Wirtschaft

Märkte befürchten neue Finanzkrise

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 25.05.2010

Der Konkurs einer kleinen spanischen Bank hat die Ängste auf den Finanzmärkten verschärft. Erneut stürzen die Börsenkurse weltweit, vor allem jene der Banken. Politische Gegenmassnahmen bleiben wirkungslos.

Die Angst regiert erneut: Händler an der New Yorker Börse versuchen sich aus den neusten Entwicklungen einen Reim zu machen.

Die Angst regiert erneut: Händler an der New Yorker Börse versuchen sich aus den neusten Entwicklungen einen Reim zu machen.
Bild: Keystone

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Der Konkurs einer kleinen spanischen Bank hat die Ängste auf den Finanzmärkten verschärft. Droht eine neue Finanzkrise?

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Dax rauscht in die Tiefe

Der Deutsche Aktienindex (DAX) hat zu Wochenbeginn erhebliche Verluste hinnehmen müssen. Der deutsche Leitindex fiel am Dienstagmittag um 2,9 Prozent auf 5.635 Punkte. Auch der Euro begab sich nach einer kurzen Erholung in der vergangenen Woche wieder auf Talfahrt.

In der zweiten Reihe gab der MDAX 4,4 Prozent nach und landete bei 7.418 Zählern, der TecDAX verringerte sich um 4,7 Prozent auf 689 Punkte.

Einziger Gewinner im DAX war am Mittag Fresenius mit einem Plus von 0,2 Prozent. Grösster Verlierer war Infineon mit einem Minus von 10,3 Prozent. Die Aktie des Chipherstellers erlebte einen Crash, nachdem die Bank JPMorgan das Papier auf «neutral» herabgestuft hatte. Salzgitter verlor 6,1 Prozent.

Der Euro wurde am Morgen ebenfalls schwächer zu 1,2272 Dollar gehandelt, nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) am Montag einen Referenzkurs von 1,2360 Dollar festgelegt hatte.

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Noch nicht einmal der liebe Gott hat seinem Geldhaus im spanischen Süden helfen können. Die Sparkasse «Cajasur», die der katholischen Kirche gehört, musste von der spanischen Zentralbank übernommen werden. Wie der Schmetterling, der mit seinem Flügelschlag das Wettergefüge aus den Fugen gehoben haben soll, hat dieses lokale Ereignis auch die Finanzmärkte weltweit in Aufruhr versetzt. Die Börsenkurse purzeln überall, allen voran die Titel der Banken. Jene der UBS und der Credit Suisse haben heute Dienstagmorgen erneut bis zu 6 Prozent an Wert verloren.

Der faktische Konkurs der für die Weltmärkte unbedeutenden Sparkasse «Cajasur» erscheint auf den ohnehin höchst verunsicherten Finanzmärkten wie eine Bestätigung für die Ängste, dass sich europäische Banken generell in höchster Gefahr befinden. Wie schon der Ausfall der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 gezeigt hat, haben solche Ängste den Effekt einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Keine Bank leiht dann einer anderen noch ungesichertes Geld aus. Um jederzeit genügend liquide bleiben zu können, sind Banken jedoch auf Gedeih und Verderb auf kurzfristige Geldquellen angewiesen.

Erneut ausgetrocknete Geldmärkte

«Wären die Finanzmärkte ein Jumbojet, würden im Cockpit alle Lampen leuchten und der Pilot würde die Bedienungsanleitung des Flugzeugs hervorkramen», schreibt das «Wall Street Journal» dramatisch. Die Angst vor einer neuen Finanzkrise macht die Runde. Selbst die Ökonomen der Bank Sarasin sprechen in einem Marktreport in Anspielung auf den letzten Höhepunkt der Krise den Fall «Lehman 2.0» an. Für die Realwirtschaft droht eine Kreditklemme. Wenn die Banken kaum mehr an Liqudidät kommen, werden sie auch überaus zurückhaltend Kredite vergeben. Das könnte die Wirtschaft in eine erneute schwere Krise stürzen.

Wie nach dem Lehman-Zusammenbruch scheinen auch jetzt die Geldquellen wieder auszutrocknen. Besonders die US-Banken leihen den europäischen Instituten praktisch kein Geld mehr. Die Anspannung zeigt sich auch am Dollar-Libor, mit dem die Zinssätze im Interbankenmarkt ausgewiesen werden. Die Zinsen für Dreimonatsgelder in Dollar zum Beispiel haben sich in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Doch selbst dieser Anstieg könnte das Ausmass der Probleme verharmlosen. Denn die Liborsätze werden letztlich aus Angaben von Banken berechnet und ausgewiesen, die aus Sorge über ihren eigenen Status möglicherweise geschönte Werte angeben – so war es nach der Lehman-Pleite. Die jetzt angegebenen Werte sind immerhin noch deutlich tiefer als damals.

Die Angst um die Europäischen Banken ist eine Folge der Griechenlandkrise. Niemand weiss, wie gross die Risiken sind, die bei den Banken lauern, wenn ein Staat wie Griechenland – oder noch schlimmer sogar Spanien – Bankrott gehen könnte. Diese Angst war der eigentliche Grund für die Europäischen Staaten, zusammen mit dem IWF ein Rettungspaket von gigantischen 750 Milliarden Euro zu beschliessen. Deshalb haben es die Staaten auch unterlassen, von der Finanzbranche einen Beitrag einzufordern.

Rettungspaket verfehlt seine Wirkung

Da noch viele Details des Rettungsprogramms unklar bleiben, hat sich die Lage an den Geldmärkten kaum beruhigt. Die Zentralbanken mussten daher, wie schon nach der Lehman-Pleite, in koordinierten Aktionen gemeinsam die Liquiditätsversorgung der Banken gewähren. So stellt zum Beispiel die US-Zentralbank den Banken über Währungsswaps mit Schwesterinstituten – unter anderen der SNB – weltweit Dollarliquidität zur Verfügung.

Die Europäische Zentralbank (EZB) ihrerseits nimmt selbst Staatsobligationen von Staaten mit Junk-Niveau als Sicherheit entgegen und kauft direkt Schulden von Staaten auf. Das hat vor kurzem noch als Todsünde gegolten – auch in der Chefetage der EZB. Vielfach wurde die Aktion als Kniefall vor der Politik interpretiert – als Rettung von Ländern mit maroden Staatsfinanzen. Tatsächlich ging es um eine weitere Rettung des Finanzsektors.

Marktthermometer zeigen hohes Fieber an

Dass die Übung bisher ihr Ziel noch nicht erreicht hat, zeigen nicht nur der Wertzerfall der Finanztitel an der Börse und die anhaltende Schwäche des Euro. Die Panik lässt sich auch an den so genannten impliziten Volatilitäten messen, den aus Optionspreisen errechneten erwarteten Kursschwankungen. Sie gelten als Fiebermesser der Finanzmärkte und auch sie sind selbst nach dem Rettungspaket der Euroländer auf Werte angestiegen, wie sie sich im Nachgang der Finanzkrise letztmals gezeigt haben. Immerhin lagen sie im unmittelbaren Nachgang der Lehman-Pleite noch weit höher.

Ein weiteres Alarmzeichen ist die Flucht in die Sicherheit. Hier liegt die Ursache des dramatischen Aufwärtsdrucks auf den Schweizer Franken aber auch für die rekordtiefen Zinssätze von Schweizer Bundesanleihen, die zehnjährigen Obligationen der Eidgenossenschaft rentieren aktuell sogar unter 1.6 Prozent. Diese Rendite gilt als «Benchmark» für langfristige Zinsen in der Schweiz.

«Nukleare Option»

Als mögliche Lösung für die Krise präsentieren die Sarasin-Ökonomen eine «nukleare Option»: Die Europäische Zentralbank könnte unlimitiert Staatsanleihen von den Banken aufkaufen. Trotz dem Tabubruch, überhaupt damit zu beginnen, hat sie das erst im noch relativ bescheidenen Ausmass von 16 Milliarden Euro getan. Ein solcher Schritt würde zwar die Banken entlasten, doch wiederum würde die Allgemeinheit danach alle Risiken tragen. Dieses läge in diesem Fall vor allem in einer drohenden hohen Inflation und einem weiter absackenden Euro, wenn die EZB für die Käufe neues Geld schaffen würde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.05.2010, 12:02 Uhr

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