Wirtschaft
«Lieber handeln als jammern»
Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 05.08.2011 9 Kommentare
Zur Person:
Pius App machte mit Bankensoftware ein Vermögen, war Grossaktionär von Davos Klosters Mountains. Seit 2003 ist er Mitbesitzer des Skigebiets Schatzalp–Strela mit Zauberberg-Jugendstilhotel.
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Wie stark leiden Sie auf der Davoser Schatzalp am harten Franken?
Etwas salopp gesagt: Was kümmert den ausländischen Gast, der Ferien bucht, der Franken? Unsere deutschen Gäste haben doch im Alltag nicht das Gefühl, dass der Euro hinkt. Unser Problem ist nicht, dass der Euro schwächer, sondern der Franken viel stärker wurde. Wenn Deutsche in die Ferien fahren, wollen sie weiter an einen schönen Ort wie Davos, aber zu einem Preis, den sie zahlen können. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass Kunden von Anbietern aus dem Land des harten Frankens Konzessionen erwarten.
Bis sie in Österreich buchen, das dank Euro immer billiger wird?
Nicht unbedingt. Wir offerieren gezwungenermassen seit Monaten in Euro. Wir tragen das Währungsrisiko teilweise mit. Wir könnten nicht mehr geschäften, wenn wir einzig in Franken anböten.
Die Gäste können in Euro buchen?
Einzelgäste normalerweise nicht. Aber wenn wir mit ausländischen Veranstaltern verhandeln, die Kontingente einkaufen, müssen wir immer öfter Preise in Euro akzeptieren. Die sichern sich entsprechend ab.
Wie meinen Sie das?
Mit einem Veranstalter haben wir kürzlich einen Deal mit Bandbreiten für den Euro abgeschlossen. Fällt der Euro unter einen bestimmten Wert, dann teilen wir uns die Differenz.
Das akzeptieren Sie als Hotelier?
Eine Teilung des Währungsrisikos ist oft das Beste, was man bei Veranstaltern herausholen kann, wenn man im Geschäft bleiben will. Damit kann man in Verhandlungen noch landen.
Veranstalter profitieren also. Wie reagieren deutsche Einzelgäste, weichen sie nach Österreich aus?
Das Problem mit dem harten Franken ist ja nicht neu. Wir bieten darum seit Monaten verstärkt Packages für Einzelkunden im Internet auf Reiseportalen wie Dein Deal oder Travelzoo an. Dort offerieren wir in lokaler Währung. Unsere wichtigste ausländische Gästegruppe, aus Deutschland und den umliegenden Ländern, kann in Euro buchen. Hier tragen wir das Währungsrisiko voll. Solche Günstigangebote gingen weg wie frische Weggli. Überraschend viele Gäste geben dann vor Ort deutlich mehr aus für Konsumationen oder grössere Zimmer.
Rechnet sich das Ganze?
Wir sind gezwungen, EU-Gästen Pauschalangebote in Euro zu offerieren. Die Alternative wäre, dass unser Jugendstil-Hotel auf der Schatzalp halb leer bleibt. Lieber tiefere Preise, dafür aber die Auslastung sichern. Wobei wir Bustouristen nicht bedienen, das machen wir nie.
Kann man so geschäften?
Längerfristig wird es zum Problem, wenn es um Investitionen geht. Im Frühling standen wir vor der Frage: Was machen wir, wenn der Euro weiter so fällt? Wir sahen keine andere Wahl, als in den wichtigsten Auslandsmärkten in Euro zu offerieren, mit dem Risiko, dass unsere Marge sinkt. Unter dem Strich fahren wir, wie gesagt, immer noch besser als mit halb leerem Haus. Es zahlt sich aus, dass wir mit der Verstärkung des Absatzes übers Internet früh reagiert haben. Wir haben diesen Sommer markant mehr deutsche Gäste als im Vorjahr, und wir sind dabei eine grosse Ausnahme.
Können Sie nicht mit Einkäufen in Euroländern die Kosten senken?
Ja, was denn? Der grösste Kostenblock sind die Personalkosten, an denen lässt sich auf die Schnelle wenig ändern.
Löhne in Euro sind kein Thema?
Nein. Abgesehen davon, dass gute Leute das kaum akzeptieren würden: Wir haben einen Gesamtarbeitsvertrag, die Gewerkschaft würde sofort durchstarten.
Ein GAV ist doch verhandelbar?
Ja, grundsätzlich schon. Im Hotelierverband sitzen aber immer weniger Eigentümer, dafür immer mehr Hotelmanager. Ich rede deshalb nur noch von der Hoteldirektorengewerkschaft. Und diese Hoteldirektorengewerkschaft handelt mit der Gewerkschaft die Verträge aus.
Mit solchen Aussagen machen Sie sich sicher beliebt in Davos . . .
Es geht (lacht). Aber sie haben sich über die Jahre an meinen Stil gewöhnt. Apropos Euro: Meinen Hotelierkollegen aus dem SVP-Lager habe ich bei unserem Kaffeekränzchen auch schon gesagt: «Wären wir wie Österreich in der EU, hätten wir das Europroblem nicht.» Das hören sie gar nicht gern und sagen, wir bekämen dafür viele andere Probleme. Ja, vielleicht. Die katastrophale Situation mit dem Euro hätten wir aber nicht.
Warum suchen Sie nicht mit den Tourismusverbänden eine Lösung?
Wir leben nach der Devise «Lieber handeln als jammern». Wollten wir warten, bis eidgenössisch diplomierte Tourismusexperten Lösungen parat haben, ist die Eurokrise vielleicht schon vorbei.
Zurück zum Einkauf im Ausland. Weine aus Italien oder Österreich müssten doch massiv billiger sein?
Seit der Euro diese Woche unter 1.10 Franken gefallen ist, bieten unsere Lieferanten teilweise bis zu 15 Prozent tiefer an, weil sie auch sehen, dass ein kritischer Wert erreicht ist. Und zwar nicht nur bei Weinen, sondern auch bei anderem Hotelbedarf, den wir aus dem Ausland beziehen. Vorher aber gaben sie die Währungsgewinne beim Euro nicht weiter.
In der Beschaffung im EU-Raum müsste doch mehr zu holen sein?
Wir können dem Einkäufer lange sagen, er solle mehr im Ausland ordern. Dann kommt unser Finanzfachmann und sagt, er habe gar keine Euros, weil er diese sofort in Franken wechsle. Er wolle nicht darauf spekulieren, dass der Euro im Herbst wieder höher sei.
Euro-Tristesse pur?
Ein Gutes hat die Eurokrise. Gäste aus dem Euroraum sind nicht abgeneigt, im Voraus zu zahlen. Ein Veranstalter, der ein grösseres Kontingent gebucht hat, hat nicht nur die Anzahlung, sondern den ganzen Betrag überwiesen.
Wo machen Sie eigentlich Ferien?
Ich bin einige Tage in Österreich, muss die Konkurrenz beobachten (lacht).
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.08.2011, 18:09 Uhr
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