Wirtschaft
«Marcel Ospel war ein schlechter Führer»
Von Andreas Valda. Aktualisiert am 15.06.2009 42 Kommentare
Barbara Kellerman leitet an der US-Universität Harvard das Forschungszentrum für Führung des Gemeinwesens und ist Dozentin für öffentliche Ordnung. Sie hat rund ein Dutzend Bücher zum Thema Führung herausgegeben – darunter eines, das sich mit schlechter Führung auseinandersetzt. Kellerman hielt vor Kurzem einen Vortrag am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon. (Bild: Thomas Burla)
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Ohne Handlanger keine miesen Chefs
Barbara Kellerman teilt schlechte Chefs und schlechte Mitarbeiter in verschiedene Kategorien ein.
Die Abstufung geht von inkompetent bis kriminell. Barbara Kellerman beschreibt in ihrem Buch «Bad Leadership» die Typen wie folgt:
Inkompetent: Dem Chef fehlt der Wille oder das Können, effektiv zu führen. Die Gefolgschaft kann darunter leiden – bis hin zum Konkurs der Firma.
Stur: Der Chef ist kompetent, aber unfähig, aus seinen Fehlern zu lernen und neue Ideen zu akzeptieren.
Unbeherrscht: Das sind Chefs, die ihre Begierden nicht unter Kontrolle haben – egal, ob es um Geld, Macht, Sex oder Drogen geht. Auch hier sind Anhänger nötig, die solche Eigenschaften dulden.
Gefühlslos und hartherzig (callous): Das ist ein Chef, der sich gegenüber Mitarbeitenden rüde, unfreundlich oder gleichgültig verhält.
Korrupt: Das ist ein Chef, der gemeinsam mit seiner Gefolgschaft lügt, stiehlt oder betrügt.
Abgeschottet (insular): Der Chef handelt auf Kosten anderer. Er minimiert oder ignoriert das Wohlergehen derer, die nicht zu jener Organisation gehören, die er führt.
Bösartig (evil): Das ist ein Chefs, der absichtlich körperlichen oder psychischen Schaden anrichtet oder Verbrechen begeht – oder begehen lässt.
Ohne Getreue können sich schlechte Chefs nicht entfalten. Sie brauchen dazu Anhänger, die sie wirken lassen:
Die Einzelgänger: Diese Mitarbeitenden wissen nicht, was los ist. Sie wollen nicht wissen, was läuft, und wollen sich auch nicht beteiligen.
Die Zuschauer: Sie wissen, was läuft, aber setzen fragwürdigen Tendenzen nichts entgegen.
Die Teilnehmer: Sie machen mit, investieren Zeit und handeln – mal für, mal gegen den Chef.
Die Aktivisten: Sie widmen einen grossen Teil ihres Tages einem einzigen Zweck, einer Firma oder einer Bewegung.
Die Unverbesserlichen: Sie setzen ihr eigenes Leben aufs Spiel, um etwas zu erreichen. Das kann eine Revolution sein, aber auch eine zerstörerische Handlung, die – Hand in Hand mit dem abgeschotteten Chef – auf Kosten der Gemeinschaft geht. (val)
«Bad Leadership» (Engl.), 282 Seiten, ab 39 Franken, bei Orell Füssli für 59.90 Franken.
Frau Kellerman, Sie befassen sich mit schlechten Führungseigenschaften und werfen ehemaligen US-Wirtschaftsführern und Politikern wie Bill Clinton vor, «bad leaders» zu sein. Kennen Sie solche in der Schweiz?
Ich sage nicht, dass US-Manager oder US-Politiker generell schlechte Führer sind. Mein Buch «Bad Leadership» ist eine Antwort auf die, wie ich es nenne, moderne Management-Industrie. Es gibt Zehntausende Bücher, Kurse und Seminare, die auf «gute Führung» fixiert sind. Das ist einseitig. Man kann nicht sinnvoll Manager ausbilden, solange ihre dunklen Seiten ignoriert werden. Anders gesagt: Wir müssen potenzielle Krankheiten eines Managers untersuchen, so wie es ein Arzt mit seinen Patienten tut.
Kennen Sie Marcel Ospel, den ehemaligen UBS-Präsidenten?
Ja. Wenn jemand ein Unternehmen in eine dermassen schwierige Situation geführt hat wie er, so stellen sich zwangsläufig Fragen. Wie immer man über seine Fähigkeiten denkt, man kann sagen: Marcel Ospel war ein schlechter Führer. Nicht in allen Aspekten. Aber einige Elemente seiner Führung brachten die Bank in grosse Schwierigkeiten.
Wirtschaftsführer mit Sanierungsqualitäten sind gefragt. Chefs sparen, Chefs restrukturieren, Chefs entlassen. Welche Härte ist in der Krise akzeptabel?
Bei fast jeder Nachfolge kommt es zu Veränderungen. Der nachfolgende Chef hat einen anderen Charakter oder ist von einer anderen Denkschule. Während einer Sanierung akzentuiert sich der Wechsel. Die Gemeinschaft erwartet einen Führer mit Qualitäten, der das Unternehmen rettet. Es ist typischerweise ein Führer wie US-Präsident Barack Obama, der sagt: «Ihr vertraut mir. Ich führe euch aus dieser misslichen Lage heraus.»
Mit schmerzvollen Einschnitten...
Die Schwierigkeit aller Führer ist, die Opfer zur Überwindung der Krise angemessen zu kommunizieren. Grosse Führer tun dies. Um ein extremes Beispiel zu nennen: Als Winston Churchill nach Kriegsausbruch Ministerpräsident wurde, sagte er, er habe «nichts zu bieten ausser Blut, Mühsal, Schweiss und Tränen». Er machte klar, dass die Briten zu grossen Opfern bereit sein müssen.
Ein Chef muss reinen Wein einschenken?
Klartext reden ist eine gute Eigenschaft, aber viele Führer haben Angst davor. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Obama spricht ständig von Wandel. Dafür verschuldet sich der Staat. In den USA steuern wir auf ein grässliches Staatsdefizit zu. Die Folgen eines solchen Defizits sind den Bürgern aber nicht kommuniziert worden. Steigende Steuern, höhere Rentenalter und so weiter. Nicht selten verschweigen Führer drastische Einschnitte. Dann sind sie schlechte Führer.
Sie teilen die schlechten Führer in sieben Kategorien ein (siehe Kasten). In welche Kategorie fällt beispielsweise Marcel Ospel?
Vor kurzem zählte ich Herrn Ospel in einem Vortrag am Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut zur Kategorie korrupt – nicht unbedingt im juristischen Sinne als Person, sondern im Sinne von gierig. Wenn Leute gierig werden – wie es bei der UBS passiert ist, führt das zwingend zu einem Desaster. Für mich ist es Korruption, wenn Unternehmensführer waghalsig und rücksichtslos Geschäftsrisiken in Kauf nehmen, um viel zu verdienen. Ich bezeichne es als korrupt, wenn Geld alles ist.
In der Schweiz ist korrupt ein juristischer Begriff. Wer geldwerte Vorteile erhält und sich im Sinne des Bestechers verhält, ist korrupt. Sie aber sprechen eher von einer moralischen Art der Korrumpiertheit?
Ja, es ist eine moralische Korrumpiertheit. Trotzdem: die UBS sitzt in den USA auf der Anklagebank. Das ist nicht unwichtig bei dieser Einschätzung.
Sie prangern nicht nur schlechte Führer, sondern auch ihre Gehilfen an. Sie nennen sie Bad Followers. Was meinen Sie damit?
Bei Korrumpiertheit sind nicht nur Chefs, sondern auch Anhänger involviert. Ich unterscheide fünf Typen (siehe Kasten). Beispielsweise ist einer, der bei korrupten Vorgängen bloss zuschaut, aber nichts dagegen unternimmt, ein schlechter Getreuer. Für jeden von uns stellt sich immer wieder die Frage: Sollen wir uns gegen Dinge wehren, die nicht rechtens sind? Führung muss als System von Anführer und Anhänger verstanden werden: Der Führer allein kann nicht schlecht sein, er braucht dazu schlechte Getreue.
In der Schweiz streiken Mitarbeiter äusserst selten. Auch das Verpfeifen gilt als verpönt. Sind Schweizer schlechte Anhänger?
Das kommt auf die Umstände drauf an. In den USA begehren Mitarbeitende auch selten auf. Es gab eine Zeit, als sich Arbeiter in Gewerkschaften organisierten und Streiks ein Mittel waren, um sich zu wehren. Heute werden Leute zu Hunderttausenden entlassen und keiner streikt. Es gab gute Gründe für die Gründung von Gewerkschaften. Sie bildeten ein Gegengewicht zu den Arbeitgebern. Die, die heute entlassen werden, müssen sich dieselbe Frage stellen wie damals: Welches Gegengewicht gibt es zu den Forderungen der Unternehmer? Ich sage: Keines. Es gibt keine Austarierung der Interessen mehr. Es gibt immer mehr Arbeitslosigkeit. In einigen Ländern führte dies zu sozialen Unruhen – nicht aber in der Schweiz oder den USA.
Warum?
Dafür gibt es historische, aber auch aktuelle Gründe. Einer ist das Aufkommen des Internets. Viele Leute kanalisieren ihre Wut in diesem Medium – mit der Folge, dass niemand mehr auf die Strasse geht.
Ist das Internet eine gute Plattform für Proteste?
Das ist noch nicht geklärt. Um ein Beispiel zu geben: Als Präsident George W. Bush für seine zweite Amtszeit zur Wahl antrat, war das Internet voll von Kritik an ihm und Details über die Irreführung der Bürger während des Irak-Krieges. Doch statt dass die Leute wie während des Vietnamkriegs auf die Strasse gingen und gegen den Krieg protestierten, schrieben sie Blogs und Internetseiten voll. Und Bush wurde wiedergewählt. Das legt den Schluss nahe, dass der Protest im Internet nicht wirksam genug ist.
Das Internet saugt den öffentlichen Protest von der Strasse?
Wir wissen noch zu wenig darüber. Das Internet steckt in den Kinderschuhen. Aber es gibt Indizien dafür, dass diese Vermutung stimmt. Der Einfluss des Internets auf die sozialen Beziehungen ist ein wichtiger, unerforschter Bereich.
Schweizer legen wert auf die gütliche Einigung. Sie lernen von klein auf, ihr Unbehagen nicht öffentlich zu ventilieren. Ist das falsch?
Die Schweiz hat eine spezielle Kompromiss-Kultur – etwa im Unterschied zu Deutschland, Frankreich oder Italien. Ihr Fundament sind Kompromisse. Man gibt sich friedfertig, wird nicht wütend und ergreift auch nicht Partei für Dritte. Das sind kulturelle Prägungen, die man keinesfalls als falsch bezeichnen kann. Doch die Schweiz steht international vor mehreren Herausforderungen...
Sie meinen das Bankgeheimnis?
Das ist nur ein Beispiel. Wenn in der «New York Times» auf der Front das Schweizer Bankwesen angeprangert wird, kann das die Schweiz nicht kalt lassen.
Leader hat in der deutschen Übersetzung eine doppelte Bedeutung. Anführer und Führer. Auch Adolf Hitler war ein Führer.
Es gibt deutschsprachige Manager, die das englische Wort Leader aus diesem Grund bevorzugen.
Ist der deutsche Begriff Führer negativ?
Nein. Es gibt gute Führer und schlechte Führer. Gerade das Beispiel Hitlers erzählt viel über gute und schlechte Anhängerschaft. Hitler brauchte Getreue, damit er handeln konnte. Und es gab Anhänger, die einfach zuschauten. Das Gleiche galt etwa für Bill Clinton während des Völkermords in Ruanda Anfang der Neunzigerjahre. Er schaute weg – und alle massgebenden Politiker dieser Welt mit ihm.
Mit Barbara Kellerman sprach Andreas Valda
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.06.2009, 08:33 Uhr
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42 Kommentare
Brauchen wir denn eine Harvard-Professorin die uns sagt, welche Qualitäten der UBS-Boss hatte oder eben nicht hatte? Das wissen doch längst alle Schweizer !!! Wahnsinnig viel verdienen heisst doch noch lange nicht, dass das nur unmoralisch ist sondern auch keinen Top-Qualitätsausweis sein muss. Antworten
Das Problem ist wohl eher, dass die meisten Menschen, die Alternativen nicht mehr sehen! Schon in der Schule macht sich der Einfluss der Wirtschaft breit, die dank getreuen Vasallen in der Politik heutzutage nicht mehr einen Bildungs- sondern vielmehr einen Ausbildungsauftrag resp. -Charakter hat. Da lernt man nicht mehr, selbständig zu denken. Da denkt man mit vorauseilendem Gehorsam. Antworten
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