«Man sollte die Füsse der Spekulanten küssen»

Jim Rogers sagt, die Welt müsse dankbar sein, dass Spekulanten die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben. Der Hedgefonds-Guru glaubt, dass die Euro-Untergrenze von 1.20 Franken bald fällt.

«Die Schweizerische Nationalbank macht einen furchtbaren Fehler»: Investor Jim Rogers

«Die Schweizerische Nationalbank macht einen furchtbaren Fehler»: Investor Jim Rogers Bild: Reto Oeschger

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Beinahe täglich werfen bekannte Hedgefondsmanager das Handtuch. Wann haben Sie genug?
Ich bin bereits vor 32 Jahren ausgestiegen. Seit den 80er-Jahren investiere ich nur noch mein eigenes Geld.

Sie gelten in der Szene immer noch als grosser Global-Makroplayer. Was ist das überhaupt?
Ich investiere in alle Vermögensklassen, in Aktien, Obligationen, Währungen und Rohstoffe auf der ganzen Welt. Aber grundsätzlich versuche ich ganz einfach, bei tiefen Preisen zu kaufen und bei hohen zu verkaufen. Seit gut zehn Jahren nennt man das nun Global Makro. Damit kann ich gut leben.

Das Magazin «Time» bezeichnete Sie einst als Indiana Jones unter den Investoren. Was müssen wir uns darunter vorstellen?
Ich habe schon in Emerging Markets investiert, bevor ich überhaupt wusste, dass sie so heissen. Für mich waren die Märkte ganz einfach billig.

Sie haben auch verkündet, der Rohstoffboom werden noch Jahrzehnte dauern. Gilt dies immer noch?
Das habe ich vor 14 Jahren gesagt. Investitionen in Rohstoffe haben in dieser Zeit tatsächlich viel besser rentiert als Aktien. Und ich denke, sie werden dies auch weiterhin tun. Aber nochmals: Ich habe stets in alle Vermögensklassen investiert.

Die Weltwirtschaft dümpelt, die chinesische Wirtschaft wächst weniger rasch. Bedeutet dies, dass der Superzyklus der Rohstoffe zu Ende geht?
Das behaupten die Journalisten. Auch an den Aktienmärkten kam es immer wieder zu Korrekturen, ja sogar zu Crashs. Stets wurde das Ende des Aktienzyklus beschworen, aber nie hat es gestimmt. Mit Rohstoffen kann man auch heute noch sehr viel Geld verdienen.

Sie sind ein Anhänger von China. Ihre beiden Kinder müssen Mandarin lernen. Weshalb?
China wird Rückschläge erleiden, aber es wird trotzdem das wichtigste Land im 21. Jahrhundert werden. Deshalb bin ich nach Asien umgezogen.

China hat weder eine richtige Marktwirtschaft noch ist es eine Demokratie.
Südkorea, Taiwan, Singapur waren keine Demokratien, und bei Japan kann man ebenfalls darüber streiten. Alle diese Länder waren in den letzten 30 bis 40 Jahren wirtschaftlich gesehen am erfolgreichsten.

Gehört dem Staatskapitalismus die Zukunft?
Plato hat gesagt: Nationen entwickeln sich von Diktaturen zu Oligarchien zu Demokratien zum Chaos und zurück zur Diktatur. Ich weiss nicht, ob die Asiaten Plato lesen, aber der «asiatische Weg» hat auf jeden Fall grosse Ähnlichkeit mit dieser Entwicklung.

Was bedeutet der Aufstieg des Ostens für den Westen?
In den Zwischenkriegsjahren lösten die USA das Vereinigte Königreich als Weltmacht ab, begleitet von Finanzkrisen und groben Fehlern der Politik. Beim Machtwechsel von den USA zu Asien erleben wir jetzt das Gleiche. Die Vermögenswerte sind im Osten, die Schulden im Westen. Deshalb rate ich: Die Kinder sollen Mandarin lernen.

Wo haben Sie derzeit Ihr Geld investiert?
In Rohstoffen und Währungen. Von Aktien und Obligationen lasse ich derzeit die Finger.

Was denken Sie über den Dollar?
Es ist eine schrecklich verwundbare Währung. Sie kann sich derzeit nur deshalb über Wasser halten, weil der Dollar in turbulenten Zeiten nach wie vor als sicherer Hafen gilt. Aber das ist ein Irrtum. Der Dollar ist heute alles andere als ein sicherer Hafen.

Weshalb? Es gibt ja kein Insolvenzproblem. Wer in US-Staatsanleihen investiert, der erhält auf jeden Fall seinen Einsatz zurück.
Es gibt mehrere Arten, pleite zu gehen. Wenn Schulden mit der Notenpresse beglichen werden, erhält man zwar das Geld zurück, aber es ist nichts mehr wert. Die USA werden pleite gehen und dabei ihre Währung zerstören.

Wie halten Sie es mit dem Euro?
Ich habe alle meine Euro in Schweizer Franken getauscht. Ich erwarte auch, dass die 1.20-Franken-Decke einstürzen und den Franken massiv aufwerten wird.

Wann wird das geschehen?
Innerhalb der nächsten zwei Jahre.

Die Schweizerische Nationalbank hat jedoch geschworen, dass sie dies nicht zulassen wird.
Die Schweizerische Nationalbank macht einen furchtbaren Fehler. Sie kann nicht unlimitiert Fremdwährungen kaufen. So zerstört sie ihr Eigenkapital – und den Schweizer Franken. Und was hat die Schweiz dann noch zu bieten? Sie ist dann ein unbedeutender, von Inflation geplagter europäischer Kleinstaat. Wie Bulgarien.

Wir haben immer noch eine ziemlich potente Exportindustrie.
Die wichtigste Industrie in der Schweiz ist die Finanzindustrie. Wenn der Franken zerstört wird, bringt niemand mehr sein Geld in die Schweiz. Ich habe mein Geld seit langem in der Schweiz – aber dann werde ich es abziehen.

Wie sehen Sie die Zukunft? Kommt bald der grosse Crash?
Für Teile der Wirtschaft bin ich sehr optimistisch, beispielsweise für die Landwirtschaft. Die Finanzindustrie hingegen wird in den nächsten Jahren ernsthafte Probleme kriegen.

Gerade in Zusammenhang mit der Landwirtschaft gibt es Leute, die Investoren wie Sie dafür verantwortlich machen, dass nach wie vor eine Milliarde Menschen hungert. Was sagen Sie dazu?
Meine Antwort lautet: Man sollte die Füsse der Spekulanten küssen.

Weshalb? Wenn die Lebensmittel nicht teurer werden, dann werden wir bald keine mehr haben. Der durchschnittliche amerikanische Bauer ist heute 58, der japanische gar 66 Jahre alt. Die grösste Selbstmordrate in Grossbritannien gibt es in der Landwirtschaft. In den USA studieren mehr Menschen Public Relations als Agronomie. Ich wiederhole deshalb: Wenn wir die Preise für Lebensmittel nicht drastisch erhöhen, haben wir bald keine Bauern mehr. Sie können also nur hoffen, dass böse Spekulanten in die Landwirtschaft investieren und so die Preise in die Höhe treiben. Wer sonst soll das Land beackern?

Gerade in den Entwicklungsländern ist die grosse Mehrheit der Menschen noch immer in der Landwirtschaft tätig. Afrika beispielsweise hat Hunderte Millionen Kleinbauern.
Afrika ernährt die Welt nicht. Glauben Sie wirklich, afrikanische Kleinbauern könnten in absehbarer Zukunft die überalterten amerikanischen und kanadischen Farmer ersetzen? Wenn Sie das glauben, dann können Sie auch weiter an die Mär der bösen Spekulanten glauben. Aber wären Sie bereit, zu den aktuellen Bedingungen selbst in die Stiefel zu steigen und Bauer zu werden? Wir haben nur zwei Optionen: Entweder leisten die Menschen in Zukunft Freiwilligenarbeit auf den Feldern, oder die Lebensmittelpreise müssen steigen.

Sie sind ein sehr erfolgreicher Investor gewesen. Warum können Sie es heute nicht lassen?
Ich tue ja seit mehr als 30 Jahren, was mir gefällt. Wie gesagt, ich investiere nur mein eigenes Geld und bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich habe auch zweimal eine zweijährige Weltreise gemacht, einmal mit dem Motorrad.

Trotzdem: Warum legen Sie sich nicht an einen sonnigen Strand in der Karibik, sondern streiten mit einem doofen Journalisten wie mir herum?
Es macht mir mehr Spass, mit doofen Journalisten - wie Sie es nennen - herumzustreiten als mit den Idioten an einem Strand in der Karibik. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.11.2012, 09:05 Uhr)

Jim Rogers

Jim Rogers wurde 1942 in Demopolis ­(Alabama) geboren. Er studierte in Yale und Oxford Geschichte, Philosophie und Wirtschaft. 1970 gründete er mit George Soros den legendären Quantum Fund, der in zehn Jahren fast 4000 Prozent Gewinn erzielte. Später wurde er Professor an der Columbia University, reiste zweimal um die Welt. Rogers ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

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