Müssen wir uns vor dem nächsten Börsencrash fürchten?

An den Aktienmärkten überwiegen wieder die Pluszeichen, die Nervosität scheint verflogen. Also alles paletti? Wohl kaum.

Es gibt Gründe, die für das Ende des Börsencrashs sprechen – aber auch Gründe dagegen: Investoren reagieren auf Bewegungen an der chinesischen Börse. (05.01.2016)

Es gibt Gründe, die für das Ende des Börsencrashs sprechen – aber auch Gründe dagegen: Investoren reagieren auf Bewegungen an der chinesischen Börse. (05.01.2016) Bild: How Hwee Young / Epa

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Der sechswöchige scharfe Kursrückgang, der die Finanzmärkte gleich zu Beginn des Jahres in Atem hielt und an den Rand einer Panik trieb, hat einer spürbar aufgehellten Stimmung unter den Börsianern Platz gemacht. Seit Mitte Februar bewegen sich die wichtigen Aktienindizes weltweit wieder aufwärts, wenngleich die vorgängigen Verluste noch nicht wettgemacht sind; das gilt insbesondere für die Bankaktien. Der Schweizer Leitindex SMI beispielsweise übersprang gestern erstmals seit einem Monat die psychologisch wichtige Marke von 8000 Punkten (heute Morgen ist er wieder darunter gefallen).

Der Stimmungsumschwung an den Märkten überrascht insofern, als sich die Ausgangslage für die Weltwirtschaft nicht grundlegend verändert und jedenfalls nicht zum Besseren gewendet hat. Nachfolgend zuerst eine Auslegeordnung jener Faktoren, die kursstützend wirken; anschliessend folgen die negativen Einflüsse.

3 Gründe, warum der Börsencrash vorbei ist

1. Notenbanken halten die Märkte «flüssig»

Nach wie vor spielen die Währungshüter eine matchentscheidende Rolle für die Stimmung an den Finanzmärkten und die Einschätzung der Kursperspektiven. Offenkundig bauen die Marktakteure fest darauf, dass die Notenbanken ihre Geldschleusen weit offen lassen und dadurch die Neigung der Anleger zu risikoträchtigeren Investments (Aktien, Unternehmensanleihen) aufrechterhalten werden. Indiz hierfür sind die Renditen von Staatsanleihen Deutschlands und Japans, die sich in Sichtweite ihrer Tiefststände bewegen; das stützt die Aktienmärkte.

Zu Wochenbeginn hat die chinesische Notenbank im Wettlauf um eine Lockerung der geldpolitischen Zügel bereits «vorgelegt»: mit einer Reduktion der Mindestreserveanforderungen an die Geschäftsbanken, sodass Letztere nun (noch) mehr Kredite vergeben können. Nächste Woche wird die Europäische Zentralbank (EZB) nach allgemeiner Einschätzung ein neues Massnahmenpaket lancieren, das zusätzliche Anleihenaufkäufe und eine weitere Anhebung der Negativzinsen umfassen dürfte.

Was die US-Notenbank anbelangt, so gehen die Erwartungen dahin, dass sie sich mit weiteren Leitzinserhöhungen mehr Zeit lassen wird.

2. Ölmarkt stabilisiert sich auf tiefem Niveau

Seit Mitte Februar haben sich die Ölnotierungen, gemessen an der Benchmark-Sorte Brent, um mehr als ein Fünftel erhöht und bewegen sich nun oberhalb der Marke von 35 Dollar je Fass; im Januar kostete Nordsee-Öl zeitweilig weniger als 28 Dollar. Diese Entspannung hat die Befürchtungen bezüglich der hohen Kreditvergaben amerikanischer Banken an die Fracking-Produzenten – von denen etliche bei diesen Tiefpreisen nicht mehr kostendeckend Öl fördern können – etwas in den Hintergrund treten lassen.

3. Abrücken vom Worst-Case-Szenario für die Banken

Das Börsengewitter von Anfang Jahr hat sich mit besonderer Heftigkeit über den Banken entladen. Die Marktakteure zeichneten ein Szenario, in dem sich so gut wie alles gegen die Geldhäuser verschworen hat. Neben den erwähnten Kreditausständen in der Ölindustrie schreckte vor allem die Aussicht auf eine weitere Verbreitung und Forcierung der Negativzinspolitik durch die Notenbanken, nachdem im Februar auch Japan auf dieses unkonventionelle Instrument zurückgegriffen hatte. Unter einem Negativzins-Regime, so die Bedenken, falle es den Banken noch schwerer, Gewinne im Zinsdifferenzgeschäft zu erzielen.

An diesen schwierigen Rahmenbedingungen hat sich zwar nichts geändert, doch sind die Kurse der Banktitel bis Mitte Februar so tief gefallen, dass Investoren günstige Einstiegschancen witterten. Darüber hinaus liessen die Notenbanken in jüngerer Zeit durchblicken, dass sie sich der schädlichen Nebenwirkungen von Negativzinsen auf die Finanzhäuser bewusst seien. Erst gestern versicherte Benôit Coeuré, Mitglied des EZB-Direktoriums, man werde die nachteiligen Folgen der Negativzinsen auf das Kreditgeschäft der Banken möglichst zu mildern trachten. Auch mit Blick in die USA hoffen die Marktakteure auf Zeichen der Besserung: Sollte die US-Notenbank die Zinsen noch für geraume Zeit unverändert lassen, obwohl die Inflationsrate weiter zulegt, so dürften die langfristigen Zinsen zu steigen beginnen – und damit auch die Zinsmargen der Banken.

Was aber, wenn jene Faktoren an den Märkten die Oberhand behalten, die massgeblich die jüngsten Marktturbulenzen ausgelöst haben? Es gilt, vor allem diese zu beachten.

3 Gründe, warum wir noch nicht aufatmen können

1. China ist noch nicht über den Berg

Die Fragezeichen rund um die Entwicklung der weltweit zweitgrössten Wirtschaft sind nicht geringer geworden – im Gegenteil. Die Ratingagentur Moody's hat dies in aller Deutlichkeit in Erinnerung gerufen mit ihrer kürzlichen Warnung, die Bonität Chinas zurückzustufen. Ob sich die massiv überschuldete und von Überkapazitäten in der Industrie geplagte Wirtschaft mit immer neuen Geldspritzen und Kreditvergaben auf Trab halten lässt, wird zusehends bezweifelt. Kurzfristig der heikelste Angriffspunkt ist indes der Aussenwert des Yuan: Sollte die chinesische Landeswährung einen erneuten Schwächeanfall erleiden – begleitet noch von weiteren signifikanten Rückgängen der Devisenreserven des Landes –, dürfte die Schönwetterphase an den Finanzmärkten rasch zu Ende gehen.

2. Politische Risiken wiegen schwer

Erfahrungsgemäss tun sich die Börsenakteure schwer, die Sprengkraft politischer Risiken angemessen einzuschätzen. Dies offenbarte sich wiederholt während der europäischen Schuldenkrise und der Auseinandersetzungen zwischen Griechenland und seinen Europartnern, als die Märkte von abrupten erratischen Kursausschlägen erschüttert wurden, obwohl die ihnen zugrunde liegenden Ereignisse längst absehbar gewesen waren.

Ähnliches könnte sich im Laufe dieses Jahres wiederholen – etwa mit Blick auf das im Juni anberaumte EU-Referendum in Grossbritannien oder die im November stattfindenden US-Präsidentschaftswahlen. Während das britische Pfund deutlich an Wert verlor, nachdem sich der charismatische Londoner Bürgermeister Boris Johnson als Brexit-Befürworter zu erkennen gegeben hatte, reagierte die Börse bislang ziemlich gelassen auf den höchst ungewissen Ausgang der Abstimmung. Und das, obwohl ein Ausscheiden der Briten aus der EU mit schweren Nachteilen für die Gesamtwirtschaft und insbesondere für den Londoner Finanzplatz verbunden wäre.

Manche Beobachter erachten die politischen Risiken auch in den Kursen von US-Wertpapieren als deutlich zu gering gewichtet. Das betrifft insbesondere den Aufstieg von Donald Trump zum kaum noch zu bremsenden Präsidentschaftsbewerber der Republikaner. Der exzentrische Immobilienmilliardär steht für Protektionismus und ansonsten für grösstmögliche Unberechenbarkeit – beides mögen Börsianer überhaupt nicht. Haben die Finanzmärkte dem bislang nicht stärker Rechnung getragen, weil sie von einem Wahlsieg von Hillary Clinton so überzeugt sind? Mag sein. Das heisst aber im Umkehrschluss: Sollte die Wahlkampagne der demokratischen Kandidatin – die aus Sicht der Wirtschaft als die überzeugendste Variante gilt – in Schwierigkeiten geraten, könnte auch der Wind an den Märkten abrupt drehen.

3. Enttäuschende Unternehmensergebnisse

Die Berichtssaison der amerikanischen Firmen endete ernüchternd. Die im Leitindex S & P 500 enthaltenen Unternehmen verzeichneten im vierten Quartal 2015 einen durchschnittlichen Gewinnrückgang von 3,5 Prozent, verglichen mit dem gleichen Vorjahresquartal. In Europa, wo noch nicht alle Quartalsberichte vorliegen, rechnen Analysten mit einer durchschnittlichen Gewinneinbusse von «nur» 1,2 Prozent – dafür aber mit einem mittleren Umsatzminus von happigen 5,7 Prozent.

Noch schwerer wiegen indes die deutlich zurückgenommenen Vorhersagen für das laufende Quartal: Rechneten Analysten zur Jahreswende mit einem mittleren Gewinnwachstum von 2,3 Prozent für die grössten US-Firmen, so gehen sie inzwischen – unter dem Eindruck der mageren Schlussquartalsergebnisse – von einem Gewinnrückgang von 5,7 Prozent aus. Im globalen Massstab, gemessen am MSCI-Weltindex für die entwickelten Länder, haben Analysten die Gewinnprognosen für das laufende Gesamtjahr im Vergleich zum Sommer 2015 sogar um 12 Prozentpunkte gekürzt, wie die «Financial Times» berichtete. Vor diesem Hintergrund scheint der Spielraum für weitere Kursgewinne nicht eben gross zu sein. Dies gilt umso mehr, als die aktuellen Aktienbewertungen auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses im historischen Vergleich bereits jetzt ziemlich stolz sind, namentlich in den USA.

(Erstellt: 03.03.2016, 19:40 Uhr)

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