Dividendenpapieren an den Börsenplätzen Shanghai und Shen-zhen – ist in den ersten vier Handelstagen dieses Jahres um 12 Prozent gesunken. Das weckt Erinnerungen an Mitte Juni 2015. Damals brach das besagte Börsenbarometer innerhalb eines Monats um annähernd 45 Prozent ein (in den 12 vorangegangenen Monaten war es aber um rund 50 Prozent hochgeschossen).

Auslöser für den damaligen Kurssturz waren Befürchtungen, das Wachstum Chinas könnte merklich geringer ausfallen als in den offiziellen Statistiken ausgewiesen. Dieses Misstrauen erhielt im August zusätzliche Nahrung, als die Notenbank des Landes, die People’s Bank of China (PBC), einen neuen, stärker marktbestimmten Mechanismus zur Fixierung des Yuan-Wechselkurses gegenüber dem Dollar einführte. Dabei tolerierte die PBC eine Abwertung des Yuan um 3 Prozent innert drei Tagen – und prompt erlitten die chinesischen Börsen einen erneuten Schwächeanfall.

Auch der aktuelle Börsentaucher hat nach Einschätzung von Beobachtern seinen Ursprung im Devisenmarkt, sprich: in einem schwächelnden Yuan. Darin widerspiegeln sich anhaltende Kapitalabflüsse von in- und ausländischen Investoren, die ihr Vertrauen in die chinesische Wirtschaft verloren haben. Diese Abflüsse zwingen die Notenbank zu verstärkten Interventionen am Devisenmarkt, um den Yuan zu stützen, respektive seine Abwertung in geordneten Bahnen zu halten. Als Folge der Yuan-Aufkäufe sind die Devisenreserven der PBC allein im Dezember um rund 108 Milliarden Dollar geschrumpft – der höchste je ausgewiesene monatliche Rückgang. Im Gesamtjahr 2015 sind die Devisenreserven um mehr als 400 Milliarden zurückgegangen.

Peinlicher Rückzieher

Auch wenn China mit rund 3330 Milliarden Dollar immer noch über einen komfortablen Reservestand verfügt, mehren sich bei Experten die Zweifel, ob die Notenbank im bisherigen Ausmass in den Devisenhandel eingreifen kann. Dies weckt Ängste vor einer unkontrollierten Abschwächung des Yuan, die das Potenzial hat, Chinas Wirtschaft zu destabilisieren und einen Abwertungswettlauf mit seinen asiatischen Nachbarländern in Gang zu setzen.

Vor diesem Hintergrund gilt es als bedenkliches Zeichen, dass sich die Differenz zwischen dem inländischen, auf eine maximale Tageslimite von +/–2 Prozent beschränkten Yuan-Kurs (Onshore) und dem ausserhalb Chinas geltenden freien Kurs (Offshore) auf neue Rekordstände ausweitete. Obwohl die PBC den Onshore-Kurs gestern bei 6,5646 Yuan je Dollar fixierte – und damit um 0,5 Prozent tiefer als am Vortag –, gingen die Offshore-Notierungen bis auf 6,7618 Yuan zurück. Wenngleich sich Letztere im späteren Verlauf etwas erholten, deutet die verbliebene grosse «Lücke» zum On­shore-Kurs doch auf ein schwindendes Zutrauen der Marktakteure in die chinesischen Notenbanker, die Landeswährung wirksam zu stützen.

Hinzu kommt die mit jedem neuen Kursabsturz weitersinkende Reputation der Pekinger Führung. Trotz Aktienkäufen durch staatliche und staatsnahe Institutionen im Umfang einer dreistelligen Milliardensumme in Dollar sowie einer Reihe zusätzlicher Regulierungen ist es ihr nicht gelungen, die Börse zu stabilisieren – sehr zum Ärger zahlloser Chinesen, die ihre Ersparnisse in Aktien­anlagen gesteckt haben.

Chinas Marktaufseher sahen sich gestern gar zu einem peinlichen Rückzieher genötigt: Die erst zu Jahresbeginn eingeführte Regelung, den Börsenhandel bei Kursschwankungen von über +/–7 Prozent vorzeitig abzubrechen, wurde aufgehoben. Wie sich zeigte, hat dieser Eingriff die Ausschläge noch verstärkt.
Robert Mayer

(Tages-Anzeiger)

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